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Karlsruhe "Archäologie in Baden" ab Mitte Juli im Badischen Landesmuseum: Das Museum der Zukunft - oder wie Besucher zu Nutzern werden

Ich weiß, es gleitet ein wenig ins Umgangssprachliche ab, aber das ist eine "Hammer"-Schau, die am 13. Juli im Badischen Landesmuseum offiziell eröffnet wird.

Die neu eingerichtete Sammlungsausstellung "Archäologie in Baden - Expothek¹" folgt einem revolutionären Konzept: In der Expothek, dem Herzstück der Ausstellung, können Nutzer ab dem 13. Juli ihr kulturelles Erbe im wahrsten Sinne des Wortes mit den Händen greifen.

Sich Jahrtausende alte Objekte persönlich vorlegen zu lassen oder als 3D-Scan für die Zukunft zu sichern soll für ein einzigartiges und unmittelbares Museumserlebnis sorgen. Die Ausstellung steht im Rahmen des Jubiläumsjahrs unter der Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg Winfried Kretschmann.

Eckart Köhne, Direktor des Badischen Landesmuseums
Eckart Köhne, Direktor des Badischen Landesmuseums | Bild: Eric Reiff

Der badische Raum bot schon in prähistorischer Zeit ein attraktives Lebensumfeld: Seit der frühen Steinzeit sind von Heidelberg bis zum Bodensee die unterschiedlichsten Kulturen nachgewiesen. Ihre materiellen Zeugnisse repräsentieren einen exemplarischen Querschnitt der Kulturgeschichte der Menschheit.

In der neuen Ausstellung illustrieren 13 Highlight-Stationen die wesentlichen Entwicklungsschritte: Die chronologische Reise beginnt vor über 600.000 Jahren in der Altsteinzeit beim Homo heidelbergensis. Über Faustkeile, Beile und Objekte der metallischen Revolution geht es bis zu den Karolingern. Höhepunkte der neuen Schau sind ein bei Karlsruhe gefundener, in Bronzedraht gefasster Eberzahn (1200 bis 1100 v. Chr.), der sogenannte Heidelberger Kopf aus der Keltenzeit und ein bei Altlußheim gefundenes, vermutlich in Südrussland hergestelltes, kostbares Schwert aus dem 5. Jahrhundert n. Chr..

Impression "Archäologie in Baden" im Badischen Landesmuseum
Impression "Archäologie in Baden" im Badischen Landesmuseum | Bild: Eric Reiff

All diese kulturellen Höhepunkte sind nun im Badischen Landesmuseum auf neue Weise zu erleben; Schlüssel hierfür ist der Nutzerausweis. Er ist nicht nur eine ganzjährige Eintrittskarte, sondern auch ständiger Begleiter durch die Ausstellung und macht individuell angepasste Informationen an den Vitrinen sichtbar: In deutscher und englischer Sprache oder in einer für Kinder aufbereiteten Form mit dem Robotermaskottchen Expi.1. Darüber hinaus bietet der Nutzerausweis vielfältige Funktionen wie das Recherchieren und Bestellen von Objekten zur Vorlage sowie das Speichern von Lieblingsstücken und Highscores bei digitalen Spielen.

Mit diesem neuen, partizipativen Ansatz wird das künftige Museumskonzept des Badischen Landesmuseums erstmals umgesetzt und für die Bürger erfahrbar. Die Exponate sollen allen zugänglich gemacht werden - zuhause, unterwegs und vor Ort in den Sammlungen. "Es ist unsere Interpretation des modernen digitalen und analogen Museums mit einer besonderen Emotionalität", so Museumsdirektor Eckart Köhne.

Impression "Archäologie in Baden" im Badischen Landesmuseum
Impression "Archäologie in Baden" im Badischen Landesmuseum | Bild: Eric Reiff

"Die 'Archäologie in Baden' ist dabei die erste Testfläche der Sammlungspräsentation, in der Besucher individuelle Informationen abrufen und sich spielerisch mit Objekten auseinandersetzen können. Dahinter steht eine umfassende digitale Strategie: Ein Online-Katalog macht Objekte frei zugänglich und recherchierbar, mit dem Nutzerausweis erhält jeder einen personalisierten User-Account."

Herzstück dieses neuen Museumskonzeptes und der neuen Sammlungsausstellung ist die Expothek. Der hell erleuchtete Raum gleicht einem Forschungslabor: Es ist der Arbeitsplatz von sogenannten Explainerinnen und Explainern. Sie legen Objekte vom 50.000 Jahre alten Faustkeil bis zum frühmittelalterlichen Schwert persönlich vor, die von Nutzern online vorab bestellt wurden. So kann jeder ganz unmittelbar am Jahrhun-derte alten Original erfahren, wie fein beispielsweise eine frühzeitliche Gewandfibel gearbeitet wurde, und erhält einen ganz neuen - auch emotionalen - Zugang zu den Objekten.

Besucher werden selbst zu Forschern

Die Explainer stehen auch bei der Erkundung der weiteren digitalen und analogen Angebote mit Rat und Tat zur Seite. Mit einem ExpoPhone als "digitaler Lupe" lassen sich die Exponate genauer erforschen: Richtet man die Kamera auf die Vitrinen, können über Augmented Reality detaillierte Informationen abgerufen werden.

Die Besucher werden so selbst zu Forschern. An den Medientischen können sich Nutzer individuell mit den Objekten ihrer Wahl auseinandersetzen, verschiedene Recherche-Tools nutzen und multimedial aufbereitete Geschichten erleben. Quizfragen und Puzzles fordern die Besucher in drei unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden heraus.

Impression "Archäologie in Baden" im Badischen Landesmuseum
Impression "Archäologie in Baden" im Badischen Landesmuseum | Bild: Eric Reiff

Als moderne Jäger und Sammler begeben sie sich mit dem ExpoPhone auf die Suche nach einem virtuellen Tierchen, das sich zwischen den Exponaten versteckt und durch Augmented Reality sichtbar wird. Oder sie folgen einer Schnitzeljagd und können so Objekte zu Themen wie "Haus und Handwerk" oder "Erben und Sterben" ausfindig machen.

Zur Bewahrung ihres eigenen kulturellen Erbes tragen die Nutzer an einer 3D-Digitalisierungsstation bei: Ein Roboterarm erfasst die zuvor bestellten Objekte dreidimensional und überträgt die Angaben in die Datenbank des Museums, wo sie über den Digitalen Katalog für alle Nutzer zugänglich sind. Diese intuitiv bedienbare und leicht verständliche 3D-Digitalisierungsstation wurde durch Förderung der Klaus Tschira Stiftung möglich.

Impression "Archäologie in Baden" im Badischen Landesmuseum
Impression "Archäologie in Baden" im Badischen Landesmuseum | Bild: Eric Reiff

Im letzten Raum der Ausstellung, dem ExpoLab, wird Geschichte virtuell lebendig: Sechs Sitzplätze mit Virtual Reality-Brillen laden dazu ein, in vergangene Lebenswelten einzutauchen und die ausgestellten Objekte in ihrem ursprünglichen Kontext zu erleben. In 360°-Panorama-Szenen wird das Schicksal eines Kriegers, das Leben in einem Langhaus oder der Herstellungsprozess in einer Metallgießerei visualisiert.

Die Erfahrungen aus dem Pilotprojekt "Archäologie in Baden" sollen in die künftige Umsetzung des Museumskonzeptes einfließen – und nach und nach auf alle Sammlungsbereiche des Hauses übertragen werden. Insofern ist "Archäologie in Baden" der Startschuss für das Museum der Zukunft. Zum Auftakt der neuen Ausstellung und zur Feier seines 100-jährigen Jubiläums richtet das Badische Landesmuseum vom 13. bis 14. Juli ein großes Museumsfest aus.

Termin: ab 13. Juli, Badisches Landesmuseum, Schloss Karlsruhe

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Kommentare (1)
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  •   barheine
    (103 Beiträge)

    03.07.2019 16:19 Uhr
    Wird...
    ...am Oberrhein eigentlich auch Luftbildarchäologie betrieben? Ich bin sicher, dass man auf Wiesen, Feldern und besonders in den Wäldern der Region spannende Funde aus der Römerzeit machen würde.
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