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19.02.2016 07:00
 
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Nach Angriff auf Wachmänner: Zwei LEA-Bewohner vor Gericht [0]

Symbolbild
Bild:Carsten Rehder/Archiv

Karlsruhe (Ramona Holdenried) - Im August des vergangenen Jahres kam es auf dem Gelände der Karlsruher Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge (LEA) zu tumultartigen Szenen. Mehrere Monate später mussten sich nun zwei Asylbewerber vor dem Amtsgericht Karlsruhe wegen Angriffen auf Polizei und Wachpersonal verantworten. Die Anklage lautete auf gefährliche Körperverletzung und Landfriedensbruch.
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Es ist die Nacht auf Dienstag, 25. August, gegen 1 Uhr morgens: Beim Polizeirevier Oststadt geht ein Anruf ein. Abgesetzt wurde er vom Wachpersonal der Landeserstaufnahmestelle in der Durlacher Allee. Die Security berichtet von tumultartigen Szenen und bittet die Polizei um Hilfe. "Noch bevor wir einsatzbereit waren, kam ein zweiter Anruf von den Sicherheitsleuten", erinnert sich der zuständige Einsatzleiter am Donnerstag vor Gericht.

Eine Auseinandersetzung eskaliert zur Randale

Vor Ort finden die Beamten das absolute Chaos vor, berichtet er. Auslöser für den Tumult war offenbar eine Meinungsverschiedenheit zwischen einem Bewohner, der ohne entsprechende Ausweisdokumente Zutritt zum Areal wollte, und einem Wachmann. Dann eskaliert die Situation: Eine etwa 50 Personen starke Gruppe bewaffnet sich mit Baustellenmaterialien sowie Mobiliarteilen und geht auf das Wachpersonal los.

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"Der Hof war vollkommen überlaufen von jungen Männern, die aufgebracht hin und her liefen." Nachdem sich die Situation kurzzeitig beruhigt hatte, eskaliert sie wieder. "Es wurden Steine geworfen und versucht, Fenster einzuschlagen", erklärt der junge Beamte vor Gericht. Vereinzelt seien auch Polizisten mit Steinen beworfen worden. Die Bilanz: 12 Festnahmen und mindestens 4.000 Euro Sachschaden. Die Staatsanwaltschaft leitet gegen drei Personen Verfahren ein, bei den anderen kann eine Beteiligung nicht mit Sicherheit nachgewiesen werden.

Flüchtlinge berichten von Gewalt und Misshandlung

Monate später müssen sich nun zwei der angeblich am Tumult Beteiligten wegen gefährlicher Körperverletzung und Landfriedensbruch vor dem Karlsruher Amtsgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft den aus Algerien stammenden Angeklagten vor, sich an den Tumulten beteiligt und dabei mindestens einen Wachmann verletzt zu haben. Der 22-jährige Angeklagte, so die Staatsanwaltschaft, habe dabei mit einer Eisenstange auf einen 38-Jährigen eingeschlagen. Sein 35 Jahre alter Mitangeklagter wiederum soll diesen geschlagen und einen Stuhl nach dem Sicherheitspersonal geworfen haben.

Vor Gericht bestreiten beide Angeklagten die ihnen vorgeworfenen Taten - und zeichnen ein ganz anderes Bild dieser Augustnacht. "Ich hörte Stimmen und Schreie", so der 22-Jährige. Als er vor Ort angekommen sei, habe er gesehen, wie manche Wachmänner einen LEA-Bewohner festgehalten und gegen ihn ausgeübt hätten. Später sei er von mehreren Wachbediensteten verfolgt und zusammengeschlagen worden - dabei unter anderem mit einer Eisenstange. "Ich hatte Angst um mein Auge", so der 22-Jährige. Er habe, das betont er, aber niemanden körperlich angegangen. "Ich bin hier, um einen Asylantrag zu stellen - nicht, um Ärger zu machen."

Auch der 35-jährige Angeklagte sieht sich Opfer und nicht als Täter. Er habe beobachtet, wie mehrere Wachmänner auf den 22-Jährigen losgegangen und ihn geschlagen hätten. Sogar als der junge Mann das Bewusstsein verloren habe, hätten einer noch mit einer Eisenstange auf ihn eingeschlagen. Bereits im Vorfeld habe es immer wieder Misshandlungen vonseiten eines Wachmanns gegeben - jener, der als Hauptgeschädigter im Verfahren auftritt. "Bei diesen Wachleuten gibt es alle fünf Minuten ein Problem", meint der 35-Jährige.

"I kill you!"

Der von den beiden Angeklagten beschuldigte Wachmann weist die Vorwürfe bei seiner Vernehmung deutlich von sich. Die beiden Angeklagten und vier weitere Personen hätten ihm am 25. August im Hof der LEA angegriffen, so der 38-Jährige. "Als ich am Tor ankam, war da bereits ein Tumult", schildert er vor Gericht, "die Personen waren dabei sehr aggressiv." Als er versucht habe, deeskalierend einzuwirken, sei er beschimpft worden, unter anderem von dem 35-jährigen Angeklagten. "Er sagte 'I kill you'", so der Geschädigte, "ich vermute, dass von ihm die Streitigkeiten ausgingen." 

Der 22-Jährige wiederum sei dann ohne Vorwarnung mit einer Eisenstange auf ihn losgegangen. "Ich bekam Faustschläge gegen den Kopf, kann aber nicht mehr sagen, von wem", erzählt der Wachmann. Damit gerechnet habe er nicht. "Ich habe den jungen Mann eigentlich als sympathischen  Kerl kennengelernt - keine Ahnung, was an diesem Abend mit ihm los war." Ganz im Gegensatz zu dem 35-jährigen Angeklagten, der immer wieder durch Gewalt aufgefallen sei. Nur durch die Hilfe eines Kollegen sei es ihm dann gelungen, ins Wachhaus zu flüchten. Am Ende schenkt der vorsitzende Richter der Aussage des Sicherheitsmanns Glauben. Das Urteil: eine Bewährungsstrafe von neun Monaten, wie der SWR berichtet. 

Der Umgang mit der aktuellen Flüchtlingssituation ist ein stark polarisierendes Thema. Als lokales Medium sehen wir es als unsere Aufgabe an, objektiv über die Auswirkungen für Gesellschaft und Politik in Karlsruhe zu berichten. Meinungsfreiheit ist für uns ein hohes Gut, kontroverse Debatten ein Ausdruck lebendiger Meinungsvielfalt und ein wichtiger Bestandteil der Demokratie. Leider mussten wir in jüngster Vergangenheit feststellen, dass Emotionen eine sachliche Argumentation zunehmend unmöglich machten. Aus diesem Grund haben wir uns dazu entschieden, den Kommentarbereich unter diesem Artikel geschlossen zu halten.

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