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Karlsruhe Was denkt der Kopf unter dem Tuch? Karlsruher Muslimas diskutieren im ibz

"Was denkt der Kopf unter dem Tuch?" - Dieser Frage ging die erste Veranstaltung im Kulturprogramm des Internationalen Begegnungszentrums (ibz) im neuen Jahr nach. Am Donnerstagabend sprach hier Journalistin Khola Hübsch über die Widersprüche zwischen Selbstbild und Fremdwahrnehmung muslimischer Frauen in Deutschland. Eingeladen hatte die muslimische Frauenorganisation Lajna Imaillah der Ahmadiyya Muslim Jamaal gemeinsam mit dem ibz.

Gleich zu Beginn der Veranstaltung im kleinen aber gut gefüllten Versammlungsraum des ibz wurde ein Koranvers rezitiert, oder in deutschen Ohren wohl eher gesungen, was mehrere Minuten dauert. Die Übersetzung "lasset nicht ein Volk über ein anderes spotten" enthält bereits das Anliegen des Vortrags: ein Aufruf zu Toleranz und Offenheit.

Rund 60 Interessierte mit und ohne sichtbaren Migrationshintergrund sind erschienen - überwiegend Frauen, darunter viele mit Kopftuch. Auch Hübsch trägt eins. "Das hat natürlich etwas mit Religion zu tun, aber die genauen Beweggründe sind individuell verschieden", versucht die Journalistin auf Nachfrage aus dem Publikum zu erklären.

Woran denken Sie beim Stichwort "Islam"?

Für sie persönlich etwa bedeute das Kopftuch Liebe zu Gott und Treue zum Partner, habe als Erkennungsmerkmal der Muslime aber auch eine gesellschaftliche Komponente. "Wichtig ist vor allem, dass man es freiwillig trägt", betont Hübsch. Und genau das sei bei den meisten Frauen auch der Fall - entgegen der vorherrschenden Meinung in der Bevölkerung. "Beim Stichwort 'Islam' denken über 80 Prozent zuerst an die Unterdrückung der Frau", sagt die Journalistin und beruft sich dabei auf eine Studie des Allensbacher Instituts von 2011. Insgesamt habe die Religion ein "Imageproblem" in Europa, doch im Vergleich mit anderen Ländern werde der Islam in Deutschland besonders negativ gesehen.

"Das liegt vor allem daran, dass es hier so wenig persönliche Kontakte mit Muslimen gibt, die mit drei Millionen Menschen, also unter 5 Prozent der Bevölkerung, eine sehr kleine Minderheit darstellen", meint Hübsch. Deshalb werde das Bild vom Islam hauptsächlich durch die Medienberichterstattung geprägt, die ihrerseits wiederum sehr einseitig ausfalle. Hübsch selbst hat die Zeitungen Stern, Spiegel und Zeit, zwischen 2003 und 2005 auf sämtliche Texte und Bilder zu Muslimas untersucht und dabei bestimmte Darstellungsmuster, so genannte Frames, identifiziert. Am häufigsten tauche der "Opfer-Frame" auf: muslimische Frauen als Opfer von Ehrenmord, Zwangsheirat und häuslicher Gewalt. "Das alles gibt es wirklich, aber es hat nichts mit Religion zu tun. Der Koran spricht sich eindeutig dagegen aus", argumentiert Hübsch.

Statt die jeweiligen kulturellen Hintergründe wie etwa patriarchalische Strukturen und archaische Traditionen in Herkunftsländern als Ursache für solche Missstände zu identifizieren, werde die Beziehung zum Islam allgemein betont - der Ehrenmord in ihren Augen so "muslimifiziert". Eine aus Tunesien stammende Zuhörerin bestätigt, sie habe zum ersten Mal in Deutschland von Ehrenmorden gehört. "Das Thema häusliche Gewalt betrifft übrigens nicht nur Muslime: 37 Prozent aller Frauen in Deutschland haben sie schon einmal erfahren", so die Publizistin. Auch Iris Sardarabady, eine der Leiterinnen des ibz, findet, dass hier oft mit zweierlei Maß gemessen werde: "Bei Muslimen spricht man vom 'Ehrenmord', bei allen anderen von einer 'Familientragödie'. Da werden zwei völlig verschiedene Perspektiven für einen ähnlichen Sachverhalt angewendet." Diese einseitige Art der Darstellung sei für sie mit ein Beweggrund für die Veranstaltung gewesen.

Männerquote im Iran - Bildungsaufsteigerinnen in Deutschland?

Neben dem ebenfalls negativen "Extremismus-Frame" gibt es laut Hübsch auch positive, wenn auch seltenere Darstellungen von Muslimas in den Medien, etwa unter dem Stichpunkt "Emanzipation". Beispiele wie die erste muslimische Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi, saudische Frauen, die sich gegen das Autofahrverbot auflehnen, und die wichtige Rolle von Aktivistinnen im arabischen Frühling zeigen in ihren Augen, dass sich in der islamischen Welt etwas bewegt. Hübsch bestreitet nicht, dass dort zur Zeit ein starkes, konservatives "Gelehrtenestablishment" vorherrsche. "Sicherlich hinkt die 'islamische Welt' hier insgesamt noch hinterher. Aber wer weiß schon, dass es zum Beispiel in Ägypten mehr weibliche Professoren gibt als in Deutschland, oder dass man an iranischen Universitäten bereits eine 'Männerquote' unter den Studenten einführen musste", so Hübsch.

Positive Berichte über muslimische Frauen kämen vor allem dann zustande, wenn diese selbst befragt würden und nicht nur über sie geredet werde. "Deutsche Medien suchen leider selbst bei den Beispielen für Emanzipation noch fast ausschließlich irgendwo draußen in der 'islamischen Welt', statt im Inland", beklagt die Publizistin hierzu. Dabei könne man Musliminnen in Deutschland durchaus als "Bildungsaufsteigerinnen" bezeichnen, die gleichberechtigte Partnerschaften anstrebten und solche Traditionen, die sie für überkommen halten, auch durchaus ablehnten.

"In ihren Augen stellt der Islam als Religion eine Quelle für Selbstvertrauen dar und eben nicht die Ursache der Probleme, die es zweifellos gibt", meint die Journalistin. Immerhin sei beim Thema "muslimische Frauen" in den letzten Jahren auch in deutsche Medien langsam Bewegung gekommen. "Jetzt müssen wir einfach noch ein bisschen Geduld haben und Präsenz zeigen, dann können wir vielleicht doch die eine oder andere Mauer in den Köpfen einreißen", hofft Hübsch.

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  • unbekannt
    (201 Beiträge)

    03.02.2014 18:45 Uhr
    Ich denke,
    das Faß ist voll. grinsen
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  • unbekannt
    (201 Beiträge)

    03.02.2014 12:45 Uhr
    Fordere Vollverschleierung von Frau Schwarzer
    IST DIE HÜBSCH...
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  • unbekannt
    (201 Beiträge)

    03.02.2014 12:08 Uhr
    Die Ukraine
    zeigt gerade, wie Manipulation funktioniert und wie man die Leute auf die Seiten der vermeintlichen "Guten" bringt....
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  • unbekannt
    (201 Beiträge)

    03.02.2014 11:24 Uhr
    Wenn man
    hier so die Meinungen liest, könnten die auch von einer einzigen Person geschrieben sein. Alle gleichgeschaltet irgendwie vom Inhalt.
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  • unbekannt
    (14337 Beiträge)

    03.02.2014 12:00 Uhr
    Von wegen gleichgeschaltet, DaCondor!
    Da spricht der noch gesunde Menschenverstand!
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  • unbekannt
    (201 Beiträge)

    03.02.2014 12:06 Uhr
    RobinBook sagt aber: Gleichgeschaltet.
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  • unbekannt
    (14337 Beiträge)

    03.02.2014 17:30 Uhr
    "Wenn man hier so die Meinungen liest,
    könnten die auch von einer einzigen Person geschrieben sein".

    Wundert's Dich, wenn von 360 (361) Kommentaren knapp 90 von Dir sind?
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  •   Meister_Yoda
    (35 Beiträge)

    02.02.2014 23:03 Uhr
    Dummheit. Zur dunklen Seite der Macht sie führt.
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  •   Antichrist
    (1576 Beiträge)

    03.02.2014 11:48 Uhr
    Klappe! Ich bin Dein Vater!
    grinsen
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  • unbekannt
    (4144 Beiträge)

    02.02.2014 22:15 Uhr
    Wenn man sich die Kommentare hier durchliest,
    muss man sich als Erwachsener echt die Frage stellen, ob man sich hier weiterhin beteiligt?
    Es tobt sich hier offensichtlich eine Klientel aus die eigentlich nur noch peinlich ist, und die These massiv untermauert, dass es wirklich einen Bildungsnotstand in Deutschland gibt!
    Und soll mir keiner sagen die verstellen sich um zu provozieren, ganz bestimmt nicht, DIE SIND SO DUMM UNd PRIMITIV wie sie sich hier geben.
    Die Redaktion sollte sich dringend eine bessere Kontrolle ausdenken oder die Kommentarspalte zukuenftig ganz weglassen.
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