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18.01.2016 07:00
 
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Muslime in Karlsruhe: "Jeder Anschlag ist auch für uns ein Rückschlag" [0]

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Karlsruhe (Ramona Holdenried) - Angst vor dem Islam: Spätestens seit der Horrornacht von Köln, bei der zahlreiche Frauen sexuell belästigt und gedemütigt wurden, gehen in den sozialen Medien allerlei Gerüchte über Muslime sowie über ihre Bräuche und Sitten um. Aber was ist eigentlich dran an den Geschichten? Wir haben mit Karlsruher Muslimen über die aktuelle Situation gesprochen und einem traditionellen Gebet in der Karlsruher Oststadt beigewohnt.
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Als Lütfü Azal die Tür hinter uns schließt, sind die Gespräche vor der Tür kaum noch zu hören. Es ist 13.30 Uhr, das traditionelle Freitagsgebet in der Zentralmoschee der Türkisch Islamischen Gemeinde Karlsruhe (Ditib) in der Oststadt ist gerade vorbei. Im Durchschnitt kämen bis zu 600 Menschen in die Moschee zum Freitagsgebet, berichtet Azal sichtlich stolz.

Wenn Arbeitsalltag und Freitagsgebet kollidieren

Dass so viele Menschen ausgerechnet am Freitag den Weg in die Käppelestraße suchen, hat einen Grund: Das Freitagsgebet ist eine im Koran verankerte religiöse Verpflichtung. "So wie im Christentum der Sonntag ein wichtiger Tag ist, so ist für Muslime der Freitag von großer Bedeutung", erklärt Islamwissenschaftlerin Derya Sahan, die in der Karlsruher Ditib-Gemeinde auch als Gemeindekoordinatorin aktiv und an diesem Freitag beim Rundgang ebenfalls dabei ist. Einen Zwang zum Gebet gibt es nicht. "Jeder Muslim sollte zwar zum gemeinschaftlichen Gebet am Freitag kommen, aber der Koran legt fest, dass niemand gezwungen werden kann."

Grundsätzlich ist das Gebet für gläubige Muslime ein zentraler Bestandteil der Tagesgestaltung. Fünf Mal täglich wird in der Zentralmoschee in der Käppelestraße zum Gebet gerufen: Morgens, mittags, nachmittags, abends und auch bei Nacht. "Die Uhrzeiten sind dabei immer verschieden", schildert Sahan, "die jeweiligen Gebetszeiten sind immer abhängig vom Sonnenstand." Nicht immer lässt sich die Zeit dann mit den Arbeitszeiten vereinbaren. "Gebetet werden kann zur Not auch in einem sauberen Raum, in dem man auch die rituelle Waschung vornehmen kann", so Sahan. Beim Freitagsgebet werde es da schon schwieriger, da dieses in der Gemeinschaft und damit in einer Moschee vollzogen werden sollte. Nur bei Schwangeren, Alten oder Kranken könne eine Ausnahme gemacht werden.

Freitagsgebet Moschee

(Jeden Freitag hält der Religionsbeauftragte eine Predigt in türkisch und arabisch. Ein Übersetzer verliest die Predigt anschließend auf deutsch.)

"Man muss vor Annahme eines Jobs abklären, ob man für das Freitagsgebet stundenweise Urlaub nehmen kann", erklärt Azal. Das Freitagsgebet in dieser Woche findet um 12.30 Uhr statt. Das Besondere an diesem Gebet: Es ersetzt nicht nur das Mittagsgebet "dhuhr", sondern beinhaltet auch eine Predigt. "Die Sprache, in der die Predigt gehalten wird, richtet sich dabei immer nach den Sprachen in der Gemeinde", so Sahan. In der Karlsruher Ditib-Moschee werde die Predigt in drei Sprachen gehalten: Deutsch, Türkisch und Arabisch. "Viele Mitglieder in der dritten Generation haben bereits Probleme mit der türkischen Sprache", meint Azal.

Da auch immer wieder Flüchtlinge am Gebet teilnehmen würden, sei man dazu übergangen, die Predigt nicht nur auf deutsch und türkisch, sondern auch arabisch zu halten. Einfach von der Seele weg lospredigen darf der "Religionsbeauftragte" allerdings nicht: "Die Predigten werden von der Ditib-Kommission vorgelegt,  in andere Sprachen übersetzt und online gestellt", so Sahan. Beim Gebet an diesem Freitag ist das Zusammenleben im Islam Thema. 

"Christen sind ebenfalls willkommen"

Für die Ditib-Gemeinde ist die Moschee aber nicht nur ein Ort des Gebetes, sondern auch der Begegnung. Nach dem Freitagsgebet sitzen viele Mitglieder noch zusammen. Heute hat die Ditib-Gemeinde zum dritten Mal zum "Sardellentag" geladen. Grüppchen - Männer wie Frauen jedes Alters - sitzen noch zusammen, trinken Tee, essen Sardellen oder Lahmacun. Man kennt sich: Wenn Azal und Sahan betreten, werden sie mit einem Lächeln und einem Handschlag begrüßt. Nur wenige Minuten, nachdem wir uns gesetzt haben, stehen bereits für jeden Tee und ein Teller mit Sardellen und Fladenbrot auf dem Tisch.

Freitagsgebet Ditib

(Ehrenamtliche Helferinnen bereiten bereits seit 6 Uhr morgens Lahmacun und Sardellen vor.)

Vor allem für Jugendliche sei die Zentralmoschee eine wichtige Anlaufstelle geworden, berichtet Sahan. "Viele treffen sich hier unabhängig von den Gebetszeiten, sitzen zusammen oder spielen in unserem Aufenthaltsraum Billard." In den letzten Jahren sei die Zentralmoschee aber auch ein Treffpunkt für Flüchtlinge geworden, die in der Landeserstaufnahmestelle (LEA) in Karlsruhe gelandet sind. "Dabei sind nicht alle, die uns besuchen, Muslime", schildert Sahan. Vor allem während des Ramadans seien viele geflohene Christen zum Fastenbrechen vorbei gekommen. "Wir fragen nicht nach, ob jemand Muslim ist oder nicht", erklärt die Gemeindekoordinatorin, "sowohl am gemeinsamen Zusammensitzen als auch bei dem Freitagsgebet ist jeder willkommen."

Fürchtet die Ditib-Gemeinde einen Rechtsruck in Karlsruhe?

Leider bemerkt Sahan, dass immer öfter kein Bedarf an Dialog besteht. "Wir machen uns schon länger Sorgen, dass die Stimmung in der Bevölkerung in die Richtung schwankt, dass man uns nicht mehr als Teil dieser Gemeinschaft annimmt", erklärt Sahan im Gespräch mit ka-news. Den Grund für aktuelle Stimmung sieht sie in Anschlägen verübt durch Islamisten, aber auch durch die Geschehnisse in Köln. "Das war ein schlimmer Wendepunkt", meint sie, "so etwas darf nicht passieren. Wir müssen schauen, wo Handlungsbedarf besteht, dass so etwas nicht mehr vorkommt."

Aber auch bereits vor der Horrornacht in Köln habe sich das Klima verschlechtert. "Man wird immer wieder gefragt, warum man sich nicht distanziert", erklärt Sahan, "jeder Anschlag ist auch für uns ein Rückschlag, denn alles, was wir über die Jahre aufgebaut haben, geht durch solche Vorkommnisse wieder kaputt." Vor allem jugendliche Muslime und Frauen, die Kopftuch tragen, würden im Alltag immer wieder mit Diskriminierung konfrontiert. Zudem seien die Fahnen vor der Ditib-Zentralmoschee bereits zweimal Opfer von Vandalismus geworden, berichtet Azal.

"Leute wie die Teilnehmer von 'Kargida' möchten uns gar nicht kennenlernten und setzen stattdessen Gerüchte in die Welt - das ist wirklich sehr schade, denn wir sehen uns als Teil der Gemeinschaft in Karlsruhe. Dialog ist immer eine Bereicherung", meint Sahan abschließend.

Freitagsgebet Ditib Karlsruhe

(Eine Stunde nach dem großen Freitagsgebet kommen Mitglieder der Ditib-Gemeinde wieder zum Nachmittagsgebet zusammen. Es wird nicht das letzte Gebet an diesem Tag sein.)

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