Um 1900 erobert der Jugendstil Europa – mit anmutigen Ornamenten und zarten floralen Motiven, vor allem aber mit seiner faszinierenden Vielfalt weiblicher Abbildungen. Feen oder Naturgöttinnen stehen als positiv besetzte Figuren dunkel-sinnlichen Darstellungen wie der männermordenden Medusa oder kampfbereiten Amazonen gegenüber.

Die vorwiegend männlichen Künstler setzen sich in ihren Werken mit den Umbrüchen und Widersprüchen ihrer Zeit auseinander: Wissenschaftliche Erkenntnisse sowie neue philosophische und religiöse Ansätze erschüttern das bisherige Menschenbild. Fortschrittsglaube prallt auf Kulturpessimismus. Im Rückbezug auf die Bildwelten von Märchen, Mythen oder Antike erschaffen die Künstler eine phantasievolle Kunstwelt.

Mit der Industrialisierung etablieren sich in den Städten aber auch neue Formen der Konsum- und Unterhaltungskultur. In der aufblühenden Werbewelt werden Frauen zu Ikonen stilisiert. Weibliche Abbildungen zieren Alltags- und Luxusprodukte und schmücken die internationalen Werbeplakate, wie die Ausstellung eindrücklich illustriert. Zugleich verlangt die aufkeimende Frauenbewegung nach Bildung und Berufstätigkeit, gesellschaftlicher
Teilhabe und politischer Mitsprache. Dieses weibliche Selbstbewusstsein findet seinen Widerhall in neuartigen Objekten: vom Damenfahrrad über Schmuck bis hin zur (Freizeit-)Kleidung. Gespiegelt wird jedoch nicht nur die Lebenswelt der modernen Frau, die Ausstellung bereitet zugleich den Künstlerinnen selbst eine Bühne: Weltstars wie Sarah Bernhardt, erfolgreichen Unternehmerinnen wie Emmy Schoch oder heute nur noch wenig bekannten Malerinnen wie Julie Wolfthorn.

So zeichnet die Ausstellung die faszinierende und facettenreiche Welt des Jugendstils mit all ihren Ambivalenzen nach und lässt zudem erkennen, dass grundlegende Fragen bis heute nicht an Brisanz verloren haben. Die etwa 200 Objekte aus bedeutenden Sammlungen in Belgien, den Niederlanden und Deutschland laden gleichermaßen zum Genießen und zum Nachdenken ein.


Göttinnen des Jugendstils
18.12.2021 – 19.6.2022
Sonderausstellung, Schloss Karlsruhe
Öffnungszeiten: Di–So, Feiertage 10–18 Uhr
(24. und 31.12. geschlossen, 1.1. geöffnet 13 – 18 Uhr)

Eintritt: 12 Euro, erm. 9 Euro, Kinder (6–17 Jahre) 4 Euro
www.landesmuseum.de

 

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