Vorhofflimmern ist eine Volkskrankheit, die Männer und Frauen gleichermaßen betrifft. Vor allem ältere Menschen haben ein größeres Risiko für Vorhofflimmern. "Etwa 10 Prozent aller Patienten über 85 Jahre haben Vorhofflimmern. Ab dem 50. Lebensjahr steigt das Risiko an", erklärt Prof. Erwin Blessing, Chefarzt der Abteilung Innere Medizin am SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach. Vorhofflimmern ist damit die häufigste Herzrhythmusstörung.

Beim Vorhofflimmern bewegen sich die Vorhöfe rasch und unkontrolliert - sie flimmern. Das führt zu einem unregelmäßigen Herzschlag und begünstigt die Bildung von Blutgerinnseln. Die mögliche Folge: Embolien oder Schlaganfälle. Daher gilt es, bereits im Vorfeld über diese Erkrankung aufzuklären, sagt Prof. Erwin Blessing im Gespräch:

Prof. Erwin Blessing ist Chefarzt für Innere Medizin am SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach.
Prof. Erwin Blessing ist Chefarzt für Innere Medizin am SRH Klinikum Karlsbad. Regelmäßig führt er Infoveranstaltungen durch. | Bild: SRH

Was erhoffen Sie sich von diesem Infoabend? 

Prof. Blessing: So eine Veranstaltung gab es vor etwa zwei Jahren das erste Mal am Klinikum. Sie war sehr gut besucht. Oft kommen Patienten, die vom Vorhofflimmern betroffen sind oder waren, um sich auf den neuesten Stand der Therapie zu bringen oder weil sie  Informationsbedarf haben. In den letzten Jahren hat sich viel weiterentwickelt, gerade auf dem Feld der Blutverdünner. Das ist ein sehr wichtiges Thema für Patienten mit Vorhofflimmern. Wir nehmen wir ihnen die Angst, dass sie in erhöhtes Blutungsrisiko haben könnten, weil sie Gerinnungshemmer nehmen. Oft möchten Patienten auch wissen, welche weitere Behandlungsmöglichkeiten für sie in Frage kommen. 

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es am SRH Klinikum? 

Prof. Blessing: Im Prinzip gibt es zwei unterschiedliche Strategien. Zum einen kann man versuchen, des Vorhofflimmern zu beenden. Da gibt es Medikamente oder die Elektrokardioversion. Dabei bringt man bei einem Patienten, der in leichter Narkose ist, das Herz wieder in den richtigen Rhythmus. Das passiert mithilfe von einem kurzen, elektrischen Impuls. Das ist dann die sogenannte Rhythmuskontrolle, bei der der normale Herzrhythmus, der Sinusrhythmus, wiederhergestellt werden soll. Das wird meist dann gemacht, wenn der Patient eine recht frische Diagnose erhalten hat. Aber auch bei jüngeren Patienten, um zu versuchen, den Herzrhythmus dauerhaft wiederherzustellen.

Zum anderen: Wenn die Herzkrankheit weiter fortgeschritten ist und das Vorhofflimmern schon länger besteht, ist es gar nicht so sehr das Problem das Vorhofflimmern zu beseitigen, sondern dafür zu sorgen, dass es auch wegbleibt und nicht wiederkommt. Wir können dann Medikamente geben, damit das Herz, wenn es schon unregelmäßig schlägt, wenigstens normal, schnell und unregelmäßig schlägt – und nicht womöglich zu schnell und unregelmäßig.

Blutverdünner müssen eingenommen werden, das ist entscheidend bei der Behandlung von Vorhofflimmern.
Blutverdünner müssen eingenommen werden, das ist entscheidend bei der Behandlung von Vorhofflimmern. | Bild: pexels.com/jeshoots.com

Ich vergleiche es immer so: Der Sinusrhythmus ist wie der Dirigent. Er gibt den Takt vor und er will, dass das Orchester, in diesem Fall die Herzkammer, so spielt, wie er den Takt vorgibt. Beim Vorhofflimmern ist es so, als wäre der Dirigent so ein bisschen betrunken und würde zittern. Er gibt keine vollständigen Anweisungen, sondern ganz, ganz kleine, aber viel zu schnelle. Und das Orchester weiß dann gar nicht, wie es die Musik jetzt spielen soll - und spielt zu schnell. So ist es häufig, dass das Herz nicht mit einer Pulsfrequenz von 60 oder 80 schlägt, sondern von über 100 bis 150. 

Welche Medikamente müssen die Patienten nehmen?

Prof. Blessing: Die Basis beider Therapien ist die Blutverdünnung, das ist entscheidend. So wird das Risiko für Blutgerinnsel minimiert. Denn das ist das Gefährliche am Vorhofflimmern: Es bilden sich Blutgerinnsel, die dann vom Herzen über die großen Blutgefäße „verschleppt“ werden. Die Folge: Embolien z.B. in den Beingefäßen oder im schlimmsten Fall: Schlaganfall.

Der Sinusrhythmus zeigt, ob das Herz im Takt schlägt.
Der Sinusrhythmus zeigt, ob das Herz im Takt schlägt. | Bild: pixabay.com/stux

Wie macht sich Vorhofflimmern bemerkbar? Spüre ich etwas im Alltag? 

Prof. Blessing: Viele der Patienten merken davon kaum etwas. Manche nehmen lediglich Pulsunregelmäßigkeiten wahr oder Herzrasen. Das könnte aber auch andere Ursachen haben, daher ist das allein kein typisches Symptom. Vor allem ältere Patienten spüren das Flimmern des Herzens nicht so wie jüngere. 

Manche der Patienten klagen über Luftnot oder Schwindel, insbesondere dann, wenn ein langbestehendes, schnelles Vorhofflimmern bereits zu einer Verminderung der Herzkraft geführt hat.

SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach
Bild: SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach

Der Mensch wird immer digitaler, der Einzug der sogenannten Wearables ist kaum aufzuhalten - helfen diese smarten Uhren tatsächlich bei der Diagnose oder bei der Früherkennung von Vorhofflimmern? 

Prof. Blessing: Ein klares Ja mittlerweile. Anfangs waren wir Ärzte etwas skeptisch, aber jetzt gibt es neuere Erkenntnisse und auch die Wearables entwickeln sich weiter. Die Genauigkeit der Geräte wird immer besser, auch wenn sie nicht unbedingt ein Vorhofflimmern anzeigen, schlagen sie doch Alarm bei Auffälligkeiten. Es gab schon den ein oder anderen Fall, bei dem bei Patienten dadurch die Erstdiagnose von Vorhofflimmern gestellt werden konnte. Im Laufe der Zeit wurden diese Uhren zu guten Helfern von uns Medizinern. 

Was sind die Hauptursachen von Vorhofflimmern und welche Risikofaktoren gibt es? 

Prof. Blessing: Länger bestehender Bluthochdruck ist die häufigste Ursache von Vorhofflimmern – das sogenannte Hochdruckherz. Im Alter haben die Patienten ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck und schlussendlich für diese Art der Herzrhythmusstörung. Weitere Faktoren sind koronare Herzkrankheiten, Herzklappenfehler, Herzmuskelschwäche, Schilddrüsenüberfunktion - diese Ursachen liegen 85 Prozent der Fälle zugrunde. In den restlichen 15 Prozent kann man keine genaue Ursache für das Vorhofflimmern ausmachen. Stress kann auch ein Auslöser sein. 

Was wir auch nicht vernachlässigen dürfen: in der modernen Arbeitswelt sitzen die Menschen viel an ihrem Arbeitsplatz. Bewegungsarmut und damit einhergehend Durchblutungsstörungen begünstigen Vorhofflimmern ebenfalls. 

Wie können wir dem Vorbeugen? 

Prof. Blessing: In dem wir dafür sorgen, gar nicht erst Bluthochdruck zu bekommen. Es gibt viele Menschen, die sind sportlich, ernähren sich gesund und haben trotzdem hohen Blutdruck. Da spielt Veranlagung eine gewisse Rolle. Das lässt sich aber gut mit Medikamenten kontrollieren. 

Dann gibt es Patienten, die haben nur unregelmäßig Vorhofflimmern. Es tritt nur dann auf, wenn gewisse Trigger auftauchen, wie übermäßiger Alkoholkonsum, Schlafmangel, körperliche Belastung oder Stress. Diese Trigger sollte man so gut es geht vermeiden.

 

Online-Veranstaltung im Live-Stream:

Volkskrankheit Vorhofflimmern - das Herz außer Takt

 

Wann: 15. April 2021, ab 19 Uhr

Wie & Wo: https://www.youtube.com/srhklinikumkarlsbad

Referent: Prof. Dr. Erwin Blessing, Chefarzt Innere Medizin und Facharzt für Kardiologie und Angiologie

 

www.klinikum-karlsbad.de

 

Mehr zum Thema SRH-Klinikum-Karlsbad-Langensteinbach: Das SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach ist ein Akut- und Fachkrankenhaus südöstlich von Karlsruhe am Fuße des Nord-Schwarzwaldes gelegen.