Karlsruhe Aufstände, Armbrüche und 0:10-Niederlagen: So spektakulär war der KSC-Fußball der Frühzeit

Die ersten Jahre des 1894 gegründeten KSC-Vorgängervereins Phönix Karlsruhe waren in jeder Hinsicht spektakulär. Hohe Niederlagen, Spielabbrüche, eine Rebellion des Spielführers und teure Trikots aus England - Fußballherz, was willst du mehr!

Der 4. Oktober 1894 war kein wirklich guter Start in eine glorreiche Vereinsgeschichte. Das neu zusammengestellte Phönix-Team war an diesem Tag bei seinem ersten offiziellen Spiel auf dem Karlsruher Engländerplatz an der Moltkestraße böse abgestürzt: Gegen eine gemischte Karlsruher Mannschaft hatte es eine 0:10-Klatsche gegeben. Das Rückspiel am 19. November - damals galt ein Match erst nach zwei Partien als entschieden - war dann immerhin nur 1:3 verloren worden.

KSC-Geschichte
Fein gemacht: Phönix Karlsruhe nach der Fusion mit Alemannia Karlsruhe im Jahr 1912. | Bild: Staisch

Die Bilanz für die Jahre 1894 und 1895 war trotzdem mager ausgefallen: Nur sechs Spiele konnten ausgetragen werden, davon wurde nur eines gewonnen - aber insgesamt hatte man 22 Treffer kassiert! Eines konnte man den ersten Fußballern allerdings nicht vorwerfen: Sie waren hart im Nehmen - obwohl der Sport keineswegs brutal war.

Trotz Ausrenkung des Armes weitergespielt

Laut Phönix-Chronik von 1924 war 1897, also drei Jahre nach Gründung des Vereins, der erste "Unglücksfall" verzeichnet worden: Phönix-Spieler Dingler hatte sich im Spiel gegen den F.C. Cannstatt (0:2) bei einem Sturz den Arm ausgerenkt. Nach dem "schmerzhaften Einrenken" hatte er das Spiel kurzerhand fortgeführt "und damit unserer heutigen Spielergeneration ein Beispiel gegeben, das sie beherzigen möge!" - hatte die Chronik trotzig berichtet.

Ein Jahr zuvor hatte es einen Eklat um den "1. Kapitän" gegeben, der in keiner Chronik mit Namen genannt wird. Fakt ist, das bei einer außerordentlichen Generalversammlung am 16. September 1896 der ominöse Spielführer "und drei gleichgesinnte Mitglieder" aus dem Verein verwiesen worden waren - offiziell wegen "weltanschaulicher Gegensätze und Selbstherrlichkeit". Phönix-Vorstand Gustav Kipphan hatte die Niederschlagung der internen Rebellion nachträglich als "moralische Reinigung" bezeichnet und erklärt: "Es war mit eisernem Besen ausgekehrt worden." 

Besondere Trikots aus dem Mutterland des Fußballs

Bei der Generalversammlung im Januar 1897 konnte dann wieder Positives - und Historisches - beschlossen werden: Während die ersten Trikots von Phönix vermutlich in Heimarbeit hergestellt worden und noch nicht auf die späteren Vereinsfarben schwarz und blau festgelegt waren, hatte man nun Trikots aus dem Fußball-Mutterland England bestellt!

"Es sollten aber, wenn schon, denn schon, ganz besonders feine sein. Man dachte sich schließlich aus, es würde gewiss sehr vornehm und originell aussehen, wenn man nicht die gewöhnlichen Streifen und einfarbigen Blusen wählt, sondern ein besonders Muster, und zwar schwarz-blau gefeldert, also schachbrettartig", hatte die Chronik 1949 berichtet.

Für den jungen Club hatte das ein gewaltiges finanzielles Risiko bedeutet. Denn die Hemden sollten 6.50 Mark pro Stück kosten - damals ein unerhört hoher Preis. Zum Vergleich: Ein Brötchen hatte zu der Zeit drei, ein Glas Bier gerade einmal zehn Pfennig gekostet. Die "hochmodernen Original-Fußballhemden" hatte man im Verein durch "amerikanische Versteigerungen - vom Vogelkäfig bis zum Geldbeutel - finanziert. Wenn es trotzdem nicht genug war, dann wurden die Geldbeutel und Taschen umgewendet, und es ging", erklärte die Chronik.

Spielabbruch beim Stadtderby

Trotzdem wären die neuen Trikots beinahe nie angekommen: Als der Phönix-Kapitän sie beim Zollamt in Karlsruhe abholen wollte, hatte das gesammelte Geld nicht gereicht ("Der Zoll war zu hoch!"). So hatte Phönix-Vorstand Kipphan das Geld persönlich vorstrecken müssen. Lohn der Mühen: Die Mannschaft hatte dann bereits am darauffolgenden Sonntag "im neuen Dress geglänzt". Ein Jahr später war der Grundstein für das heiße Stadtderby gegen den Erzrivalen Karlsruher Fußballverein (KFV) gelegt worden.

Bei einem Match auf dem Engländerplatz am 1. Mai 1898 war das Spiel beim Stand von 1:2 für den KFV abgebrochen worden - "wegen Beleidigung des verdienstvollen Führers von Phönix". Was war passiert? Details sind bis heute unbekannt, aber klar ist, dass Phönix-Kapitän Beier, der "eiserne Arthur" genannt wurde, verbal angegriffen worden war und dass seine Mannschaft geschlossen das Feld verlassen hatte.

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Hohe Kunst: Phönix-Spieler Emil Firnrohr verewigte seinen Kapitän Arthur Beier in Öl. Rechts das erste Phönix-Logo, das 1896 eingeführt worden war. | Bild: Staisch

1899 war Phönix dann völlig unvermittelt zum Veranstalter eines Länderspiels geworden. Kein Witz: Weil der Süddeutsche Fußballverband das Match England gegen Deutschland am 28. November verboten hatte, war der KSC-Vorgängerverein im Auftrag von Fußballpionier Walther Bensemann und für den KFV eingesprungen - der Verbandsvorsitzende war gleichzeitig auch KFV-Vorstand gewesen.

Phönix veranstaltet Ur-Länderspiel

Also hatten Phönix-Mitglieder eilig Pritschenwagen einer Spedition auf den großen Exerzierplatz herbeigeschafft, um damit provisorische Tribünen zu errichten und Seile gespannt, um Eintritt verlangen zu können. Kurios: Weil die KFV-Führung ihren Spielern unter Strafandrohung verboten hatte, aufzulaufen, waren mehrere Spieler für das Match in den Phönix ein- und danach wieder ausgetreten! Bensemann hatte die Engländer aus eigener Tasche bezahlt und war als Schiedsrichter auf dem Platz gestanden.

Der Legende nach soll bei Spielbeginn der Ball gefehlt haben. Als ein Kurier dann ausgerechnet ein Spielgerät aus dem Besitz des KFV besorgt hatte, soll Bensemann den Ball zwar angenommen, aber dabei gesagt haben: "Dann macht er sich jetzt eben strafbar!" Das Ur-Länderspiel - so werden alle Spiele der Nationalmannschaft vor Gründung des DFB im Jahr 1900 bezeichnet - hatte 7:0 für England geendet.

Der Höhenflug des Phönix beginnt in der Saison 1904/05

Spätestens in der Saison 1904/05 hatte dann der eigentliche Höhenflug des Phönix begonnen: Arthur Beier war - nach jahrelanger beruflicher Ausbildung in Stuttgart, Kiel und Calais - in die badische Heimat zurückgekommen und hatte als Spielertrainer die künftigen Meister von 1909 geformt. 1906 war zudem der erste reguläre Sportplatz des Vereins eingeweiht worden.

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Ehre, wem Ehre gebührt: Die Phönix-Spieler im Meisterjahr 1909. | Bild: Staisch

Und es hätte wahrlich schlimmer kommen können, als das erste Spiel 0:10 zu verlieren. Fragen wir einmal beim FC Kaiserslautern nach - einem Vorgänger des heutigen 1. FCK. Die späteren "Roten Teufel" hatten eines ihrer ersten Spiele 1901 gegen den Karlsruher FV mit sage und schreibe 0:29 verloren und laut eigener Chronik eine "mehr als derbe Lektion" erteilt bekommen.

Leseraufruf

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