Die Schildkappe auf dem Kopf, den Kugelschreiber in der Hand, die Umhängetasche voller Papierbögen. So ziehen die Volkszähler von Haus zu Haus. Für die Regierung ist klar: Das bringt das Land voran.
Statt in Deutschland Zivildienst zu leisten, ging ich, Sebastian Erb, nach Übersee, um für die Gemeinschaft tätig zu sein. Im Rahmen des "Freiwilligen Friedensdienstes" der Evangelischen Landeskirche in Baden lebe und arbeite ich für ein Jahr in Puerto Cabezas/Bilwi an der Karibikküste Nicaraguas. Während dieser Zeit berichte ich für ka-news über Land und Leute und sende auch meine ganz persönlichen Eindrücke nach Karlsruhe.
Am Freitagnachmittag gegen 17 Uhr gerät die Organisation kurz ins Stocken. Steven Downs hält sein Handy ans Ohr und klippt es gleich darauf zurück an seinen Gürtel: kein Guthaben. Kurzerhand greift er nach seiner schwarzen Tasche, verlässt das Bürgermeisteramt und steigt in den wartetenden Geländewagen, der voller rotem Staub ist. Downs will sich ein Bild machen, ob alles klappt mit dem Zählen. Der 40-Jährige ist Dozent für Betriebswirtschaft an der Universität BICU in Bilwi und im Moment Organisator des "Censo 2005” auf lokaler Ebene. Er ist verantwortlich für die offizielle Volkszählung im Municipio Puerto Cabezas.
 | | Zensus-Organisator Steven Downs (Foto: Sebastian Erb) |
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Am Tag davor, in seinem kleinen Büro, dauert es nicht lang, bis er das Wort in den Mund nimmt, das immer herhalten muss, wenn es um Problemlösung geht: Projekte. Erst nämlich, wenn man wisse, wie viele Menschen im Land lebten und unter welchen Bedingungen, könne man überhaupt einschätzen, wo Projekte von Nöten seien. Es sei daher ungeheuer wichtig, das Bevölkerungswachstum zu kennen. Dass heute mehr Menschen in Nicaragua wohnen als bei der letzten Zählung vor zehn Jahren, daran zweifelt keiner. Das Motto des Zensus fasst Downs Worte auf einen Schlagsatz zusammen: "Wir alle schreiten voran, weil wir alle zählen." Soweit die Theorie. Dass dann aber wirklich mehr Geld an die Küste fließt, wenn das Ergebnis bekannt ist, bezweifelt der Organisator auf Nachfrage dann doch. Schon bei den Materialien zur Durchührung würden sie benachteiligt.
Mehr als reine Zahlen
Die Volkszählung ist ein riesiger Aufwand. 15 Tage lang werden Tausende von Helfern ausgeschickt, um die Menschen zu befragen. Sie strömen aus, jeder in sein Gebiet, acht bis zehn Häuser sind pro Tag und Mitarbeiter angepeilt. In Puerto Cabezas sind es 128, die nach einem Auswahlverfahren engagiert wurden. Mindestvoraussetzung ist eine abgeschlossene Schulausbildung. Das Ganze kostet. Ein Mitarbeiter im untersten Rang bekommt inklusive Spesen rund 200 US-Dollar. Die Gesamtkosten liegen bei rund 10 Millionen Dollar.
Viel mehr als nur die reine Anzahl der Menschen wird aufs Papier gebracht. Auch die Beschaffenheit der Häuser wird notiert: Aus welchem Material, wie groß, gibt es Strom und Wasser? Das Ausbildungsniveau und die Arbeitssituation der Bevölkerung wird unter die Lupe genommen, genauso wie ins Ausland abgewanderte Familienangehörige, die regelmäßig Geld schicken. Eine Frage lautet: Wie lange braucht man bis zum nächsten Gesundheitsposten? Das Antwortfeld sieht auch "Tage" vor. Auch wird nach der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe gefragt. Eine objektive Definition ist schwierig. Deshalb darf jeder seine Identität benennen. Eine Frau über 13 Jahre muss insgesamt 38 Fragen beantworten.
 | | Haus in Bilwi: Viele Menschen unter einem Dach (Foto: Sebastian Erb) |
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Der Fahrer bremst, Downs deutet auf den Gehweg. Die Volkszähler sind schon von weitem auszumachen mit ihren T-Shirts und den Kappen. "Alles klappt ausgezeichnet", meint die 25-jährige Flor Zamora Tenorio. Den ganzen Tag war die Jurastudentin unterwegs, so wie die letzten Tage auch. Besonders erschöpft ist sie nicht. Alle hätten ihr freundlich geantwortet. In einem Haus gab es sogar Saft und Kekse zum Frühstück. Fany Chavarrio Vagas hingegen ist froh, dass der Tag bald zu Ende ist. Die 18-Jährige ist müde und weiß auch Negatives zu berichten. Einer hat ihr die Türe vor der Nase zugeschlagen.
25 Personen in einem Haus
"Da kann man nichts machen", meint Downs und zuckt mit der Schulter. Der Anteil derjenigen, die nicht antworten wollen, sei allerdings gering. Die meisten ließen sich überzeugen, dass die Volkszählung sinnvoll sei und keine Sache einer politischen Partei. Freundlich auf die Leute zugehen, das sei das Wichtigste. Diese Freundlichkeit steht Luís Hitler Astin ins Gesicht geschrieben. Der 42-jährige Grundschullehrer ist froh über die Abwechslung von seinem Arbeitsalltag: "Es ist schön, die Bevölkerung von Lamblaya kennen zu lernen." Das kleine Dorf liegt ein paar Autominuten außerhalb des Stadtgebiets. Ohne Miskito zu beherrschen, kann man hier mit den meisten Leuten nur schwierig kommunizieren.
Weiter auf dem Land kommen ganz andere Probleme hinzu. Einzelne Häuser und Bauernhöfe stehen weit verstreut in der Landschaft. Stunden zu Fuß oder mit dem Boot. Mancher Punkt auf Luís’ Fragebögen blieb unbeantwortet, das ist aber nicht seine Schuld. "Viele Leute kennen ihr eigenes Geburtsdatum nicht", sagt er. Ein Ausweis oder ein anderes Dokument, wo sie nachschauen könnten: Fehlanzeige.
 | | Volkszählerin Flor Zamora: Den ganzen Tag Kreuze machen (Foto: Sebastian Erb) |
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Den meist jungen Mitarbeitern fallen aber vor allem die teils schlechten Wohnbedingungen auf: Kleine, baufällige Häuser ohne Toilette und Trinkwasser. Die Jurastudentin Flor beobachtet, dass "die Mehrheit der Kinder ohne Vater aufwächst" und ist überrascht, wie viele Menschen unter einemem Dach wohnen. Einmal hat sie 25 gezählt, die drei Zimmer zur Verfügung haben. So viele Personen in einer Wohnung sieht das Formular gar nicht vor.
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