Karlsruhe Facetten der Malerei: "umgehängt 2018" in der Städtischen Galerie

Seit etwa zehn Jahren präsentiert die Städtische Galerie Karlsruhe ihre Dauerausstellung unter dem bildhaften Begriff "umgehängt", um unmittelbar deutlich zu machen, dass dieser Bereich im ersten Obergeschoss regelmäßig neu konzipiert wird.

Die reichen Bestände der Städtischen Kunstsammlung und der Sammlung von Ute und Eberhard Garnatz mit Werken aus den 1960er- bis in die 2010er-Jahre werden unter immer neuen Vorzeichen und in unterschiedlichsten Konstellationen vorgestellt, so dass die Besucher auf ein breites Spektrum von eher selten gezeigten bis zu vertrauten Kunstwerken treffen.

Im Mittelpunkt der aktuellen Schau "Facetten der Malerei" steht das traditionsreiche Medium und seine experimentelle Öffnung zu anderen Kunstgattungen. Vor dem Hintergrund der veränderten künstlerischen Haltungen in den 1960er-Jahren mussten sich die Maler neu orientieren. Sie begannen ihr Medium zu hinterfragen, erkundeten seine spezifischen Möglichkeiten und erweiterten diese auf unterschiedlichste Weise.

Farbe als bestimmendes Element der Malerei

Sie setzten sich mit historischen Positionen auseinander, nahmen Elemente der Alltagskultur in ihr Werk auf und bezogen den realen Raum mit ein. Inhaltlich wandten sie sich einem breiten Spektrum zu – Natur- und Menschendarstellungen gehören ebenso dazu wie Alltagsgegenstände und gesellschaftspolitische Themen.

Brigitte Baumstark, Leiterin der Städtischen Galerie Karlsruhe
Brigitte Baumstark, Leiterin der Städtischen Galerie Karlsruhe | Bild: tfr

Die Möglichkeiten der Farbe als bestimmendes Element der Malerei untersuchten die Künstler der Nachkriegszeit und nahmen sie als Ausgangspunkt für ihre experimentellen Arbeiten. Emil Schumacher, ein bedeutender Vertreter des Informel, entwickelt aus einer offenen und prozesshaften Arbeitsweise seinen authentischen Stil, indem er Farbe pastos auftrug und ihre Stofflichkeit zur Gestaltung einer reliefhaften Oberfläche nutzte, wie sein spätes Werk "Mansur" von 1998 beispielhaft zeigt.

Piene Gründungsmitglied der legendären Gruppe ZERO

Er gestaltete archaisch anmutende Zeichen und Strukturen, die Assoziationen zu Bodenoberflächen und Landschaft hervorrufen. Otto Piene ging radikal mit dem leuchtend roten, homogenen Grund des Gemäldes "Sky Red, Sun Black" von 1966 um. Mit einer zentral darauf gerichteten, offenen Flamme ließ er die Farbe schmelzen.

Das Ergebnis, die blasig-krustige Struktur der Bildoberfläche, fungiert als unmittelbares Sinnbild für Energie und Zerstörung. Piene war Gründungsmitglied der legendären Gruppe ZERO. Ihr Name leitet sich ab vom Countdown des Raketenstarts und symbolisiert einen kompromisslosen Neubeginn. Licht, Bewegung, Raum und Zeit sollten die wesentlichen Elemente ihrer Kunst sein.

Porträt eines lachenden Bäckers in Arbeitskleidung

Das Oeuvre von Sigmar Polke steht ebenfalls für einen experimentellen Umgang mit den künstlerischen Techniken – auch der Malerei. Statt der üblichen Leinwand wählt er unter anderem Bibertücher (wie beim "Reiherbild IV", 1969) und Polyestergewebe als Bildträger. Er trug die Farbe pastos auf, drückte sie direkt aus der Tube auf den Bildträger oder nutzte sie dünnflüssig-verlaufend.

Impression "umgehängt 2018"
Impression "umgehängt 2018" | Bild: tfr

Polke gehört auch zu den Künstlern, die Elemente der Alltagskultur in ihre Werke aufnahmen. Beispielhaft hierfür sei auf das Gemälde "Berliner (Bäckerblume)" von 1965 verwiesen. Anregung für diese Arbeit bot die kostenlose Kundenzeitschrift "Bäckerblume" beziehungsweise die Verpackung des gleichnamigen Mehls mit dem zentralen Porträt eines lachenden Bäckers in Arbeitskleidung. Polke griff das Bildnis auf und übertrug es vergrößert in seine schwarz-weiße Komposition aus Rasterpunkten, die er aus der Technik des Siebdrucks ableitete.

Hinterfragen historischer Phänomene

Das kritische Hinterfragen historischer wie zeitgenössischer Phänomene und Ereignisse prägte die Malerei seit den 1960er-Jahren in besonderem Maße. Ein anspielungsreiches Beispiel ist die Serie der "Heldenbilder" von Georg Baselitz, aus der das Gemälde "Der Exote" von 1966 gezeigt wird.

Hierin stellte der Künstler den plakativ formulierten Heroen der nationalsozialistischen und später der ostdeutschen Propaganda eine sensibel und verletzlich wirkende Gestalt in einer offenen Malweise entgegen. Jörg Immendorff setzte sich intensiv mit dem deutsch-deutschen Verhältnis in den Zeiten des Kalten Krieges auseinander. In seiner Serie "Café Deutschland" griff er dieses Thema anspielungsreich und zum Teil karikierend auf. Im Vordergrund sind die Künstlerfreunde Immendorff und der im Osten lebende A. R. Penck wiedergegeben, die scheinbar malend die Grenzen überwinden.

Öffnung der Malerei mit dem Informel

Die experimentelle Öffnung der Malerei zu anderen Kunstgattungen setzte in der Nachkriegszeit mit dem Informel ein und führte schließlich zur völligen Auflösung der Gattungsgrenzen. Bernard Schultze, ein bedeutender Vertreter dieser künstlerischen Haltung und Teil der Avantgarde, veränderte seit der Mitte der 1950er-Jahre seine Malerei grundlegend, indem er Stoffreste, Äste, Drähte auf der Bildfläche anbrachte und so zu organisch wuchernden Reliefs gelangte. Sie erinnern in ihrer Form und Farbgebung an Landschaften.

Peter Brüning brach in seinem Gemälde "Rhein", 1966, die streng rationale Begrenzung der Leinwand auf, gestaltete den Bildrand wellenförmig und verwies so auf den im Titel genannten Flusslauf. Die erwartete Landschaftsdarstellung ersetzte er durch kartografische Chiffren. Jörg Immendorffs überlebensgroße Babydarstellungen entstanden in engem Zusammenhang mit seinen provozierenden, politisch motivierten Performances und Mal-Aktionen. Der Künstler nutzte diese Gemälde auch im Rahmen der Performances, indem er die Babies scheinbar am Geschehen beteiligte oder als imaginäres Publikum einsetzte.

Monumentale Arbeit "Zu Hause mit Frontex"

Das großformatige Gemälde "Denn im wärmenden Schosse bringt der Leib männliches Geschlecht zur Welt", 1982 von Walter Stöhrer, kann beispielhaft für das Werk des Künstlers stehen, der immer wieder malerische Partien, zeichnerische Strukturen und Textfragmente zu dichten expressiven Kompositionen vereinte.

In seiner monumentalen Arbeit "Zu Hause mit Frontex" aus dem Jahre 2010 führt Franz Ackermann Malerei, Zeichnung, Aquarell, Relief, Fotografie und Installation zu einem eindrucksvollen, farbintensiven und raumfüllenden Gesamtkunstwerk. Diese umfassende Verknüpfung der künstlerischen Medien setzt Benno Blome fort. Als ehemaliger Schüler Franz Ackermanns wurde er 2017 mit dem Werner-Stober-Preis ausgezeichnet.

Die dazu gehörige Präsentation wird am Mittwoch, 7. Februar, eröffnet. Nach dem Ende der Laufzeit wird die Sammlungsschau in diesem Bereich ergänzt mit Werken von Helmut Dorner, Erwin Gross, Gustav Kluge und Gerhard Mantz.

Künstler und Künstlerinnen: Margit Abele, Franz Ackermann, Peter Ackermann, Georg Baselitz, Max Bill, Gundula Bleckmann, Peter Brüning, Rolf-Gunter Dienst, Helmut Dorner, Gerd van Dülmen, Sabine Funke, Nele-Marie Gräber, Erwin Gross, Otto Herbert Hajek, Peter Herkenrath, Leni Hoffmann, Jörg Immendorff, Per Kirkeby, Herbert Kitzel, Harald Klingelhöller, Gustav Kluge, Heinrich Klumbies, Harry Kögler, Dieter Krieg, Rainer Küchenmeister, Arnulf Letto, Markus Lüpertz, Heinz Mack, Gerhard Mantz, A. R. Penck, Otto Piene, Sigmar Polke, Hans Peter Reuter, Emil Schumacher, Walter Stöhrer,
Günther Uecker, Günter Umberg, Corinne Wasmuht.

Termin: 31. Januar 2018 bis Frühjahr 2019. Städtische Galerie, Karlsruhe

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