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18.10.2010 11:03
 
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ka-news-Selbstversuch: Mit dem Rollstuhl durch Karlsruhe [46]

Karlsruhe (mda) - Ist Karlsruhe eine barrierefreie Stadt? Können hier Menschen mit Behinderung selbstständig Bahn fahren und einkaufen? ka-news-Reporter Moritz Damm machte den Selbstversuch und erkundete die Fächerstadt im Rollstuhl.

/region/karlsruhe/ka-news-Selbstversuch-Mit-dem-Rollstuhl-durch-Karlsruhe;art6066,487284,B?bn=583624
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Rollstuhlfahrer sind an vielen Haltestellen auf fremde Hilfe angewiesen.
Foto: ka-news

Ein Selbstversuch von Moritz Damm

Der Tritt in die Straßenbahn, der Griff in das Supermarktregal oder über die Theke. Alltägliche Handlungen, die ich schon hundert Mal gemacht, über die ich aber bisher noch kein einziges Mal bewusst nachgedacht habe. Wie erfahren Menschen im Rollstuhl diese Situationen? Welche Hürden müssen Sie im Alltag überwinden? Welche Hindernisse gibt es in Karlsruhe? Diesen Fragen möchte ich nachgehen und erkunde daher die Fächerstadt im Rollstuhl.

Das städtische Klinikum erklärt sich bereit, mir einen Rollstuhl auszuleihen. Ich kann nun die Stadt aus der Perspektive eines Rollstuhlfahrers erkunden. Und vorab: Es wird wesentlich beschwerlicher, als ich es mir vorgestellt habe.

Ich stehe an der Haltestelle "Städtisches Klinikum Moltkestraße" und möchte in die Innenstadt. Die nächste Bahn kommt in zehn Minuten. "Wird ja wohl kein Problem sein, da rein zu kommen", denke ich noch. Als die Bahn vor mir die Türen öffnet, klafft ein Abstand von etwa 15 Zentimetern zwischen Bordstein und Trittbrett. Alleine komme ich nicht in die Bahn. Doch zwei Männer eilen mir zu Hilfe und hieven mich hinein. Ich habe Angst, dass ich aus dem Rollstuhl falle. Doch ich muss den beiden mir wildfremden Personen vertrauen. Ich habe keine Wahl.

Unüberwindbare Stufen - enge Flure

Wie komme ich jetzt in die Innenstadt? Gibt es eine Haltestelle, an der ich selbstständig und ohne Hilfe aussteigen kann? Später werde ich erfahren, dass es in der Innenstadt momentan nur zwei Haltestellen gibt, bei denen Rollstuhlfahrer aus eigener Kraft aussteigen können: An den Haltestellen Europaplatz und Herrenstraße. Ich fahre also bis zum Bahnhof. Hier lupft mich eine junge Frau aus der Bahn. Nachdem ich wieder nur mit fremder Hilfe in die Linie 3 gekommen bin, kann ich schließlich alleine am Europaplatz aussteigen. Ich bin erstaunt, wie wenige rollstuhlgerechte Haltestellen es in der Innenstadt gibt.

Nun beginne ich einen kleinen Einkaufsbummel. Doch ich komme in die wenigsten Geschäfte selbstständig hinein. Bei vielen Läden versperrt mir eine unüberwindbare Stufe den Zugang. Auch hier muss ich wieder unbekannte Passanten oder Angestellte ansprechen, damit ich ins Innere gelange. Häufig ist es zwischen den Regalen sehr eng, ich kann mich mit meinem Rollstuhl kaum bewegen.

Vertrauen in wildfremde Personen

In größeren Kaufhäusern finde ich mich leichter zurecht. Die Flure sind breiter und es gibt Aufzüge. Doch in so manchem Kaufhaus, das rollstuhlgerecht eingerichtet ist, wird der Zugang durch große Glastüren erschwert. Ich versuche alleine die Türen zu öffnen. Alle Mühe hilft nichts. Schließlich hält mir eine Frau die Tür auf. Eine wichtige Erfahrung an diesem Tag habe ich schon jetzt gemacht: Die Menschen sind mir gegenüber sehr hilfsbereit.

Zum Thema
So hilft mir auch eine junge Frau im Supermarkt. Denn die Produkte oben auf dem Regal erreiche ich auch nach merhmaligem Strecken nicht. Das Regal ist einfach zu hoch. Es stört mich, ständig fremde Personen um Hilfe zu bitten. Es ist mir unangenehm.

Nur 66 Geschäfte "barrierefrei zugänglich"

Dies bestätigt mir auch die Vorsitzende des Beirats für Menschen mit Behinderung der Stadt Karlsruhe, Stefanie Ritzmann: "Die Menschen helfen wo sie können. Aber manchmal ist es einfach unangenehm, sich Fremden anzuvertrauen und sich helfen zu lassen. Man möchte einfach selbstständig sein, wenn man unterwegs ist."

Auch nimmt mir Ritzmann meine Bedenken, dass Menschen mit Behinderung den Selbstversuch kritisieren könnten. "Ich finde es sehr gut, wenn Menschen ohne Behinderung einmal den Alltag aus der Sicht eines Rollstuhlfahrers wahrnehmen und so die alltäglichen Probleme erkennen", erklärt Ritzmann, die selbst im Rollstuhl sitzt. Denn in Karlsruhe gebe es noch einiges an Nachholbedarf.

Erst kürzlich haben Vertreter des Behindertenbeirats in der Karlsruher Innenstadt und in umliegenden Straßen 170 Geschäfte auf einen barrierefreien Zugang hin überprüft. Nur 66 Geschäfte können demnach als "barrierefrei zugänglich" bezeichnet werden.

Jede kleine Steigung wird zum Kraftakt

Auch der öffentliche Nahverkehr sei nach wie vor ein schwieriges Thema, sagt Ritzmann. "Karlsruhe ist keine komplett barrierefreie Stadt, aber wir sind auf einem guten Weg dahin", erklärt Martina Warth-Loos, Behindertenkoordinatorin der Stadt. Ziel der Stadt Karlsruhe sei es, bis 2015 durch barrierefreie Zugänge in der Stadt und im öffentlichen Nahverkehr Rollstuhlfahrern einen uneingeschränkten Zugang zu allen Einrichtungen und Geschäften zu ermöglichen.

Ich bewege mich durch die Hektik der Innenstadt. Und es ist verdammt anstrengend. Wechselnder Bodenbelag, Asphalt, Pflastersteine, Kies. Ich spüre jede Bodenwelle und jedes kleine Loch im Asphalt, aber ich spüre auch die Blicke der Menschen. Einige wirken so, als schauten sie mich mitleidig an, andere gaffen neugierig. Jede kleine Steigungen wird für mich zum Kraftakt. Ich spüre jede Schräge und muss kräftig gegensteuern.

Es muss noch viel passieren in Karlsruhe

Ich komme an einer Bäckerei vorbei. Die Theke erreiche ich nicht. Die Bedienung reicht mir die Geldschale mit Wechselgeld. Nun beschließe ich, mich etwas im Schlossgarten auszuruhen. Die Reifen meines Rollstuhls kämpfen sich durch den Kies. Meine Arme sind erschöpft. Ich mache eine Pause und erhole mich von der Strapaze.

Mein bisheriges Fazit: Es ist sehr beschwerlich sich mit dem Rollstuhl durch Karlsruhe zu bewegen. Ob die Stufen vor Geschäften, die vergebliche Suche nach Behindertentoiletten in Restaurants oder das beschwerliche Einsteigen in Bahnen. Dass städtische und öffentliche Gebäude gut über Rampen zugänglich sind, ist zwar ein Anfang, aber es muss noch viel passieren in Karlsruhe, bis die Fächerstadt Rollstuhlfahrern einen uneingeschränkten Zugang zu Geschäften und dem öffentlichen Nahverkehr garantieren kann. Ritzmann drückt das so aus: "Wir Behinderten müssen eben geduldig sein."


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Kommentare [46]
Hinweis: Kommentare geben nicht unbedingt die Meinung von ka-news wieder.
  • (1102 Beiträge) | 18.10.2010 11:22
    Und ich dachte,...
    ...ich wäre der letzte Karlsruher, der Müttern mit Kinderwagen, Senioren oder Rollis die schwere Glastür bei Karstadt aufhält, anstatt sie ihnen vor den Latz zu knallen. Gibt es Fotos von der hilfsbereiten Frau?
  • (1495 Beiträge) | 18.10.2010 11:33
    Als Kinderwagenfahrer kann ich bestätigen, dass es viele Hilfsbereite gibt, sowohl bei Ladentüren als auch beim Ein- und Aussteigen in Straßenbahnen.
  • (1370 Beiträge) | 18.10.2010 13:44
    Jop,
    das kann ich auch. Es sei denn, der Barlou ist überall gleichzeitig. ((-;
  • (1495 Beiträge) | 18.10.2010 13:49
    Wer weiß
  • (1495 Beiträge) | 18.10.2010 11:30
    Klasse Artikel!
    Es ist eine sehr gute Idee, Karlsruhe mit dem Rollstuhl zu erkunden und dann darüber zu schreiben. Als jemand, der öfters mit Kinderwagen unterwegs war bin ich längst nicht so mobilitätseingeschränkt wie ein Rollstuhlfahrer, aber vieles aus der Schilderung kommt mir schon bekannt vor. Nicht erwähnt werden zugeparkte Gehwege (oft nur 1 m Platz zwischen Auto und Hauswand, und dazu noch immer wieder Fahrräder oder Laternenpfähle). Da ist oft kein Durchkommen.

    Ob wirkliche Barrierefreiheit überhaupt realistisch ist, weiß ich nicht. Breitere Gassen in den Läden gehen auf Kosten des Ladenbetreibers, der bei hohen Mieten das meiste aus seinen Quadratmetern holen möchte. Dasselbe gilt für niedrigere Supermarktregale, wo Rollstuhlfahrer auch an alles selbst drankommen. Aber dass von Seiten der Stadt wenigstens der Versuch gemacht wird, den öffentlichen Raum so weit wie möglich barrierefrei zu gestalten, finde ich sehr gut. Hoffentlich kommt das Projekt voran!
  • (281 Beiträge) | 18.10.2010 12:49
    Mein Highlight im Rollstuhl
    Zum Zivi-Lehrgang anno letztes Jahrtausend, gehörte auch, dass zwei Leute einen ganzen Tag mit dem Rollstuhl unterwegs sind. Als ich dann im Rollstuhl saß, sind wir in der Dortmunder Fussgängerzone in ein Schuhgeschäft gerollt.

    Als die Verkäuferin uns sah, war ihre Frage an meinen Schieber: "Welche Schuhgrösse hat er denn?"
    Nach 10 Sekunden waren wir wieder draußen grinsen

    Es gab natürlich auch viele hilfsbereite, aber das war dann schon der Hammer.
  • unbekannt
    (903 Beiträge) | 18.10.2010 13:25
    Was genau
    war daran der Hammer? Dass sie dich nicht selbst fragte?
    Falls dem so ist, dann wünsche ich dir, dass du nie einen Schwerbehindertenausweis benötigst.
    Es gibt Menschen denen könnte man hundert Mal erklären, dass körperliche Behinderung nichts mit fehlenden geistigen Fähigkeiten zu tun hat. Nützt aber wenig, wenn bei denen die kognitiven Fähigkeiten gestört sind.
  • (1495 Beiträge) | 18.10.2010 13:43
    Was für eine Frage
    Es dürfte doch klar sein, wo da der Hammer war. Ich würde das Verhalten der Verkäuferin in dem geschilderten Fall als grobe Unverschämtheit empfinden. Auch wenn es keine böse Absicht gewesen sein wird, ist es völlig daneben. Wenn ich mir vorstelle, dass Rollstuhlfahrer sowas wohl öfters erleben, wird mir ganz anders.

    Auch bei einem geistig Behinderten gehört es sich eigentlich, ihn auch anzusprechen. Erstens sind das Menschen, die höflich behandelt gehören. Zweitens gibt es genug Leute, die vielleicht so aussehen, es aber nicht sind und die man deshalb auch wie jeden anderen normalen Menschen auch behandeln sollte. Wenn einer nicht zu einem normalen Verkaufsgespräch in der Lage ist, wird die Begleitperson das Gespräch sowieso für ihn führen. Dann hat man als Verkäufer nichts verloren, wenn man den (geistig behinderten) Kunden erstmal selbst angesprochen hat.
  • (7144 Beiträge) | 18.10.2010 13:50
    .




    Zitat von buchkauz

    Auch bei einem geistig Behinderten gehört es sich eigentlich, ihn auch anzusprechen.




    Allerdings. Ich war jahrelang im Verkauf und eine geistige Behinderung behindert nicht zwangsläufig den Kauf einer CD, einem Paar Schuhe oder ähnlichem.
  • unbekannt
    (903 Beiträge) | 18.10.2010 13:50
    Dir
    ist schon klar, dass ich aus eigener Erfahrung schrieb? Ich habe einen unbefristeten Schwerbehindertenausweis. Man muss sich Empfindlichkeiten abgewöhnen oder man geht unter!
  • unbekannt
    (903 Beiträge) | 18.10.2010 13:54
    Das
  • (1495 Beiträge) | 18.10.2010 14:07
    Nein
    Nein, das war mir nicht klar. Und sicher stimmt das mit den Empfindlichkeiten, das wirst Du besser wissen als ich. Aber es sollte nicht stimmen! Es sollte soviel elementare Höflichkeit im Umlauf sein, dass jeder Mensch als solcher behandelt wird, zuallermindest in Läden, auf Behörden usw.

    Geschichten wie die von jeverlite machen mich wütend. Ähnlich werden Alte oft behandelt. Das gehört nicht so!

    Dass nicht jeder weiß, wie er mit Behinderten umgehen soll, wen man am besten wie behandelt, wie man Rollstühle in Straßenbahnen hebt usw. ist klar. Aber man kann sich doch die Mühe machen, zu fragen. Es ist doch besser, dumm dazustehen, weil man zuviel gefragt oder jemand nicht konversationsfähiges angesprochen hat, als dass man die Leute gleich ignoriert oder so munter drauflosholzt, dass der Rollstuhlfahrer Angst um Leib und Leben haben muss, oder?
  • unbekannt
    (903 Beiträge) | 18.10.2010 14:27
    Du
    sprichst wahre Worte. Besonders auf Behörden!
    Frau Martina Warth-Loos, Behindertenkoordinatorin der Stadt Karlsruhe habe ich als kompetent erlebt. Wie ernst man sie in anderen Verwaltungsbereichen nimmt kann ich nicht beurteilen. Sie hat sicher mehr zu tun, als Barrierefreiheit durchzusetzen.
  • (7144 Beiträge) | 18.10.2010 13:34
    Gutes Beispiel
    mein Sohn war im Zivildienst in einer Schule für Sehbehinderte und Blinde beschäftigt und hat bei deren Begleitung ähnliche Erfahrungen gemacht.
  • (7144 Beiträge) | 18.10.2010 13:35
    Ging
  • (3154 Beiträge) | 18.10.2010 13:24
    Tolle Aktion!
    Es gibt übrigens das Projekt UNBEHINDERT MITEINANDER.
    Geschäfte können sich dort bewerben, werden dann von Behinderten auf Barrierefreiheit und den Umgang mit Behinderten Menschen geprüft.
    Dazu gehört auch, wasjeverlite beschreibt, nämlich mit den Behinderten selbst zu kommunizieren und nicht über den Betreuer.
    Bei erfolgreiche Prüfung wird eine Plakette verliehen, welche zeigt, daß hier Behindertengerechter Service geboten wird. Jeder kann sich im Vorfeld im Internet informieren, welche Einrichtungen geprüft sind.
    Eine sehr gute Sache.
  • unbekannt
    (903 Beiträge) | 18.10.2010 13:47
    Sagt
    ausgerechnet helix!
    Er dürfte in den Geschäften aber bestimmt nicht tätig sein, wenn die eine Plakette wollen.
  • (3154 Beiträge) | 18.10.2010 14:26
    Silberahorn!
    Du kannst es wohl nicht leiden, wenn man dich in Ruhe läßt, oder?
    Provozieren und beleidigen kannst du gut.
    Wundere dich darum nicht, wenn du wieder ein Brett bekommst, natürlich verbal (um Mißverständnisse auszuschließen. Nicht daß der Polizeiapparat brach liegt, weil sich jemand verfolgt fühlt).
    Besser du läßt das künftig.
  • unbekannt
    (903 Beiträge) | 18.10.2010 15:44
    Dazu
    kann man nur sagen, dass ich dich nie provoziert oder gar direkt angesprochen hatte, bevor du mit deinen Gästebucheinträgen bei mir angefangen hast. Da wird mir auch unterstellt, ich hätte mir selbst geschrieben.
    Deine Kommentare kann ich noch nicht mal löschen ohne Sie kurz darauf wieder so drin zu haben. Das empfinde ich als Belästigung!
    Jetzt verstehe ich höchstens wie das gemeint war oben mit: UNBEHINDERT MITEINANDER.
    Die Initatoren des Projektes verstehen darunter vll etwas anderes als DU. zwinkern Und viele Behinderte bestimmt auch!
    Das muss auch klar gesagt werden dürfen!
  • (7144 Beiträge) | 18.10.2010 16:09
    Dem
    werde ich mal nachgehen.




    Zitat von silberahorn

    Deine Kommentare kann ich noch nicht mal löschen ohne Sie kurz darauf wieder so drin zu haben.



    Dieses Phänomen kenn ich nicht. Also versteh ich das richtig, das sie ihre Kommentare in Ihren Gästebuch löschen können, aber andere Einträge nicht?
    Das ist eine technische Frage.

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