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Karlsruhe Fußball unterm Hakenkreuz: Nazi-Turnier in Karlsruhe

Am 4. Februar haben Neonazis von der rechtsextremen Gruppierung "Karlsruher Netzwerk" ein Fußballturnier in einer Karlsruher Soccer-Halle veranstaltet. Es trafen sich etwa 17 Mannschaften zum sogenannten "Svastika Hallen Cup 2012". Svastika wird in der rechten Szene als Synonym für "Hakenkreuz" verwendet. Neben Personen aus der lokalen rechten Szene, darunter eine Mannschaft der NPD Karlsruhe-Land, traten auch Kicker aus Dortmund, Zweibrücken und München an. Der Staatsschutz ist alarmiert.

"Das Fußballturnier der braunen Kameraden aus Karlsruhe hat mittlerweile einen festen Platz im Terminkalender der Neonazis und verweist auf eine überregionale Vernetzung der Rechtsextremisten", so Ellen Esen gegenüber ka-news. Die Karlsruher Politikwissenschaftlerin beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit dem Thema Rechtsextremismus.

Die Karlsruher Gruppe setze auf Freizeit-Events zur Gewinnung von weiteren Anhängern. Dazu gehöre auch die Ausrichtung von Fußballturnieren. "Jährlich wird ein Svastika-Cup ausgelobt, will heißen, ein Hakenkreuz-Pokal geht an den Gewinner", sagte Esen kürzlich in einem ka-news-Interview.

Staatsschutz war vor Ort

Auf der Website des rechtsextremen Karlsruher Netzwerks heißt es in einem "Erlebnisbericht" zu dem Turnier: "Es gab keinerlei Störungen vonseiten der Polizei und alle hatten ihren Spaß. In bester kameradschaftlicher Stimmung konnten wir so unter unseren Kontrahenten neue Bekanntschaften aus der Bewegung knüpfen."

"Das Turnier wird seit mehreren Jahren einmal jährlich an verschiedenen Orten in der Region ausgetragen", bestätigen Manfred Bernius, Leiter der Abteilung Staatsschutz in Karlsruhe und sein Stellvertreter, Frank Weingärtner, im ka-news-Gespräch. Da das Turnier "höchst konspirativ organisiert und ausgetragen" werde, erfahre die Polizei normalerweise erst im Nachhinein durch eben solche Turnier-Berichte von der Veranstaltung.

"Wir brauchen couragierte Bürger"

In diesem Jahr war Staatsschützer Weingärtner zufällig persönlich vor Ort. Ihm sei an diesem Abend an einem Auto ein ihm bekanntes Kennzeichen einer Person aus der rechten Szene vor der Halle aufgefallen, erklärt er. Weingärtner habe darauf hin in der Halle nachgeschaut und unter den etwa 120 Personen auch einige ihm bekannte Gesichter aus der rechten Szene erkannt. Er habe aber keinerlei Anzeichen von strafbarem Verhalten feststellen können. "Es gab keine Hinweise auf verbotene Symbole oder Parolen", so Weingärtner. "Es ging dort um Fußball." So lange kein strafbares Verhalten vorliege, könnten die Staatsschützer nichts unternehmen. "Da sind uns die Hände gebunden." Insgesamt beobachtet der Staatsschutz derzeit etwa 300 bis 400 namentlich registrierte Personen aus der rechten Szene im Stadt- und Landkreis Karlsruhe.

"Veranstaltungen wie dieses Fußballturnier dienen zur internen Freizeitkommunikation innerhalb der rechten Szene", weiß Staatsschutz-Leiter Manfred Bernius. Neue Leute kennen lernen, Netzwerke bilden, heiße die Devise. "Wir setzen auf Prävention und wollen durch Gespräche Gastronomen und Hallenbesitzern für solche Veranstaltungen sensibilisieren. Sie sollen nicht an jeden vermieten." Doch häufig würden Gastronomen darüber hinwegsehen. Die wenigsten seien Teil der rechten Szene, die meisten wollten einfach nur Geld verdienen. "Denen ist egal wer kommt, Hauptsache er bezahlt", so der Staatsschutzbeamte.

Hallenbetreiber zeigt sich uneinsichtig

Der Staatsschutz hoffe daher auf die Vernunft der Hallenbetreiber, diese seien in der Verantwortung. "Wir brauchen couragierte Bürger", appelliert Bernius. Die Staatsschützer bieten Gastronomen auch ihre Hilfe an. Wenn einem Gastronom oder Hallenbetreiber eine Anfrage komisch vorkomme oder er Verdacht schöpfe, dann könne er sich beim Staatsschutz über die potentiellen Mieter informieren, so Bernius.

Werde eine Halle oder ein Saal unter einem Vorwand gebucht und das Klassentreffen entpuppe sich plötzlich als Nazi-Veranstaltung, könne der Gastwirt auf sein Hausrecht pochen und die Personen das Hauses verweisen. Er könne jederzeit die Polizei rufen, die im Notfall auch beim Durchsetzen des Hausrechts behilflich sei. Auch mit dem Geschäftsführer der Halle, in der im Februar das Nazi-Turnier stattfand, hätten sie gesprochen, so Bernius. Doch dieser habe sich uneinsichtig gezeigt. Für ka-news war der Hallenbesitzer, bei dem der Hakenkreuz-Cup vermutlich schon häufiger stattfand, auf mehrfache Anfrage nicht zu erreichen.

Die Autonome Antifa Karlsruhe reagierte in einer Stellungnahme schockiert und forderte den Hallenbetreiber auf, die Halle nicht ein weiteres Mal an die neonazistische Kameradschaft zu vermieten. "Ausgerechnet in Zeiten, in denen der rechte Terror wieder präsent ist, solch unverhohlene Glorifizierung des Nationalsozialismus zu dulden, ist unerträglich", so ein Sprecher der Autonomen Antifa Karlsruhe.

Wer steckt hinter dem Netzwerk?

Doch wer organisiert solche Turniere und steckt hinter dem sogenannten Karlsruher Netzwerk? Nach Ansicht der Staatsschützer werde der Internetauftritt des Netzwerks - mit rechtem Gedankengut und volksverhetzenden Inhalten - von einem kleinen Stamm von Redakteuren, die wahrscheinlich im Stadt- und Landkreis Karlsruhe ansässig sind, betreut. Das lasse sich aber nicht beweisen. Etwa fünf bis sechs Administratoren pflegen die Seite, schätzt der Staatsschutz. Kennen tut er sie nicht. Durch den ähnlichen Schreibstil bei verschiedenen Texten lasse sich darauf schließen, dass immer wieder die gleichen Autoren Berichte verfassten. Gegen die Website gebe es keine juristische Handhabe, da sie auf einem Server in den USA liege und somit vor dem Zugriff der deutschen Behörden geschützt sei.

"Die Website ist ein Sprachrohr von verschiedenen rechtsextremen Verbindungen und Organisationen mit regionalem Schwerpunkt", erläutert Bernius. Die Ermittler schreiben der Internetseite einen "relativ hohen Bekanntheitsgrad" innerhalb der Szene zu. Das ließe sich daran erkennen, dass die Texte sowohl in Internetforen von rechten Kreisen, aber auch in Foren der linken Szene häufig zitiert würden.

Neben den Turnierberichten wurde kürzlich auf der Website ein Video veröffentlicht, das mehrere schwarz gekleidete und mit weißen Masken vermummte Personen zeigt, die auf dem Fastnachtsumzug in Eggenstein auftraten und Banner mit demokratiefeindlichen Parolen ausrollten. "Wir ermitteln wegen des Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz", so Bernius gegenüber ka-news. Der Staatsschutz gehe von sechs bis acht Personen aus, die an der Aktion beteiligt waren. Das gehe aus dem vorliegenden Filmmaterial hervor. Dass die Aktion im Zusammenhang mit dem Karlsruher Netzwerk stehe, sei zwar spekulativ, der Staatsschutz gehe aber von einer Beziehung aus.

Staatsschutz setzt auf Prävention

Der baden-württembergische SPD-Landtagsabgeordnete und Fraktionssprecher für Verfassungsschutz, Florian Wahl, findet es erschreckend, dass Neo-Nazis zunehmend den Alltag unterwandern. "Sie machen niederschwellige Angbote. Sie bieten jungen Menschen Hausaufgabenhilfe an, ködern mit Fußballturnieren und Konzerten oder verteilen CDs auf Schulhöfen", berichtet Wahl gegenüber ka-news. Gerade bei jungen Leuten, die politisch nicht gefestigt seien, hätten die Rechten daher leichtes Spiel und versuchten diese mit den sogenannten "Kümmerer-Angeboten" für ihre Ideologien zu gewinnen.

Vor allem bei Grillfesten und Musikveranstaltungen in der Sommersaison nutzten Rechtsextremisten die gesellige Stimmung bei Lagerfeuer und Grillfesten offensiv für die Anwerbung von zumeist jugendlichen Personen, weiß auch der Staatsschutz und setzt gerade hier auf Prävention. Im Februar suchten daher Mitarbeiter der Beratungs- und Interventionsgruppe gegen Rechtsextremismus (BIG Rex) des Landeskriminalamtes (LKA) und Staatsschutzbeamte aus Karlsruhe das Gespräch mit Angehörigen der rechten Szene im Landkreis.

Rechte Szene ist vorbereitet

Sie befragten dabei Personen, die in der Szene verkehren oder der Kriminalpolizei in jüngerer Vergangenheit wegen einschlägiger Straftaten wie Sachbeschädigungen, Volksverhetzungen oder das Verwenden verfassungswidriger Symbole aufgefallen waren. "Wir wollen die jungen Leute aufklären und vor dem Einstieg in die Szene bewahren", erklärt Staatsschützer Bernius. Dem Staatsschutz sei aber auch bewusst, dass dies nur bei Jugendlichen funktioniere, die "noch nicht so tief in der Szene verwurzelt" seien.

In der Szene selbst wurde die Aktion sehr genau beobachtet. Auf den Webseiten der rechten Szene wurde vor den "Anquatschversuchen" der Beamten gewarnt, teilweise wurden sogar Namen, Personenbeschreibungen der Polizisten und die Kennzeichen der genutzten Fahrzeuge veröffentlicht. "Die jungen Leute sind teilweise sehr gut vorbereitet und von der Szene geimpft", so Bernius. BIG Rex ist unter der Telefonnummer 0711/5401-3600 oder unter big-rex@polizei.bwl.de erreichbar.

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