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17.07.2005 16:00
 
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Zur Autonomie ist es noch weit - Karlsruher in Nicaragua [0]

Puerto Cabezas/Karlsruhe pes -
Das Gebäude der Regionalregierung: Abhängig von Managua
(Foto: Sebastian Erb)
Die Region ist etwas Besonderes, sie hat ihre eigene Geschichte und Kultur. Deshalb forderten die Bewohner schon immer eines: Autonomie. Heute ist diese Realität - zumindest auf dem Papier.

Statt in Deutschland Zivildienst zu leisten, ging ich, Sebastian Erb, nach Übersee, um für die Gemeinschaft tätig zu sein. Im Rahmen des "Freiwilligen Friedensdienstes" der Evangelischen Landeskirche in Baden lebe und arbeite ich für ein Jahr in Puerto Cabezas/Bilwi an der Karibikküste Nicaraguas. Während dieser Zeit berichte ich für ka-news über Land und Leute und sende auch meine ganz persönlichen Eindrücke nach Karlsruhe.

Regelmäßig preisen die Funktionäre, ob aus der Politik oder Vereinen, in der "Autonomen Region Nordatlantik" (RAAN) die Errungenschaften der Autonomie. Vorzugsweise im feierlichen Rahmen oder auf Seminaren und Symposien mit gaseosas und Keksen. Es gibt das Regionalparlament, die Regionalregierung, zwei regionale Universitäten (in diesem Jahr sind beide 15 Jahre alt geworden), die sich die Verwirklichung der Autonomie als erklärtes Ziel gesetzt haben, oder auch die teilweise praktizierte bilinguale Schulbildung.

Die Flagge der RAAN
(Foto: Sebastian Erb)
Die Frage, ob die Autonomie wirklich verwirklicht ist, wird dann von den meisten mit "Nein" beantwortet. Allein schon ein Punkt reicht aus, um das zu belegen: Die Regionalregierung hat keine eigene Geldeinnahmequelle, das heißt, sie kann nicht unabhängig ihre Pläne umsetzen. Da bleibt nur, an ausländische Organisationen zu appellieren oder in Verhandlungen mit der Hauptstadt Managua zu treten. Fließt das Geld nicht so, wie es soll, und bleibt die versprochene Hilfe aus, wird ein Generalstreik ausgerufen, der das öffentliche Leben in der Stadt für eine Weile lahm legt. Das Ziel: Mehr Selbstbestimmung erreichen. Beteiligt zu sein an Entscheidungen, die die Atlantikküste betreffen. Darum wurde schon lange gekämpft und wird noch immer gestritten.

Das Land gehört allen. Oder nicht?

Im Jahr 1987, unter der Präsidentschaft des Sandinisten Daniel Ortega, wurde das Gesetz 28 verabschiedet, das "Autonomiestatut der zwei Atlantikregionen Nicaraguas". Darin wird den Bewohnern der Atlantikküste deren historische Rechte zugesichert und dass ihre Kultur und Sprache gefördert werde. Des Weiteren darf sie sich seitdem in gewissen Punkten selbst verwalten. Das ist jetzt fast 18 Jahre her und es hat sich etwas getan. Doch der Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen.

Doch politisch autonom ist die Region nicht, autonom und wirtschaftlich schon gar nicht. Einige Grundnahrungsmittel werden zum Teil an der Küste selbst produziert, oft für den Eigenverbrauch, etwa Yucca, Bananen oder Reis. Nahezu alles andere kommt vom Pazifik. Tag für Tag, Woche für Woche kämpfen sich klapprige Lkw die langen 600 Kilometer nach Puerto Cabezas durch. Der aufwändige Transport hat zur Folge, dass viele Produkte hier teurer sind als im Westteil des Landes. Eine Ananas zum Beispiel kostet mehr als das Dreifache.

Über ihr Land wollen sie selbst bestimmen (Foto: Sebastian Erb)
Immer wieder ein Konfliktgebiet ist ein unterschiedliches Verständnis, was Landbesitz angeht. Für die Indígenas ist Land etwas, das allen im Dorf gemeinsam gehört, über das gemeinsam bestimmt wird und das kein Privatbesitz sein kann. Jetzt soll das Land vermessen werden, um den Dorfgemeinschaften juristisch ihr Land zuzuerkennen. Ob das endgültig alle Probleme löst, ist zu bezweifeln. Es geht um viel Geld, denn die Küste ist reich an natürlichen Ressourcen.

Ein Problem der politischen Gestaltungsmöglichkeiten an der Atlantikküste ist, dass heute verschiedene Institutionen parallel existieren und um die Macht konkurrieren. Neben dem Regionalparlament und der Regionalregierung hat auch jedes nationale Ministerium seine Zweigstelle in Bilwi. Zudem gibt es auch noch den so genannten "Zentralen Ältestenrat" als regional agierendes oberes Organ der traditionellen, basisdemokratisch organisierten Ältestenräten in den Dörfern. In der offiziellen Politik ist dieser jedoch nicht verankert und wird deshalb wohl von Managua gar nicht wahrgenommen.

Vertrauen in YATAMA

Die Präsidenten in der Hauptstadt machen vor allem eines gern: Schilder aufstellen, die ihre vermeintlich guten Taten im Bereich der Infrastruktur dokumentieren sollen. War es beim inzwischen wegen Korruption verurteilten damaligen Präsidenten Arnoldo Alemán noch der Spruch "Obras, no palabras" (Werke, keine Worte), so setzt der jetzige Noch-Präsident Enrique Bolaños auf "hecho por el pueblo, para el pueblo" (gemacht durch das Volk, für das Volk). Was die Infrastruktur angeht, tut sich etwas im Moment.

In den Dörfern werden rechtzeitig, bevor die Regenzeit so richtig anfängt, Betonwege gebaut. In Bilwi die maroden Holzstrommasten durch stabilere aus Beton ersetzt. Das Geld kommt hauptsächlich von multilateralen Geldgebern wie der Weltbanktochter "Interamerikanische Entwicklungsbank". Aber das alles sind nur sehr kleine Schritte. Außerhalb der wenigen Städte gibt es in der gesamten Region, die mit ihren gut 32.000 km² fast so groß ist wie Baden-Württemberg, bisher keine einzige geteerte Straße. Eines wird auch zu wenig beachtet. Infrastruktur ist wichtig, aber auch nicht alles.

Das Denkmal im Zentrum Bilwis erinnert an die indigene Bewegung
(Foto: Sebastian Erb)
Aber nicht nur die Zentralregierung in Managua wird heftig kritisiert. Bemängelt wird auch die mangelnde Erfahrung der regionalen Politiker, die nur die "viáticos” (Reisespesen) in Anspruch nehmen wollten und sich in der Hauptstadt nicht genügend für die Belange der Costa einsetzten.

Governeur Hurtado Baker ist von der Regionalpartei YATAMA ("Kinder der Mutter Erde"), der Nachfolgeorganisation bewaffneter Gruppen im Bürgerkrieg, der so genannten Indianer-Kontra. Er regiert in einer Koalition mit der Sandinistischen Partei, dem früheren Feind. Yatama, in der hauptsächlich Miskito vertreten sind, hat im vergangenen Jahr die Kommunalwahlen im Municipio Puerto Cabezas gewonnen und stellt seit Januar die Bürgermeisterin.

Eigene Identität an der Küste

Gut drei Monate im Amt, musste sich Elisabeth Enríquez auf einer Pressekonferenz erst einmal verteidigen. "Ich kann auch nicht alles in den ersten hundert Tagen verwirklichen", sagte die Bürgermeisterin beinahe trotzig zu den versammelten Journalisten. Eines ist klar: Die Wähler setzten mit ihrem deutlichem Votum viel Vertrauen in sie. Die Begründung für die Wahlentscheidung war für viele Miskito einfach: "Wir sind Indígenas, wir wählen eine indigene Partei".

Die vermeintliche Autonomie wirkt in mancher Hinsicht etwas konstruiert und künstlich. Die offizielle Hymne der Region zum Beispiel kann kaum jemand auswendig vorsingen. Die Hymne der Sandinisten hingegen haben viele der etwas Älteren noch im Kopf. Damals mussten sie den Text lernen, heute wird keiner dazu gezwungen und freiwillig findet sich anscheinend wenig Interesse. Doch allein schon durch ihre Identität unterscheiden sich die meisten Menschen hier deutlich von den Bewohnern am Pazifik.

Sie fühlen sich schon auch als Nicaraguaner, aber in erster Linie sind sie Criollos, Mayangnas, Miskitos oder schlicht Costeños, Bewohner der Atlantikküste, Autonomie hin oder her. Da stört es manch einen nicht, dass die Autonomie erst in Ansätzen verwirklicht ist. Für andere jedoch ist die Autonomie ein Traum, den es zu verwirklichen gilt, womöglich sogar nur als ein Schritt in Richtung Unabhängigkeit. Ein Traum, der wohl nie ganz in Erfüllung gehen wird.

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