Karlsruhe KSC-Derby in Stuttgart: Warum das älteste Derby Deutschlands in der Fächerstadt angepfiffen wurde - und nix mit dem VfB zu tun hat

Nach dem spektakulären wie dramatischen Abstieg des Vereins für Bewegungsspiele aus Stuttgart kommt es in der nächsten Spielzeit der 2. Bundesliga wieder einmal zum Derby KSC gegen VfB - das erste "Hochsicherheitsspiel" zwischen Baden und Schwaben steigt im November, das zweite im April 2020. Dabei ist diese Rivalität noch gar nicht so alt - der Erzfeind hieß seinerzeit eher Pforzheim.

Warum brennt beim "Ländle-Derby" eigentlich regelmäßig die Luft, warum wird auf den Rängen tatsächlich von Krieg gesprochen? Medien (wie auch Fans beider Lager) bemühen sich jedenfalls seit Jahren, Gründe für den angeblichen Hass gegen den "Todfeind" zu finden. So soll schon Kaiser Napoleon im Jahr 1806 schuld gewesen sein, der Württemberg und nicht Baden zum Königreich erhob, dann soll die Badische Revolution von 1848 unüberbrückbare Differenzen geschaffen haben - und schließlich die ungeliebte Zusammenlegung 1952 zum Bundesland Baden-Württemberg der Auslöser gewesen sein.

Fußball soll der Erholung dienen

Diese bewusste (und manchmal unbewusste) Vorgehensweise der Medien ist seit über 100 Jahren bekannt. Bereits 1910 kritisierten Sportfachblätter das Vorgehen der Konkurrenz und einzelner Journalisten, Fußballspiele und Ergebnisse erstmals in einen übergeordneten Kontext und in historische Verbindungen zu stellen und daraus künftige Attraktionen abzuleiten.

Das KFV-Team von ca.1904 (von 1903 gibt es kein Foto), die Protagonisten Ruzek (Nr. 9) und W. Langer (Nr. 11) sind darauf zu sehen.
Das KFV-Team von etwa 1904: Die Schwarzroten lieferten sich große Fußball-Schlachten mit Phönix-Karlsruhe. | Bild: Archiv Staisch

Die Meinung der Medien zur Kaiserzeit war klar: Der Fußball wurde als "Erholung" in der neu gewonnenen Freizeit angesehen, der "Ernst des Berufslebens" sollte nicht auf den Sport übertragen werden. "Schlachtberichte", bei denen beispielsweise das "Schicksal" eines Vereins "besiegelt" worden sei, wurden somit als "furchtbare Nervenpeitsche" für die Anhänger bezeichnet - und abgelehnt.

Verpönt: laute Fans

Auch die negativen Folgen wurden benannt: Dem sportlichen Fortschritt würde ein "sittlicher Rückschritt" im Verhalten der Zuschauer gegenüberstehen, nämlich "lautes Schreien" und "unanständiges Benehmen" des "parteifanatischen Pöbels" gegenüber dem Schiedsrichter.

Richtig ist aber auch: Die journalistische Maßgabe, Spiele "künstlich" zu erhöhen und eine Dramatik zu verleihen, trug und trägt maßgeblich zum Erfolg des Volkssports Fußball bei und ist aus der heutigen Berichterstattung nicht mehr wegzudenken.

Keine Rivalität auf dem Spielfeld zwischen Baden und Schwaben

Sporthistorisch ist eine Feindschaft zwischen Badenern und Schwaben auf dem grünen Rasen natürlich nicht gottgegeben - zumindest bis in die 1920er Jahre ist keine besondere Rivalität zwischen Karlsruhe und Stuttgart nachweisbar.

Harmonie pur: Karlsruhe (weiß) siegt in seinem ersten Städtespiel 1907 gegen Stuttgart mit 4:1 – und nicht nur den Mann am Pfosten (mit Bier) freut sich.
Harmonie pur: Karlsruhe (weiß) siegt in seinem ersten Städtespiel 1907 gegen Stuttgart mit 4:1 – und nicht nur den Mann am Pfosten (mit Bier) freut sich. | Bild: Thomas Alexander Staisch

Das hatte viele Gründe. Zum einen wurde der VfB Stuttgart erst 1912 gegründet - er entstand aus einer Fusion zwischen dem FC Krone aus Cannstatt und dem FC 1893 Stuttgart, dank letzterem Verein darf der VfB das Jahr 1893 im Wappen führen.

Stuttgarter Fans breiten vor einem Spiel einen Banner mit dem Logo des VfB Stuttgart aus.
Stuttgarter Fans breiten vor einem Spiel einen Banner mit dem Logo des VfB Stuttgart aus. (Symbolbild) | Bild: Sebastian Kahnert/Archivbild

Zum Eröffnungsspiel des ersten eigenen Sportplatzes im September 1912 hatte der VfB dann auch extra einen berühmten Gegner verpflichtet um viele Zuschauer anzulocken: Phönix Karlsruhe, Altmeister und bekanntlich einer der Vorgängervereine des KSC. Schon zum ersten überlieferten Städtespiel 1907 hatte man Stuttgart nach Karlsruhe eingeladen und sich prächtig verstanden, obwohl es für die Schwaben mit 4:1 auf die Mütze gegeben hatte.

Karlsruher Kickers Vorbild für die Stuttgarter Kickers

Zum anderen hatte die landsmannschaftliche Rivalität bei den Spielen von Phönix oder dem Karlsruher Fußballverein (KFV) gegen andere und ältere schwäbische Vereine wie die Stuttgarter Kickers und Karlvorstadt 96 Stuttgart, die ab 1908 Sportfreunde Stuttgart hießen, vor dem Ersten Weltkrieg noch keine Rolle gespielt.

Im Gegenteil: Die Stuttgarter Kickers waren vom späteren Phönix-Kapitän Arthur Beier 1899 mitgegründet worden, zudem hatte man sich bei der Namensgebung an den bekannten "Karlsruher Kickers" orientiert. Tatsache ist: Karlsruhe hatte als Hochburg des deutschen Fußballs in den Jahren um die Meisterschaften 1909 (Phönix) und KFV (1910) im Süden keine Konkurrenz - wenn, dann stritt man sich mit der Viktoria aus Berlin (1908 und 1911 Deutscher Meister) im Fernduell.

Auf dem ersten Sportplatz ging es oft heiß her - wie hier beim 1:0-Sieg 1912 gegen die Stuttgarter Kickers.
Auf dem ersten Sportplatz von Phönix ging es oft dramatisch zu - wie hier beim 1:0-Sieg gegen die Stuttgarter Kickers (hell gestreift) im Jahr 1912. | Bild: Staisch

Pforzheim etabliert sich als Konkurrent

Einen "alten Rivalen" gab es damals aber tatsächlich schon: Gegen den 1. FC Pforzheim (1896 gegründet) lieferten sich alle Karlsruher Vereine heiße Begegnungen. Die spezielle Konkurrenz hatte sich spätestens nach einem Spiel 1909 im Rahmen des Verbandstages des Süddeutschen Fußballverbandes etabliert. Dort sollte Phönix als frischgebackener Deutscher Meister gefeiert werden, vor den Ehrungen hatte ein launiger Sommerkick gegen Pforzheim angestanden.

Doch die Spieler aus der Schmuckstadt hatten keinen Respekt vor den Karlsruher Siegern gezeigt und in Person von Spieler Arthur Hiller für einen Skandal gesorgt: Nach einem harten Zweikampf mit Phönix-Stürmer Fritz Reiser hatte der Pforzheimer seinen Gegenspieler geohrfeigt und war des Feldes verwiesen worden - die Folge war eine deutschlandweite Empörung.

Politik überträgt sich auf Fußball: Das Derby wird geboren

Zum Thema VfB Stuttgart sei noch gesagt, dass erst in den 1920er Jahren - in der allgemeinen Hochphase der deutschen Derbys - generelle regionale Rivalitäten aufkamen, nicht zuletzt, da sich die aufgeheizte politische und soziale Stimmung nach dem Krieg auf den Fußball übertragen hatte.

Ein weiterer Höhepunkt wurde dann in den 1950er Jahren erreicht, ausgelöst durch die umstrittene Volksabstimmung im Dezember 1951 und aufgrund der sportlichen Konkurrenz beider Parteien: Der VfB war 1950 und 1952 Deutscher Meister geworden, der KSC 1955 und 1956 Deutscher Pokalsieger.

"El Clásico" auf Badisch

Trotzdem kann ein echtes Derby in Karlsruhe zur Kaiserzeit nachgewiesen werden - und damit waren nicht die zahlreichen Stadtduelle mit Beteiligung der Clubs Frankonia, Alemannia oder den "Vorortvereinen" Beiertheim und Mühlburg gemeint. Die Rede ist vom "badischen Superclásico" Phönix gegen KFV, das eines der ersten deutschen Derbys überhaupt gewesen sein könnte!

Mehr geht nicht: Das Derby Phönix gegen KFV wird regelmäßig als "bedeutendstes Ereignis der Saison" angekündigt, hier von der Süddeutschen Sportzeitung 1909.
Mehr geht nicht: Das Derby Phönix gegen KFV wird regelmäßig als "bedeutendstes Ereignis der Saison" angekündigt, hier von der Süddeutschen Sportzeitung 1909. | Bild: Thomas Alexander Staisch

Laut den Experten des Fußballmagazins "Zeitspiel" soll diese Ehre eigentlich den Hamburger Clubs SC Victoria und Altona 93 zu Teil werden, die sich im Jahr 1898 trafen. Die Journalisten vergessen dabei, dass sich Phönix und der KFV sogar schon 1896 zum ersten Wettstreit gegenübertraten (1:2) - und dass man die Geburtsstunde des Karlsruher Derbys allerspätestens auf den 1. Mai 1898 datieren kann.

Die Geburtsstunde des Derby in Karlsruhe

Was war an diesem Tag auf dem Karlsruher Engländerplatz geschehen? Die Phönix-Chronik berichtet, dass das Duell zwischen Schwarz-Blau und Schwarz-Rot "wegen Beleidigung unseres verdienstvollen Führers" beim Stand von 1:2 abgebrochen worden war. Kapitän Arthur Beier war von Gegenspielern oder Zuschauern (das ist nicht bekannt) angegangen worden, daraufhin hatte seine Elf geschlossen das Feld verlassen.

Durch diesen Skandal hatte sich ein gewöhnliches Stadtduell mit einem Schlag in ein Derby verwandelt, bei dem es regelmäßig zu "Ausschreitungen" gekommen war. Allerdings waren damit damals keine sich prügelnden Fans, sondern nur Rufe und "Gejohle" des Publikums gemeint.

Hitzige Atmosphäre auf und neben dem Platz: Szene aus dem Derby 1910 – vier Phönix-Spieler (gestreift) und Torwächter Dr. Karl Göltz erwarten eine KFV-Ecke.
Hitzige Atmosphäre auf und neben dem Platz: Szene aus dem Derby 1910 – vier Phönix-Spieler (gestreift) und Torwächter Dr. Karl Göltz erwarten eine KFV-Ecke. | Bild: Thomas Alexander Staisch

Viele Tore, knappe Ergebnisse, umstrittene Treffer: Beim Karlsruher Derby war immer etwas geboten - wie auch bei der Begegnung am 8. Dezember 1912. Phönix hatte beim Stand von 2:1 wie der klare Sieger ausgesehen, als der Schiedsrichter zweieinhalb Minuten vor dem Ende die Partie plötzlich abbrach - angeblich wegen Nebels.

Von Platzstürmen und Wiederholungen

Folge: Das Publikum hatte zu einem wilden und für damalige Verhältnisse sehr seltenen "Platzsturm" angesetzt ("Alles ist erstaunt und läuft erregt ins Spielfeld"). Der Fall hatte für weitere Diskussionen in den Medien gesorgt. Es wurde kritisiert, dass das Spiel trotz des Nebels "auch noch die letzten zweieinhalb Minuten verfolgbar gewesen" sein muss, "denn wir können nicht annehmen, dass der Ball plötzlich unsichtbar geworden ist".

Kurioserweise war dann KFV-Spieler Fritz Förderer als Sündenbock ausgemacht worden: Weil er sich zur Halbzeit neue "Klötzchen" auf die Stiefel hatte schlagen lassen (die Vorgänger der Stollen), hatte der Schiedsrichter die Pause eigenmächtig um fünf Minuten verlängert - Zeit, die später gefehlt haben soll. Allerdings war dieses Mal der Fußballgott gnädig: Das daraufhin angesetzte Wiederholungsspiel hatte Phönix mit 1:0 gewonnen.

"Bedeutendstes Fußball-Ereignis in Süddeutschland"

In den Jahren bis zur Gründung des KSC 1952 hatte es über 130 meist spektakuläre Aufeinandertreffen zwischen Phönix und dem KFV gegeben, die nur 32 Mal unentschieden geendet hatten. Das Karlsruher Derby war regelmäßig als "bedeutendstes Fußballsport-Ereignis in Süddeutschland" angekündigt worden - das Ergebnis des Klassikers hatten sich Vereine in ganz Deutschland telegrafieren lassen.

Reporter hatten es noch in den 1960er-Jahren mit einer der ganz großen Tragödien verglichen: "Und sollten Sohn und Tochter zweier so gegensätzlich eingeschworenen Fußballfamilien in heimlicher Liebe entbrennen, so könnte es wie ein Motiv aus 'Romeo und Julia' anmuten!"

"Clasico" Phönix gegen KFV im Januar 1912 (0:1). Noch 20 Jahre später schwärmt ein Journalist vom "schönsten Spiel", das "auf deutscher Erde ausgetragen" worden sei.
"Clásico" Phönix gegen KFV im Januar 1912 (0:1). Noch 20 Jahre später schwärmt ein Journalist vom "schönsten Spiel", das "auf deutscher Erde ausgetragen" worden sei. | Bild: Thomas Alexander Staisch

Über die 1:0-Niederlage des KSC-Vorgängervereins gegen den KFV am 14. Januar 1912 hatte der bekannte "Der Kicker"-Journalist Joseph Michler sogar behauptet, dass die Begegnung das "schönste Spiel" gewesen sei, "dass bisher auf deutscher Erde ausgetragen wurde". Und noch 1928 war in der Phönix-Vereinszeitung über das Derby ein 62 Zeilen langes Gedicht ("Der Karlsruher Großkampf") abgedruckt worden. Von den Zuschauern war da etwa im schönsten Dialekt berichtet worden:

"Na! Ware do en Haufe Leut, Und gschrie hens se wie d’Wilde, der eine Feenix, der Kaefvau, ich war scho bald im Bilde!"

Feindschaften werden bewusst gepflegt

Das älteste und erste Derby der (Fußball-)Welt soll übrigens am 28. Dezember 1860 zwischen Sheffield FC und dem Hallam FC über die Bühne gegangen sein - es waren die ersten beiden Fußballvereine überhaupt. Das Match wurde "The Rules Derby" genannt, weil es damals noch um die Trennung der Regeln von Rugby und Fußball gegangen war. Sprachlich soll das Derby entweder von den frühen mittelalterlichen und fußballähnlichen Wettkämpfen in der britischen Grafschaft Derbyshire stammen oder vom Pferderennen "The Derby", das 1780 erstmals vom Earl of Derby veranstaltet worden war - die Forschung ist sich da noch unsicher.

Zwei "Spezialaufnahmen" zum Derby KFV-Phönix (2:1) von 1910 – zum ersten Mal waren fast alle Spieler auf einem Foto zu sehen (unten). Oben der Elfmeter von KFVler Max Breunig zum 1:0. Die Bilder hat der Autor an das Museum vermittelt.
Zwei "Spezialaufnahmen" zum Derby KFV-Phönix (2:1) von 1910 – zum ersten Mal waren fast alle Spieler auf einem Foto zu sehen (unten). Oben der Elfmeter von KFVler Max Breunig zum 1:0. Die Bilder hat der Autor an das Deutsche Fußball-Museum in Dortmund vermittelt. | Bild: (Staisch)

Hat ein Derby aber auch positive Effekte? Sporthistoriker sind sich einig, dass Fußballanhänger diese starke und regelmäßige Form der Rivalität brauchen - um sich abzugrenzen und die Identität ihrer Gruppe zu stärken. Deshalb ist es naheliegend, dass Vereine ihre jahrelangen Feindschaften ganz bewusst pflegen. Und dass es dabei in Wirklichkeit weniger um die angeblichen Todfeinde geht, als vielmehr um die eigene Existenz. Schon die schiere Anzahl spricht für diese These: Allein in Süddeutschland zählt das "Zeitspiel"-Magazin über 25 Derbys und andere Rivalitäten auf.

Über das Karlsruher Derby ("harte, aber immer ehrliche Kämpfe") hatte FIFA-Generalsekretär Ivo Schricker immerhin erklärt, dass es auf Dauer "sowohl Phönix wie KFV stark und berühmt gemacht hat"…

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