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Karlsruhe ka-Klickstarter: Karlsruhe "voll" dabei? Jugendschutz schießt am Ziel vorbei

Gruppen von Jugendlichen, die Alkohol mit sich führen. Polizeiautos patrouillieren auf den Straßenbahnschienen. Mädchen, die das Gehen auf High Heels erst noch üben müssen. Türsteher, die penibel genau Ausweise prüfen. So sieht ein typischer Samstagabend in der Karlsruher Innenstadt aus. Die eine Seite verschärft ihre Kontrollen, die andere konsumiert - scheinbar aus Protest dagegen - mehr und vor allem regelmäßiger Alkohol. Doch war das schon immer so?

Die Jugendlichen selbst sind geteilter Meinung. Da wäre zum Beispiel Jens, 24, der sagt: "Früher war es leichter unter 18 in Clubs zu kommen. Heute benutzt man falsche Ausweise, das bemerkt kaum einer. Außerdem trifft man in Discos nie auf richtig krass junge Leute." Die 19-jährige Sabrina ist da anderer Meinung. Sie findet, dass die Kontrollen in Karlsruhe verschärft und auch die Jugendschutzbestimmungen besser durchgesetzt werden könnten, denn "bei öffentlichen Veranstaltungen bekommen selbst Minderjährige was zum Trinken." Leo (19) und Jonathan (17) sind der Meinung, dass die Jugendschutzbestimmungen früher im Gegensatz zu heute besser umgesetzt wurden. "Es gibt starke Kontrollen in Clubs und Discos, das finden wir gut", meint Leo. Auf öffentlichen Plätzen sehe das schon ganz anders aus, in Bars fehlten sie ganz. Jonathan fügt hinzu: "Die Bedienungen sind teilweise sogar gleich alt wie wir."

Kommunaler Ordnungsdienst trägt keine Waffen - erlaubt wäre das aber

Genau an dieser Stelle setzt die Arbeit des Ordnungsamts Karlsruhe an. Es ist "für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zuständig", erklärt Björn Weiße, der Leiter des Ordnungsamts. Die Abteilung für Jugendschutz hat unter anderem den Kommunalen Ordnungsdienst (KOD) in Karlsruhe eingeführt. Dieser springt immer dann ein, wenn die Polizei wegen Mangels an Beamten andere Prioritäten setzen muss - und sich nicht um Ordnungswidrigkeiten von vermeintlich geringerer Bedeutung kümmern kann. Mitarbeiter des KOD haben zwar eine Ausbildung hinter sich, jedoch nicht die gleiche wie Polizeibeamte. Dennoch haben sie dieselben Befugnisse: Sie dürfen zum Beispiel Leute verhaften. Auch Waffen tragen wäre erlaubt - in Karlsruhe wird das aber nicht umgesetzt.

Über die Effektivität dieser Maßnahmen lässt sich streiten. "Sicher ist jedoch, dass nur durch Kontrolldruck etwas erreicht werden kann", erklärt Björn Weiße. Wer aufgrund seines Fehlverhaltens nie Konsequenzen erfahre, werde nichts daran ändern. Das gilt für Jugendliche sowie für die Betreiber von Geschäften, in denen Alkohol und Tabakwaren verkauft werden. Aus diesem Grund ergreift das Ordnungsamt auch präventive Mittel - beispielsweise durch Testkäufe. Diese werden von Minderjährigen unangekündigt in Supermärkten, Tankstellen und Kiosks durchgeführt. Werden Spirituosen widerrechtlich verkauft, drohen dem Verkäufer rund 200 Euro und dem Leiter des Geschäfts bis zu 2.500 Euro Bußgeld. Erst kürzlich wurde so ein Test in Karlsruhe durchgeführt: In drei von sieben Läden wurden Spirituosen und Tabakwaren an Jugendliche abgegeben.

Testkäufe und Alkoholverbote auf öffentlichen Plätzen

"Als weitere Maßnahme ist ein Gesetz im Gespräch, nach dem an bestimmten öffentlichen Plätzen nicht getrunken werden darf", verrät Ordnungsamt-Leiter Weiße. "Aktuell ist zum Beispiel das Alkoholtrinken in Zügen verboten, das Mitführen von Spirituosen jedoch erlaubt." Das "Vorglühen" im Zug auf dem Weg zur Disco ist für Jugendliche ein normaler Start in den Abend geworden. Eine Angewohnheit, die wegen des Trinkverbots zwar abnahm, aber nicht beseitigt werden konnte. Um es vollständig zu unterbinden, soll auch das Mitführen von Alkohol in der Bahn verboten werden.

Es sind nur einige der Methoden, die das Ordnungsamt den jungen Trinkfreudigen entgegensetzt: Testkäufe, das Gespräch mit Jugendlichen, wenn sie ihre Grenzen überschreiten, Kontrollen, das Beschlagnahmen von Alkohol und Zigaretten, Informieren der Eltern über das Verhalten ihrer Kinder und die Einlieferung in eine Ausnüchterungszelle. Trotzdem schaffen es Jugendliche immer heftiger über die Stränge zu schlagen. 2009 gab es in Karlsruhe 109 Fälle in denen Minderjährige wegen Alkoholmissbrauchs ins Krankenhaus kamen. Diese Zahl klingt für sich alleine schon erschreckend hoch.

Alkohol und Prävention - ein Teufelskreis?

Dazu kommt, dass die Einlieferungen nicht nach besonderen Veranstaltungen oder Festen stattfanden, sondern an normalen Wochenenden und sogar an Werktagen. Eine andere schockierende Tatsache ist, dass Jugendliche offensichtlich immer mehr Alkohol vertragen. Björn Weiße erzählt von einem 16-Jährigen mit 2,67 Promille, der noch relativ fest auf den Beinen stehen konnte. "Unsereiner würde bei 1,5 Promille schon nicht mehr wissen, wo oben und unten ist." So jemand müsse regelmäßig trinken um das auszuhalten.

Es ist ein Teufelskreis: Die Jugend trinkt Alkohol, die Stadt ergreift Maßnahmen dagegen, damit die Jugendschutzbestimmungen eingehalten werden. Als Folge darauf finden die Jugendlichen immer mehr, immer neue, immer gefährlichere Wege, um diese - mit fragwürdigem Erfolg - zu umgehen und werden dabei nicht selten straffällig. So gesehen sind die Auswirkungen der Jugendschutzgesetze die gleichen wie bei vielen anderen Gesetzen auch: Sie werden versucht zu umgehen. Etwa beim Fälschen von Ausweisen und Unterschriften oder beim Benutzen des Ausweises einer anderen Person. Doch ist das nicht widersprüchlich? Sollten Jugendschutzgesetze ihrem Namen nicht alle Ehre machen und die Jugend schützen? Dazu anregen, keine Straftaten zu begehen?

Wo ein Wille ist, ist ein Weg - zum Gesetzesbruch

Björn Weiße sagt dazu: "Gesetze dienen als Barriere. Mir ist klar, dass immer versucht wird solche Regeln zu umgehen. Wo ein Wille ist, ist schließlich auch ein Weg." Trotz alledem würden viele davon abgehalten und abgeschreckt. "Was ist denn auch die Alternative? Sollte erlaubt werden, dass selbst 14-jährige in Discos dürfen, damit gewährleistet ist, dass sie die Unterschrift auf dem U-18-Formular nicht fälschen? Das ist wohl kaum der richtige Weg."

Maike Vocke, 18, ist ka-Klickstarterin. ka-klickstarter ist eine gemeinsame Aktion von ka-news und dem jubez, einer Einrichtung des Stadtjugendausschusses e.V. Karlsruhe, bei dem Jugendliche sich unter fachkundiger Anleitung als Journalisten versuchen können und selbst Artikel schreiben dürfen

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