8  

Stuttgart/Karlsruhe Stuttgart 21: Heimerl sieht Schlichtung skeptisch und fordert mehr Gleise

Gerhard Heimerl (77) gilt als ideeller Vater von "Stuttgart 21". Der emeritierte Professor und frühere Direktor des Verkehrswissenschaftlichen Instituts der Universität Stuttgart hatte 1988 die Bahn dazu bewogen, die Schnellfahrstrecke zwischen Stuttgart und Ulm am Albtrauf, entlang der Autobahn A8 zu planen. Er gilt als Vordenker des gesamten Projekts: gegenüber ka-news äußert sich Heimerl, der in der zweiten Hälfte der Schlichtungsgespräche auch selbst häufig zu Wort kam, kritisch zum Ausgang der öffentlichen Rathausdispute. Für Forore sorgte er letzte Woche, als er ein neuntes und zehntes Gleis für den neuen Tiefbahnhof forderte - als Option für die Zukunft.

Auch nach 1994, als die Idee des Tiefbahnhofs in der Landeshauptstadt Stuttgart geboren wurde, war Gerhard Heimerl mit konzeptionellen Vorschlägen mit dabei. ka-news Mitarbeiter Stefan Jehle unterhielt sich mit dem angesehenen Verkehrswissenschaftler über die am morgigen Dienstag zu Ende gehenden Schlichtungsverhandlungen im Stuttgarter Rathaus.

Herr Heimerl, die Schlichtung geht zu Ende. Sehen Sie das Projekt Stuttgart 21 - nach monatelangen Auseinandersetzungen - wieder auf dem richtigen Gleis?
Ich weiß nicht, ob die Schlichtung etwas auf das richtige Gleis bringen kann. Es war ja die Intention, dass die Schlichtung zur Verständigung beitragen soll. Da sehe ich bei den stark emotional beeinflussten Gegnern von Stuttgart 21 eigentlich nur in Ansätzen etwas in Bewegung. Ich hoffe, dass die Schlichtung durch die Öffentlichkeit, die über das Fernsehen und die Tagesmedien hergestellt wurde, vielleicht einiges beiträgt zur Aufklärung der Bevölkerung. Aber eine Annäherung der Fronten kann man eigentlich kaum erkennen.

Sie haben sich wiederholt fachlich eingebracht. In einem Interview gaben Sie jetzt der Bahn den Ratschlag, beim Tiefbahnhof statt acht Gleise insgesamt den Platz für zehn Gleise vorzusehen. Das fordern Sie bereits seit 1996...
Das ist ein bisschen missverständlich transportiert worden. Ich habe von Optionen geredet, einer ganzen Reihe von Optionen für den Betrieb in den nächsten bis zu 100 Jahren, um später veränderten Anforderungen begegnen zu können - Überlegungen zu "Ausbauoptionen für die fernere Zukunft" sozusagen. Es stellt sich beispielsweise die Frage für eine verbesserte Anbindung aus Richtung Feuerbach zum Hauptbahnhof, ebenso die Frage, ob man im Tiefbahnhof später ein neuntes und ein zehntes Gleis haben sollte. Diese Optionen sollte man sich offen halten.

Sie sind schon lange emeritiert, nicht mehr aktiv im Berufsleben. Sie gelten als Erfinder der Heimerl-Trasse, und damit als Vordenker von Stuttgart 21. Ihre Anregungen finden auch heute noch Gehör. Sind Sie weiterhin so etwas wie der "spiritus rector", ein lenkender Geist des Projekts?
Ach nein, als solchen würde ich mich nicht bezeichnen. Aber als gelegentlicher Diskussionspartner für die Planer schon.

Vielleicht wäre es ja an Ihnen, jetzt noch einmal eine Brücke zu schlagen zum Protest der Gegner?
Der Protest der Gegner richtet sich ja gegen das gesamte Projekt, einschließlich Tiefbahnhof. Die wollen den Kopfbahnhof insgesamt erhalten und da geht es nicht darum, wie man den neuen Durchgangsbahnhof eventuell noch verbessern könnte.

Am Dienstag könnte es zum Schwur kommen. Was glauben Sie, wird Heiner Geißler empfehlen: Gibt es einen Schlichtungsspruch, eine Empfehlung?
Das wüsste ich auch gerne. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Herr Geissler einen eindeutigen Schlichtungsvorschlag macht, auch bei Empfehlungen wird er wohl zurückhaltend sein. Die Situation ist einfach zu schwierig um zu sagen, die einen haben recht, oder jene haben recht. Es ist ja auch die schwierige Situation zu beurteilen, dass wir bereits einen rechtskräftigen Bauplan in Form des Planfeststellungsbeschlusses - und bestätigt durch Gerichtshofsentscheidungen - haben. Auch das ist mit zu berücksichtigen.

Was erwarten Sie von den Gegnern nach diesem Dienstag, die ja nach wie vor ihren Protest auf die Straße tragen?
Ich weiß es nicht. Ich hoffe, dass die Vernunft siegt und man mit den Protesten danach aufhört. Aber das ist wohl ein frommer Wunsch. Das Thema Bürgerbeteiligung, auch die mögliche Frage eines Bürgerentscheids ist ein schwieriges Feld. Das funktioniert sicher gut, wenn Interesse und Auswirkungen eines Projekts örtlich begrenzt sind - wie Bau eines Kindergartens, eines Bürgerhauses, eines Sportplatzes. Aber bei einem Verkehrsweg, noch dazu einem Fernverkehrsweg - einer Autobahn, einer Bahnstrecke - ist das kaum machbar.

Was heißt das konkret?
Wer soll denn da entscheiden: Die Bewohner der Stadt, die Region, vielleicht das ganze Land? Wer ist letztlich davon betroffen? Unmittelbar betroffen sind die Bürger der Stadt Stuttgart. Okay. Aber die Leute, die diesen Bahnhof und diese Strecke nutzen, die wohnen in Köln und Paris, in Straßburg, München, Salzburg und Frankfurt und überall in dieser Republik. Es wäre sicher zu kurz gesprungen, zu sagen, die Entscheidung fällt zwischen Karlsruhe und Ulm.                                                          

Die Fragen stellte Stefan Jehle
________________________________

Hintergründe:

FAZ: "Der Streckenbauer von Stuttgart"

Der ideelle Vater des teuren Großprojekts Stuttgart 21 heißt Gerhard Heimerl, schrieb im Jahr 2007 die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Der Bauingenieur zeichnete und entwarf anfangs auf eigene Faust. Nun wird es in Stuttgart vielleicht irgendwann einmal einen "Gerhard-Heimerl-Platz" geben.

Gerhard Heimerl (77), Verkehrswissenschaftler, ist Professor emeritus für Eisenbahnwesen an der Universität Stuttgart. Das gleichnamige Institut leitete Heimerl 25 Jahre lang, 56 Hochschulsemester. Als Verkehrsplaner erarbeitete er 1988 die ersten Grundlagen für das Verkehrskonzept, das 1994 unter dem Namen "Stuttgart 21" der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Er gilt als geistiger Vordenker, als spiritus rector des Durchgangsbahnhofs. Sein Name ist auch in der sogenannten Heimerl-Trasse enthalten, die Schnellbahntrasse von Stuttgart nach Ulm und Augsburg, die über Wendlingen nach Ulm führen soll.

In den 80er-Jahren wollten die Planer der damaligen "Deutschen Bundesbahn" die Schnellbahn von Stuttgart nach München noch durch das Filstal bei Göppingen bauen, nördlich an Ulm vorbei in Richtung Günzburg. 1988 "erfand" Gerhard Heimerl die Schnellbahntrasse entlang der Autobahn. Die "Heimerl-Trasse" verknüpfte Ulm wieder mit dem Schnellbahnnetz. Mit der neuen Trasse kam erstmals ein unterirdischer Bahnhof in Stuttgart in die Diskussion. Daraus entwickelte sich später das Gesamtprojekt Stuttgart 21, für das - so kann man festhalten - Heimerl die erste wichtige Initialzündung gab. Der emeritierte Professor für das Eisenbahnwesen an der Universität Stuttgart kam in der Schlichtungsrunde im Stuttgarter Rathaus selbst mehrfach als Sachverständiger zu Wort, warb jahrelang in Veranstaltungen für das Projekt, hielt sich aber zuletzt überwiegend mit öffentlichen Äußerungen zurück.

Mehr zum Thema
Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (8)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!