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Karlsruhe "Die Briefwahl ist unsicher": KIT-Professor setzt auf Online-Wahl

Über 50.000 Karlsruher haben bisher die Briefwahlunterlagen angefordert - eine Zahl, die laut Stadt auf Rekordniveau liegt. Nun warnt das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) in einer Pressemeldung: "Wir haben ein Problem mit der Briefwahl!"

Während Deutschland noch über den Hack der Software für die Bundestagswahl diskutiert, warnt der IT-Sicherheitsexperte Jörn Müller-Quade vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT): "Wir haben ein Problem mit der Briefwahl!"

Denn zwar könnten etwaige Cyber-Angreifer beim Urnengang womöglich die vorläufigen Ergebnisse durcheinanderbringen, das amtliche Endergebnis sei dank der händischen Auszählung aber absolut verlässlich, beschreibt das KIT in einer Pressemeldung.

Was passiert nach der Wahl mit der Stimme?

Bei der Briefwahl hingegen, die immer mehr an Bedeutung gewinnt, "weiß der Wähler nicht einmal, ob seine Stimme überhaupt gezählt wird", warnt der Professor für Kryptografie und Sicherheit. Zudem berge die Abstimmung zu Hause die Gefahr der Beeinflussung durch Dritte.

Die Schwierigkeit, dass die Bürger dabei mangels Quittung nicht nachvollziehen können, ob ihr Votum in die Abstimmung eingegangen ist, ließe sich durch eine Online-Wahl beheben, sagt Müller-Quade, der am Kompetenzzentrum für IT-Sicherheitsforschung des KIT, KASTEL, an den Cyber-Verteidigungsstrategien von morgen arbeitet.

Bundesverfassungsgericht lehnte Online-Wahl ab

Allerdings hat das Bundesverfassungsgericht von 2009 Wahlcomputern eine Absage erteilt, weshalb solche in Deutschland nicht im Einsatz sind. Die Verfassungsrichter hätten ihr Urteil mit der mangelnden Laienverständlichkeit von Wahlautomaten begründet, berichtet das KIT weiter.

"Das heißt nicht, dass diese schwer zu bedienen sind", so der Cybersicherheitsexperte. Vielmehr habe das Gericht darauf abgestellt, dass der Wahlvorgang am PC im Vergleich zur Abstimmung mit Stift, Papier und Urne für den Bürger nicht ausreichend transparent sei. Genau das sei die Briefwahl aber auch nicht, bemängelt Müller-Quade. Von fehlender Verlässlichkeit zu schweigen: "In unserer gegenwärtigen Demokratie halte ich die Briefwahl für glaubwürdig, ich würde mich aber nicht auf Dauer darauf verlassen, wie wir gerade vielfach beobachten können."

Verschlüsselte Stimme, die nachvollzogen werden können

Um Manipulationen auszuschließen, schlägt der Kryptograf für Online-Wahlen deshalb ein mehrstufiges Verschlüsselungsverfahren vor: "Stellen Sie sich vor, Sie legen Ihren Stimmzettel in eine Kiste und sichern diese mit einem Vorhängeschloss." Von der Wahlbehörde bekomme man die Stimme dann in rerandomisierter Form zurück: "Sie bekommen die gleiche Kiste mit anderem Aussehen."

Nun könne der Wähler entweder die Stimme zur Auszählung freigeben, darauf vertrauend, dass in der Kiste wirklich noch seine Stimme ist, oder der Wähler kann verlangen, dass alle Schritte der Rerandomisierung offengelegt werden. Danach kann man wieder eine verschlüsselte Stimme rerandomisieren lassen, und das Spiel wiederholen bis man seine Stimme zur Auszählung freigibt. "Ein Betrüger müsste stets fürchten aufzufliegen", so Müller-Quade.

Nebenbei könnten Dritte die Stimmabgabe nur schwer beeinflussen, da nicht nachgeprüft werden könne, wer welchen Kandidaten gewählt habe.

"Betrug ist ausgeschlossen"

Nun kann man auch nachweisen, dass die Wahl korrekt ausgezählt wird, ohne das Wahlgeheimnis zu verletzen. Dazu würden die Kisten öffentlich in einem großen Regal ausgestellt, sprich, "die verschlüsselt abgeschickten Stimmen anonym auf einer Liste im Internet veröffentlicht", erklärt Müller-Quade. Jeder Bürger könne nun unauffällig überprüfen, ob seine individuelle Kiste, deren Inhalt nur er kennt, auch vorhanden ist.

Die Wahrscheinlichkeit eines Betruges ist dem Kryptografen indes noch immer zu hoch. "Völlig inakzeptabel", sagt Müller-Quade. Von dem Regal werden deshalb nun eine Reihe von Kopien angefertigt: "Sagen wir, 1000." Jede davon könne nun beliebig oft rerandomisiert, also in ihrem Aussehen verändert werden. Für jede rerandomisierte Liste kann man nun entweder alle Kisten öffnen und die Wahl auszählen, oder verlangen, dass die einzelnen Schritte der Rerandomisierung offengelegt werden. Jede ausgezählte Liste muss nun das gleiche Stimmenverhältnis zutage fördern, und jedes Mal, wenn die Rerandomisierung offengelegt wurde, wird überprüft, ob diese ehrlich durchgeführt wurde, also die Stimmverhältnisse gleich gelassen hat. "So ist ein Betrug nahezu ausgeschlossen", sagt Müller-Quade.

Obwohl der Wissenschaftler schon selbst Wahlmaschinen entwickelt hat – 2008 erhielt sein "Bingo-Voting" den deutschen IT-Sicherheitspreis –, von denen gerade zwei Maschinen in einer entsprechenden Ausstellung im Heinz Nixdorf Museum in Paderborn zu sehen sind, ist die Papierwahl vor Ort immer noch die einfachste und insgesamt sicherste Methode. "Da fällt es extrem schwer, Wähler zu beeinflussen, da sie in der Kabine frei entscheiden können."

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Kommentare (15)
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  •   LJ_Skinny
    (158 Beiträge)

    21.09.2017 17:38 Uhr
    Werbung für die eigene Zunft
    Ist nicht normal, dass ein Mensch für seine eigene Arbeit werben will.

    Gut gemeint, sind natürlich die Urnenwahl und Briefwahl auch sicher. Denn das Papier und das Kreuz kann man ja nicht fälschen!

    Nun gibt es überall Möglichkeiten des Betrugs. Urne mit doppeltem Boden und beim Auszählen fehlen dann stimmen. Oder die Briefwahlbögen werden nicht ausgezählt. Oder kommen niemals an...

    Auch die digitalisierte Wahl wird so ihre Schwächen haben, wenn an will. Der Herr sagt ja bereits, dass bei den vorläufigen Ergebnissen Hacker manipulieren könnten, wieso nicht auch bei seinem "Wahlomat".

    Vielleicht ist es einfach der richtige Zeitpunkt um ein wenig auf sich aufmerksam zu machen....
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  •   max
    (133 Beiträge)

    20.09.2017 14:51 Uhr
    Wieder so ein Schwachsinn!!!
    Ob ich Briefwahl mache oder in das Wahllokal gehe, betrügen kann man immer, egal was man macht. Aber unsere Wahlhelfer so zu misstrauen, das ist schon ein starkes Stück. Die ganzen Wahlpürognosen sind einfach überflüssig. Das sind nur Wichtigmacher, die glauben sie sind Wahrsager. Entscheiden tut der Bürger, der das Wahlrecht in Anspruch nimmt.
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  •   betablocker
    (718 Beiträge)

    20.09.2017 13:33 Uhr
    Briefwahl
    gibts ja jetzt schon eine Weile und war nie gross Gegenstand irgendwelcher Diskussionen. Sie hat auch nichts mit der zunehmenden Digitalisierung zu tun. Man darf sich schon fragen warum das jetzt auf einmal so hochgekocht wird.

    Cui bono?
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  •   kommentar4711
    (1465 Beiträge)

    19.09.2017 19:24 Uhr
    Online Wahl
    Eine Online Wahl verstößt in meinen Augen grundlegend gegen wichtige Grundprinzipien einer Wahl, beispielsweise das sie nicht kontrollierbar ist. Alles was mit Verschlüsselung zu tun hat setzt vertrauen in diejenigen voraus, welche die Algorithmen implementiert habe. Da vertraue ich lieber darauf, dass der Zettel wirklich in der Urne landet und der Rest ist öffentlich nachvollziehbar.
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  •   lynx1984
    (2710 Beiträge)

    19.09.2017 18:25 Uhr
    das größte Problem
    sind doch Wahlen von Karteileichen.
    Hier gibt's einen Bericht vom ZDF dazu: https://www.youtube.com/watch?v=jbdihXOgODA

    Briefwahlunterlagen können auch von Vertrauenspersonen beantragt werden. Hiermit erhält man auch den Stimmzettel. Jetzt muss man nur noch Adressdaten von möglichen Karteileichen haben. Da hilft es beispielsweise im Arbeitsamt zu arbeiten, im Pflegeheim, usw. Ideal ist natürlich auch bei Behörden zu arbeiten. Digitale Unterschriften für die Ergaunerung der Briefwahlunterlagen sind auch dort gespeichert...

    Aber auch vor Ort kann bei den Auszählungen aber manipuliert werden: Hier gibt es einen guten Bericht des WDR darüber: https://www.youtube.com/watch?v=oJDldZghhRI

    Besonders schlimm: zumeist gehen diese Manipulationen zulasten von radikaleren Parteien, zuletzt insbesondere zulasten der AfD. Damit gewinnt diese Partei aber im Ansehen und fühlt sich in der Opferrolle bestätigt.
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  • unbekannt
    (427 Beiträge)

    19.09.2017 18:11 Uhr
    In dem Moment in dem einer verkündet …
    ein IT-System sei sicher gibt’s mindestens 100 die in den Startlöchern sitzen das Gegenteil zu beweisen … und sei es gegen Bares aus dem Kreml.
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  •   Irgendwas_mit_Medien
    (604 Beiträge)

    20.09.2017 04:20 Uhr
    Seitdem ich nur noch mit meinem Aluhut lebe, können die ganzen Strahlen
    nicht mehr in mein Gehirn dringen. Versuchs auch mal.
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  •   peddersenn
    (962 Beiträge)

    19.09.2017 17:09 Uhr
    Nun ja, unsere Fachleute.....
    Frag nen Bäcker, ob Du für die Weltrettung ne Brezel kaufen sollst. Genau soooo kommt mir das vor.

    Briefwahl ist unsicher, weil man keine Quittung hat.

    IT ist aber sicher? Nein, Herr Proffessor. IT ist so unsicher wie ein Eimer ohne Boden. Zumindest DAS sollte man bei Befassen mit der Materie erkannt haben. Näheres sagt Ihnen im Zweifelsfall der CCC.

    Nix, was irgendwie von Bedeutung ist, hat im Netz irgendwas verloren.
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  •   Mondgesicht
    (1556 Beiträge)

    19.09.2017 16:46 Uhr
    Technische Yysteme
    Auch ausgeklügelte technische Systeme sind manipulierbar. Es gibt immer irgendwo einen Hacker, der alle Sicherungen überwinden kann. Da ist der klassische Stimmzettel in der verschlossenen Urne immer noch am sichersten. Auszählungen sind ja öffentlich zugänglich, so dass sich da auch jeder von der ordnungsgemäßen Auszählung überzeugen kann.

    Einziges Thema könnte bei der Briefwahl ein Verlust auf dem Postweg sein. Das kann man umgehen, wenn man direkt im Briefwahlbüro wählt.
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  •   Mondgesicht
    (1556 Beiträge)

    19.09.2017 16:46 Uhr
    Systeme
    .
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