Karlsruhe Willkommen in den "Critical Zones"! Gedankenausstellung im ZKM lädt zur aufmerksamen Auseinandersetzung ein

"Critical Zones" ist eine weitere beeindruckende und auch bedeutende Ausstellung im ZKM, die sich mit unserem Heimatplaneten und dem vielschichtigen, ja durchaus kritischen Einfluss des Menschen auf diesen befasst.

Lange blieben die Reaktionen der Erde auf unser menschliches Handeln unbeachtet, doch spätestens mit der Protestbewegung "Fridays For Future" ist die Klimakrise in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Die Gedankenausstellung "Critical Zones" lädt dazu ein, sich mit der kritischen Lage der Erde auf vielfältige Art und Weise zu befassen und neue Modi des Zusammenlebens zwischen allen Lebensformen zu erkunden.

Mittlerweile ist sich jede(r) der existentiellen Bedrohung unserer (gemeinsamen) Lebensbedingungen auf dem Planeten Erde bewusst, doch nur sehr wenige besitzen eine Vorstellung davon, wie sie mit dieser neuen kritischen Situation umgehen sollen. Die BürgerInnen vieler entwickelter Länder wirken desorientiert; fast so, als würde man von ihnen verlangen, auf einem neuen Terroir – einer neuen Erde – zu landen, deren Reaktionen auf ihr Wirken sie lange ignoriert haben.

Sarah Sze, Flash Point (Timekeeper), 2018
Sarah Sze, Flash Point (Timekeeper), 2018 | Bild: ZKM

Die Macher möchten folgende Hypothese aufstellen: Der beste Weg zur Kartierung dieser neuen Erde besteht darin, sie als ein Netz von "kritischen Zonen" zu betrachten. Von verschiedensten Lebensformen im Laufe der Zeit erschaffen, bilden diese "kritischen Zonen" eine nur wenige Kilometer dünne Oberfläche. Jene Lebensformen hatten die ursprüngliche Geologie der Erde völlig verändert, bevor die Menschheit sie in den letzten Jahrhunderten noch einmal verwandelte.

"Alles, was du berührst, berührt auch dich. Alles, was sich berührt, verändert einander" - das ist das sinnstiftende Credo der spannenden Ausstellung. ka-news.de hat Daria Mille und Jessica Menger vom Ausstellungsteam "Critical Zones" ein paar Fragen gestellt!

Was bedeutet "Gedankenausstellung" genau, welche Intention steht dahinter? Und verändert sich durch stetig neue Beiträge/Werke die Schau ständig und kontinuierlich?

Der Begriff "Gedankenausstellung" wurde von Bruno Latour und Peter Weibel im Rahmen ihrer bisherigen Zusammenarbeit am ZKM entwickelt. "Iconoclash" (2002), "Making Things Public" (2005) und "Reset Modernity!" (2016) bilden die drei vorherigen "Gedankenausstellungen".

Mit diesem Begriff bezeichnen sie die Kombination aus einem Gedankenexperiment und einer Ausstellung, die es ermöglicht, eine bestimmte Situation in einem Experiment bezogen auf einen kleinen Raum der Ausstellung zu erproben. In "Critical Zones" wird das Modell einer neuen Räumlichkeit der Erde sowie die Vielfalt der Verflechtungen des Lebens in kleinem Maßstab simuliert. Die Ausstellung ist im Modus eines Observatoriums eingerichtet.

Die Besuchenden werden dabei selbst zu Beobachtenden, die zusammen mit den Wissenschaftler:innen Prozesse und Interaktionen in der Kritischen Zone inspizieren. Die Ausstellung dient uns dabei als ein lebendes Labor, um in einem transdisziplinären Miteinander von innovativen wissenschaftlichen und künstlerischen Positionen, Wissenspotentiale und Handlungsoptionen fur die Zukunft jenseits etablierter Vorstellungen und Konzepte von "Natur" und "Ökologie" zu entwickeln.

Warum lohnt es sich, die (auch digitale) Ausstellung zu besuchen? Und warum passt diese (auch inhaltlich) so gut ins ZKM?

Diese Frage möchte ich mit dem Zitat von Bruno Latour beantworten:   "I am also working on this topic because it is incredibly urgent. The urgency has continued to increase, but people’s sensitivity has not followed suit. This is why you need an exhibition to modify the repertoire by which we become sensitive to this urgency.."

Es erwarten die Besuchenden spannende Kunstwerke, die uns helfen, unsere multiplen Beziehungen und gegenseitige Abhängigkeiten im Geflecht des Lebens besser zu verstehen und wissenschaftlich nachzuvollziehen. Auf welchem Territorium lebe ich? Was brauche ich zum Leben? Wovon hänge ich ab? Wie kann ich ein teilnehmendes Verhältnis zu meiner Lebenswelt und den Verstrickungen des Lebens in der Kritischen Zone entwickeln? Diese "Gedankenausstellung" hilft uns diese wichtigen Fragen zu beantworten.

Die digitale Plattform wurde aus der Notwendigkeit geboren, die Inhalte der Ausstellung in der Zeit der Pandemie an unsere Besucher:innen weiterzutragen und so ein Zeichen zu setzen, dass die Themen der Ausstellung für die aktuelle Zeit gesellschaftlich höchst relevant sind. Beim Übertragen der Ausstellungsideen ins Digitale haben wir die spezifischen Eigenschaften der kritischen Zone als zentrales Moment angesehen – von Wandlung und Umwandlung bis zur Reaktion aller in der kritischen Zone enthaltenen Akteur:innen miteinander.

Das Ziel war es, diese Eigenschaften auf eine andere Art im Digitalen erfahrbar zu machen. Von der kuratorischen Seite aus sind wir mit den Künstler:innen der Ausstellung erneut in Dialog getreten, um gemeinsam herauszufinden, wie sich eine Übersetzung ihrer Werke ins Digitale gestalten könnte –  nicht als reine Repräsentation der bestehenden Arbeit, sondern als Neuinterpretation. Dies macht die Plattform so spannend, weil sie den physischen Raum nicht dokumentiert, sondern darauf aufbaut und die Themen und Kunstwerke für den digitalen Raum neu ausgestaltet hat.

Im Sinne der CZ: Sind die Fridays For Future eine wichtige, ja notwendige Bewegung für das Land?

Besonderer Bestandteil des Ausstellungskonzepts ist das Aktivierungsprogramm, welches nicht nur begleitend, sondern eben "aktivieren"“ gedacht ist und mit dem Kompassraum direkt im Ausstellungsraum verankert ist. Nicht zuletzt stellt die vernetzende Arbeit mit der Stadtgesellschaft und lokalen Initiativen, Organisationen und Vereinen aus Karlsruhe einen besonders wichtigen Aspekt des Aktivierungsprogramms zur Ausstellung "Critical Zones" dar.

In diesem Kontext kooperieren wir mit den Scientists for Future und anderen lokalen Initiativen, die sich in Karlsruhe und Umgebung für Umweltschutz, Wiederaufforstung, nachhaltige Stadtentwicklung oder den Erhalt von Ökosystemen einsetzen. Mit Fridays For Future Karlsruhe haben wir eine Critical Break -­ unsere "Kritische Mittagspause" - veranstaltet, um über deren Aktivismus in Zeiten der Pandemie und deren Anliegen zu sprechen.

Um die dringende Notwendigkeit des Handelns auch in der Politik einzufordern, ist die von Schüler:innen initiierte Bewegung außerordentlich wichtig. Hier finden Sie eine Liste der Initiativen, die sich ebenfalls der Nachhaltigkeit verschrieben haben: https://zkm.de/de/das-netzwerk-der-initiativen.

Termin: noch bis 9. Januar 2022, Lichthof 1+2, EG + 1.OG, ZKM, Karlsruhe

Website zu "Critical Zones"im ZKM

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