Viele Menschen hier sind zweifelslos arm. Aber was bedeutet Armut eigentlich? Wie kann man sie definieren? Und wie kann man überhaupt überleben mit einer Arbeitslosigkeit von offiziell 90 Prozent? Statt in Deutschland Zivildienst zu leisten, ging ich, Sebastian Erb, nach Übersee, um für die Gemeinschaft tätig zu sein. Im Rahmen des "Freiwilligen Friedensdienstes" der Evangelischen Landeskirche in Baden lebe und arbeite ich für ein Jahr in Puerto Cabezas/Bilwi an der Karibikküste Nicaraguas. Während dieser Zeit berichte ich für ka-news über Land und Leute und sende auch meine ganz persönlichen Eindrücke nach Karlsruhe.
Die warme Nachmittagssonne brennt vom Himmel. Der Mann ist bei der Arbeit. Mit gleichmäßigen Bewegungen streicht er mit einer Kelle die Betonschicht ab, auf der schon bald die Autos rollen werden. Er freut sich und er schämt sich, sagt er. Freude, weil er Arbeit hat und ein bisschen Scham, weil das vielen anderen nicht vergönnt ist. Die Arbeitslosigkeit wird immer wieder als eines der Hauptprobleme in der Stadt und der Umgebung angesprochen. Das Rathaus spricht von 90 Prozent. Eine unvorstellbar hohe Zahl. Auf welcher Art von Daten diese Zahl basiert, also deren Zuverlässigkeit, wird nicht ersichtlich. Dennoch stellt sich in jedem Fall die Frage, wie die Menschen bei einer extrem hohen Arbeitslosigkeit überhaupt überleben können. Folgende Punkte gilt es zu berücksichtigen:
- Ein Geldverdiener versorgt, trotz des oft geringen Gehalts, meist viele andere Menschen mit.
- Viele Arbeiten sind nirgends registriert, sondern werden von privat an privat vergeben. Als Haushaltshilfe, Nachtwächter oder Hilfsarbeiter auf dem Bau.
- Verwandte sind in die USA oder andere reiche Länder ausgewandert. Sie leben dort legal oder illegal und verdienen zumindest so viel, dass sie regelmäßig ihrer Familie Geld in die Heimat schicken können.
- Eine Familie, die in einem Dorf weitgehend von der Subsistenzwirtschaft lebt, ist auch "arbeitslos".
 | | Straßenbau: Manch einer der Arbeit hat, schämt sich (Foto: Sebastian Erb) |
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Dennoch, Armut ist an der Tagesordnung: "Wir sind arm hier in Nicaragua und ganz besonders an der Atlantikküste." Das sagt vom Regionalpolitiker über die Lehrerin bis zum kleinen Mann auf der Straße fast jeder. Und das klingt nachvollziehbar. Die Menschen besitzen nicht viel. Betritt man ein Wohnzimmer, ist der erste Eindruck meistens: Es ist leer. Kleidung wird lange getragen, auch mit Löchern und Flecken. Aber wie lässt sich Armut definieren? Das ist schwierig. Die Experten streiten sich und betrachten Armut oft nur aus rein materiellen Gesichtspunkten. Nach verschiedenen Definitionen gilt als "absolut arm", wer am Tag weniger als ein oder zwei Dollar zur Verfügung hat (ausgedrückt in lokaler Kaufkraft). Da fallen viele darunter, wenn zum Beispiel eine Frau, zwei Kinder, als Angestellte im Supermarkt umgerechnet 80 Dollar im Monat verdient, ein Lehrer nicht viel mehr. Das ganze bei Preisen, die so niedrig nicht sind. Andere Definitionen, die auch Faktoren wie Bildung oder Gesundheit miteinbeziehen, scheitern oft schon am Mangel verlässlicher und vergleichbarer Daten.
In den Dörfern war und ist Subsistenzwirtschaft an der Tagesordnung. Eine Großfamilie - die Bezeichnung trifft im wahrsten Sinne des Wortes zu - lebt im Großen und Ganzen von dem, was sie anbaut oder im Meer fängt. Das mag zwar das Überleben irgendwie sichern, doch weitergehende Bedürfnisse können nicht befriedigt werden.
Schwer nachvollziehbare Prioritäten
 | | Auch wenn das Geld knapp ist: Handys gehören zum Alltag dazu (Foto: Sebastian Erb) |
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Wer mehr Geld hat, zeigt das auch gleich. Er kauft sich vor allem solche Dinge, die sich die anderen nicht leisten können. Manch einer trinkt statt dem heimischen Bier Importware aus Europa. Nicht weil es ihm besser schmeckt, sondern weil es teuerer ist und damit auch irgendwie besser sein muss. Manche jungen Leute haben kaum Geld, um sich bei der Universität einzuschreiben, aber ein neues Handy mit Farbdisplay. Die Toilette ist ein Plumpsklo im Garten, Wasser kommt aus dem Brunnen. Das einfache Haus selbst ist aus schlichten Holzbrettern zusammengezimmert. In der Ecke steht ein großer Fernsehapparat. Gegensätze, die auffallen. Prioriäten, die vielleicht schwer nachvollziehbar sind, aber irgendwie auch respektiert werden müssen.
Armut jedoch ist mehr als nur die Frage, wie viel Geld jemand im Geldbeutel hat. Armut ist, wenn ein Erwachsener nicht einmal ein Buch gelesen hat. Arm ist, wer kein Zugang zu sauberem Trinkwasser hat. Armut ist Mangel an Möglichkeiten und Ideen. Wenn nicht der Mensch sein Leben gestaltet, sondern das Leben über ihn bestimmt. Arm ist, wer zum Beispiel nach einer Naturkatastrophe vor dem Nichts steht. Armut ist Hoffnungslosigkeit. Wenn man heute nicht weiß, wovon man morgen lebt. In vielerlei Hinsicht gibt es hier viel Armut.
Vermeintlicher Ausweg
Zumindest, was das Materielle angeht, finden immer mehr Bewohner der Atlantikküste einen scheinbaren Ausweg aus der Armutsfalle. Einen Weg, der über kurz oder lang Verderben bringt. Eine der Drogenschmuggelrouten zwischen Kolumbien und den USA führt direkt an der Küste vorbei. Wenn die Schmuggler auf ihren kleinen Booten verfolgt werden, ihnen das Benzin ausgeht oder sonst irgendetwas Unvorhergesehenes passiert, werfen sie ihre Ladung ins Meer.
Wenn sich einer in einem kleinen Dorf ein neues Haus aus Zementsteinen baut, plötzlich ein neues Boot mit Außenbordmotor hat und eine Satellitenschüssel auf dem Dach, dann kommt das nicht vom Fischfang. Die Neureichen der Küste fischten vielmehr Pakete mit Drogen aus der Karibischen See. Ein Kilogramm Kokain bringt zwischen 5.000 und 6.000 Dollar ein, heißt es. Doch der Preis, den die gesamte Region dafür bezahlen muss, ist um einiges höher.
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