2  

Karlsruhe Schandmaul, Furt & Hügel-Hits zum "Fest"-Samstag

Die Rockschiene fuhr am Auftakttag mit Blick aufs Hauptbühnenprogramm nur Schmalspur; aber im Grunde ist doch nachrangig, wer beim "Fest" den Ton angibt. Am Samstag gab's den Ausgleich: mit Schandmaul, der halben Ärzte-Belegschaft in Person von Farin Urlaub sowie dem Geburtstagsgig der Rockshop-Mitarbeiterband Pop Shock und den vermeintlich besten Hügel-Hits aus 25 Jahren.

Der Konzertbericht von Patrick Wurster

Die aus dem Münchner Umland stammenden Schandmäuler kennen Karlsruhe bislang vornehmlich von unten; nämlich vom Substage aus. Jetzt geht's gleich nach ganz oben: "Fest"-Hauptbühne vor dem Mount Klotz. Ihr verspielter Folk mit mittelalterlichem Instrumentarium um Schalmei, Drehleier und Dudelsack zu kernigem Rock, angereichert mit märchenhaften Geschichten, die Gegenwart und Mythos verwischen, lassen bereits um 19 Uhr die "Walpurgisnacht" in der Günther-Klotz-Anlage anbrechen.

"Das Leben kann so schön sein, wenn das Wetter danach ist" - Farin Urlaub und sein zwölfköpfiges, vielfach weibliches Racing Team (kurz Furt) inklusive Bläser-Register vertonen im Anschluss wohl nicht nur die Gedanken von "Fest"-Organisator Rolf Fluhrer.

Frauenrockbands genießen ja allein ob ihrer Seltenheit per se einen hohen Schauwert; und der Blick mag sich nicht so recht entscheiden können zwischen Schlagzeugerin Rachel, Rhythmusgitarristin Nessie, Basserin Cindia und dem wasserstoffblonden Honigkuchenpferd mit den nach hinten gegelten Haaren. Mit weiterer Unterstützung der drei mähneschüttelnden Background-Sängerinnen im schwarz-roten Flamenco-Kleid und einer satten Busters-Bläser-Fraktion verkünden Furt allerlei "Wahrheiten übers Lügen“ vom aktuellen Album; die launige, bis zum bengalischen Hügel-Feuer ausartende Stimmung befeuert Urlaub mit Hüpf-La-Ola und Mitsing-Aktionen; doch dank "Zehn" soll der ultimative Abschuss in Sachen Publikumsbeteiligung erst noch kommen: "...und dann will ich euch springen sehen!"

Jubiläumsprogramm mit Startschwierigkeiten

Für einige war der Abend vor der Hauptbühne damit bereits gelaufen, ohne dem verordneten Höhepunkt eine Bewährungschance zu geben. Wer von außerhalb zum "Fest" angereist ist, kann den Programmpunkt Pop Shock sicher nicht auf Anhieb verorten und die Erklärung vor Programmstart schadet auch manch Einheimischem nicht: Der Rock Shop, Karlsruhes Musik-Haus- und Hofausstatter, ist nicht nur deshalb eng mit dem Umsonst-und-draußen-Festival verbunden, weil die Firma aus Neureut nach wie vor für Ton und Licht sorgt; die Bande reichen bis zur Gründung in Person von Dieter Moser vom Stadtjugendausschuss und den Rock-Shop-Chefs Rudi Metzler und Gerd Gruss zurück. Zur 25. "Fest"-Ausgabe hat die 15-köpfige Rock-Shop-Mitarbeiterband Pop Shock daher ein Jubiläumsprogramm zusammengestellt und "Hits von vielen, vielen Bands, die in den vergangenen 25 Jahren den Hügel zum Beben gebracht haben" angekündigt.

Doch Pop Shock mühen sich trotz einer mehr als anständigen Vorstellung lange vergeblich um das, was den Original-Künstlern teils spielend gelungen ist: Schon der Auftakt mit Neneh Cherrys "Seven Seconds" gerät zu fad, auch "I Can See Clearly Now" in Vertretung von Jimmy Cliff und Chaka Khans "Ain't Nobody" können das Eis zwischen Bühne nicht antauen: Die Skepsis der zahlreich Ausharrenden weicht einem Gefühl der Bestätigung - der Hügel hat Platz genommen und beschränkt sich aufs Lauschen. Selbst bei Sunrise Avenues "Fairytale Gone Bad", "Weg" von den Fantastischen Vier und dem Guano-Apes-Kracher "Open Your Eyes" geht nicht viel. Und die peinlich-provinziellen Ansagen Marke "Mir sinn aus Kallsruh" sorgen im Publikum mehr für Spott denn Nähe. Dann erklingen Faithless.

Das vom weißen Maxi Jazz Patrick Lemm oberkörperfrei interpretierte "Insomnia" reißt die Menge unverhofft doch noch aus dem Wachschlaf - Gänsehautfeeling! "Verdammt lang her" von Bap und selbst Purs "Lena" (!) zeigen in Folge, dass es mit der richtigen Songauswahl wirklich nicht viel gebraucht hätte, um das Publikum stimmungsmäßig abzuholen. Bei den auf der Videowall eingeblendeten "Fest"-Plakaten zum Jahr des jeweiligen Künstlerbesuchs werden Erinnerungen wach an die "Verklärten Nächte" zwischen 2002 und 2004 mit The Spirit Of The Greedy Bunch; dem Geist der aufgelösten und mittlerweile wiedervereinigten Karlsruher Kulttruppe um Andreas Lehnert, Tommy Baldu und Umbo, die mit ungewöhnlichen Coverversionen bekannt geworden ihren Sänger Laith Al-Deen noch eine zeitlang als Liveband auf dem Weg zur Solokarriere begleiteten und dem "Fest" mit ihren sonntäglichen Überraschungsauftritten von Künstlern wie Xavier Naidoo, Reamonn, Wolfgang Niedecken, Sasha und Marta Jandova von Die Happy fulminante Abgänge bescherten, die auch einem 25. Jubiläum würdig gewesen wären. Und egal bleibt 88.

www.dasfest.net

 
 
Mehr zum Thema
Das Fest Karlsruhe: Programm, Line-up, Tickets und alle Neuigkeiten und Gerüchte immer aktuell auf ka-news.de
Wann? 19. bis 21. Juli 2019
Wo? Karlsruhe - Günther-Klotz-Anlage
Tickets? 10 Euro pro Tag für Hügelbereich
Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Unsere Sonderthemen
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen