Karlsruhe Der ka-news.de-Kino-Tipp: Joaquin Phoenix brilliert als "Joker"

Jeden Freitag gibt's eine kräftige Dosis Kultur, verabreicht von ka-news.de-Kulturredakteur Toby Frei, und zwar in der Kolumne "Kultur-Tipp". Heute: Was passiert mit Menschen, die am Rande einer herzenskalten Gesellschaft geradezu dahinvegetieren, von niemandem ernsthaft beachtet. Und irgendwann geschieht etwas, womit keiner gerechnet hat. Wie bei Arthur Fleck.

Liebe Film-Fans,

irgendwann tritt Arthur (einzigartig diabolisch: Joaquin Phoenix) über die psychologische Schwelle und erschießt drei Snobs, die ihn zuvor verprügelt und gedemütigt hatten. "Joker" ist eine einzige Katharsis, Phoenix bringt in aller Härte das zu Ende, was (der zu früh verstorbene) Heath Ledger 2009  begonnen hatte, der sich mit großer Intensität und einer gehörigen Portion Wahnsinn posthum einen "Oscar" erspielte.

"Joker" ist ein Film, der in sich unglaublich verletzlich ist, man hat ständig das Gefühl, alles könnte kippen - was es letztendlich auch tut. Über die Story gibt's von mir kein Wort, man muss diesen Streifen selbst erleben, in sich aufsaugen, um zu erfahren, wie meisterhaft Regisseur Todd Phillips (beispielsweise erfolgreich mit der prollig-witzigen "Hangover"-Trilogie ) Gotham und seine kaltherzigen/revolutionären Einwohner zu inszenieren weiß. Und wie Arthur Fleck zum kaltblütigen Mörder Joker wird.

Epochale Leistung von Joaquin Phoenix

Wie soll man diese epochale Leistung von Joaquin Phoenix nur beschreiben? Ich versuche es mal ganz ungebunden und lasse es einfach mal laufen:  Der Schauspieler liefert hier eher eine Performance statt Schauspiel, eine Tour de Force, intensiv wie selten ein Akteur. Man sieht ihm (auch körperlich) den Schmerz regelrecht an, dem ihm die Gesellschaft täglich bereitet, ihn allmählich erkranken lässt und abstößt wie ein menschliches Furunkel, und die ihren Ekel über Nonkonformes nur mühsam verbergen kann.

Was auffällt: Die Kamera von Lawrence Sher ist außerordentlich empathisch, sehr nahe dran an seinen Protagonisten,, speziell Phoenix wirkt unglaublich sensibel und zerbrechlich in Großaufnahme, man verliert sich in diesen verzweifelt schönen Clowns-Augen, die so viel Elend sehen und ertragen müssen. Der 44-Jährige vertieft, ja verliert sich gerne in seinen atemberaubenden Rollen (Phoenix war einst ein großartiger Johnny Cash) - man könnte  Absätze schreiben über diesen Jahrhundertschauspieler.

In Venedig hat "Joker" heftig abgeräumt

"Joker" ist ein unglaublich verstörender und beeindruckender Streifen, eher Arthaus denn Blockbuster, die Zahlen sagen allerdings etwas anderes - die Einnahmen speziell in den Staaten sind exorbitant, auch der Deutschlandstart war vielversprechend. In Venedig hat "Joker" ebenfalls heftig abgeräumt und den Goldenen Löwen geholt. Das sagt vieles über die Ambivalenz dieses Werks aus,  es ist vor allem künstlerisches Kino, welches auch vor expliziten Gewaltszenen nicht zurückschreckt.

Was bleibt final festzuhalten: "Joker" ist ein kleines Meisterwerk, eher Indie als Kommerz, geht in alle Tiefen des menschlichen Lebens und hat einen Hauptdarsteller, der sich anschickt, einer der ganz Großen der Filmgeschichte zu werden. Alles in allem also ganz großes kleines Kino mit feinstem Sinn für Nuancen.

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