14  

Karlsruhe Putzen gegen das Vergessen: Karlsruher polieren Stolpersteine

Manchmal sind es die kleinen Gesten, die große Zeichen setzen. Wenn Menschen auf die Knie gehen, um in den Karlsruher Straßen die "Stolpersteine" zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus zu polieren, dann ist das solch eine besondere Geste, die für sich selbst spricht.

Anlässlich der Karlsruher Wochen gegen Rassismus wurden am Samstag in der Südstadt unter dem Motto "Erinnerung aufpolieren" eben diese Messing-Gedenkplatten des Künstlers Gunter Demnig gereinigt und zum Strahlen gebracht.  Sie sind in die Straßenbelag eingelassen und zeigen vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern an, wo Opfer des Nationalsozialismus gelebt haben. Die "Stolpersteine" tragen die Namen, Geburts- und Todesdaten der Menschen und erinnern so an das Schicksal ganzer Familien, die deportiert oder umgebracht wurden.

Das Projekt "Erinnerung aufpolieren" gibt es in Karlsruhe schon länger. Engagierten Bürger putzen in der Regel zweimal pro Jahr Karlsruher "Stolpersteine", gedenken so der Opfer der NS-Diktatur und schaffen durch das Polieren neue Aufmerksamkeit für deren Schicksale. Privatpersonen und Mitglieder von Amnesty International, des Deutschsprachigen Muslimkreis Karlsruhe, des Vereins Gegen Vergessen - Für Demokratie, der Grünen Jugend Karlsruhe, des Menschenrechtszentrums Karlsruhe, der Jungen Union und der Jusos Karlsruhe nehmen regelmäßig an den Aktionen teil.

Zu den Karlsruher Wochen gegen Rassismus trafen sich zwölf Personen am Samstag in der Südstadt, um dort die "Stolpersteine" zu reinigen. In vier Gruppen aufgeteilt, ging es auf vorab festgelegten Routen durch die Straßen, um den Gedenksteinen neuen Glanz zu verleihen. Die Steine müssen manchmal minutenlang poliert werden, je nach Publikumsverkehr macht die Patina die Schrift fast unlesbar.

Interesse wecken, Geschichten erzählen

Passanten bleiben stehen, schauen erstaunt zu, fragen nach. "Nicht immer ist die Reaktion positiv", berichtet Martina Hahne, die bereits sei drei Jahren an den Putzaktionen teilnimmt. "Manchmal stoßen die Menschen uns sogar beiseite, wenn sie es besonders eilig haben, aber in der Regel sind sie eher neugierig, manchmal belächeln sie uns auch". Ist ein Stein poliert, liest jemand aus der Gruppe einen kurzen Lebenslauf zu den Menschen vor, die hier verewigt sind - ein kleiner Strauß Efeu, niedergelegt auf dem wieder strahlenden Stein, beendet den Moment des Gedenkens, die Gruppe zieht weiter. 

"Viele Menschen übersehen die Stolpersteine, weil sie gar nicht wissen, dass es sie gibt", so Martina Hahne weiter. Auch dafür ist die Aktion "Erinnerung aufpolieren" gut: Sie macht aufmerksam auf die Gedenksteine und damit auch auf die Lebensläufe der Opfer und deren trauriges Schicksal.

Aus dem Haus in der Werderstraße 26 kommt eine Anwohnerin heraus. Sie muss kurz stehen bleiben, denn vor ihr knien zwei Frauen auf dem Boden und polieren den Stolperstein für Moritz Baruch. Sie habe schon immer wissen wollen, wer dieser Mann sei, sagt sie. Liane Holl nutzt die Gelegenheit und liest ihr die mitgebracht Kurzbiographie vor. Die Ettlingerin engagiert sich für Menschenrechte und hat auch schon mehrfach an den Putzaktionen teilgenommen. "Schauen Sie mal im Internet nach", gibt sie der Anwohnerin mit auf den Weg. "Dort gibt es das 'Gedenkbuch für Karlsruher Juden', dort finden Sie die Biographien zu allen Stolpersteinen."

Erinnerung wach halten

"So lange die Stolpersteine sichtbar sind, halten sie die Erinnerung an die Opfer des NS-Terrors wach", ist sich Martina Hahne sicher. Sie und ihre Mitstreiterinnen sind überzeugt von der Aktion und wollen auf jeden Fall weitermachen. "Es geht um die Gesten, mit denen wir den Opfern und ihren Familien zeigen, dass wir nicht vergessen und dass wir uns für Menschlichkeit und ein verständnisvolles Miteinander einsetzen", beschreibt Liane Holl den symbolischen Sinn der Putzaktion.

Ein Kniefall vor den Opfern, deren tragische Lebensgeschichten mit den strahlenden Stolpersteinen in Erinnerung behalten werden - alle Karlsruher sind herzlich eingeladen, sich an den kommenden Aktionen zu beteiligen.  

Mehr zum Thema:

Karlsruher Stolpersteine-Putzaktion erinnert an 9. November 1938

Stolpersteine erinnern an Holocaustopfer in Karlsruhe

Karlsruher Stolpersteine: www.stolpersteine-karlsruhe.de

Das Gedenkbuch für Karlsruher Juden

Aktuelle Termine und Putzaktionen: www.erinnerung-aufpolieren.de

 

Online Wochen gegen Rassismus

Ja zum Meinungsaustausch, nein zu Rassismus! Bei ka-news wird Meinungsfreiheit groß geschrieben und kontroverse Debatten sind für uns ein Ausdruck lebendiger Meinungsvielfalt und ein wichtiger Bestandteil der Demokratie. Doch Meinungsfreiheit endet dort, wo die Menschenwürde missachtet wird. Fremdenfeindlichkeit hat bei uns keinen Platz!

#gegenRassismus

Als reichweitenstärkstes Nachrichtenportal für Karlsruhe und die Region wollen wir ein Zeichen setzen: Im Rahmen der Karlsruher Wochen gegen Rassismus starten auf ka-news die Online-Wochen gegen Rassismus.
Unter www.ka-news.de/gegen-rassismus werden wir vom 10. bis 23. März ausführlich über das Thema berichten.

Mit unserer Berichterstattung werden wir die Karlsruher Wochen gegen Rassismus begleiten. Darüber hinaus werden unsere Leser auf ka-news eigene Interviews und Hintergrundberichte rund um das Thema Rassismus finden. Unter dem Hashtag  #gegenRassismus  werden wir die Aktion in unseren sozialen Netzwerken auf Facebook und Twitter begleiten.
Mehr zum Thema
Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (14)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!