Tag der Gegensätze: Medienpreis für Merkel - Politikerschelte für Hartz IV
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Ein Kommentar von Stefan Jehle - Die Gegensätze an diesem Dienstag könnten größer nicht sein. Am Vormittag haut das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe der Politik die Hartz-IV-Gesetzgebung regelrecht um die Ohren, am späten Nachmittag erhält Angela Merkel im benachbarten Baden-Baden den so genannten Deutschen Medienpreis. Hier, in Karlsruhe, geht es um Armut in diesem unserem Land - dort, in Baden-Baden, um die Society und die mediengerechte Vermarktung von Politik.
Der Ende Februar offiziell aus dem Amt scheidende, aber mangels Nachfolger wohl noch einige Tage länger amtierende Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, scheute sich diesen Dienstag nicht deutliche Worte zu finden. Die Tatsache, dass Kinder bis Vollendung des 14. Lebensjahres nur 60 Prozent der Regelleistung von Hartz-IV-Empfängern erhalten, nennt er "Schätzungen ins Blaue hinein" - zusätzlichen Bedarf für Schulmittel "freihändig geschätzt".
Die im Großen Saal des Bundesverfassungsgerichts mit anwesende Arbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen lächelt das Problem, um das es geht, vor den Fernsehkameras einfach hinweg: "Besonders freut mich, dass das Kind in seiner Gesamtheit in den Blick genommen wurde, mit all seinen individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten", lässt die CDU-Politikerin wissen, ganz so als wäre sie nicht beteiligt gewesen an der letzten CDU-SPD-Bundesregierung, die zwischen 2005 und 2009 amtierte. Und ein FDP-Bundestagsabgeordneter aus Mittelbaden lässt seinen ganzen Zorn an der ehemaligen rot-grünen-Bundesregierung ab, die Herbst 2005 abgewählt wurde. Ganz so, als ginge es allenfalls um eine Frage des Marketings.
Für die besondere Form des Marketings wird die zuweilen auch "Physikerin der Macht" genannte Bundeskanzlerin Angela Merkel derweil am späten Dienstagnachmittag im Kongresszentrum in Baden-Baden ausgezeichnet. Angela Merkel werde für ihre "Berechenbarkeit und Verlässlichkeit" geehrt, teilte die Firma Media-Control bereits Ende Januar mit. "Eine hübsche Charakterisierung", meinte so mancher Medienvertreter, wenngleich Angela Merkel derzeit berechenbar und beständig nur eines tue: Sie laviere, schweige oder verstecke sich hinter Floskeln.
Man könnte nun mutmaßen, dass ein Teil der Medienwelt womöglich gerade von diesem Lavieren oder diesen Floskeln fasziniert ist. "Wir haben die Kraft", etwa ließ Merkel im Bundestagswahlkampf wissen. Gerade so, als ginge es allein um die "Performance", nicht nur bei Merkel, sondern generell in der Politik. Dabei garantiert allerdings auch die beste Darbietung den Unterhaltungswert nicht auf Dauer. In der Haushaltspolitik streitet Schwarz-Gelb hemmungslos über "fiktive" Steuersenkungen. Und vergisst das Notwendige in der aktuellen Wirtschaftskrise: genannt Sparen.
Was heißt das für die Betroffenen des Gerichtsurteils am Dienstagvormittag? Derzeit erhalten etwa 6,7 Millionen Menschen in Deutschland Hartz-IV-Zahlungen. Betroffen sind etwa 2,2 Millionen Langzeitarbeitslose und ihre Familien. Der monatliche Satz für Erwachsene beträgt inzwischen 359 Euro, Kinder erhalten je nach Alter zwischen 215 und 287 Euro. Hinzu kommen Zuschüsse für Miete und Heizung, aber kein Kindergeld. Es ist ein durchaus löbliches Unterfangen, wenn Ursula von der Leyen den mit Negativimage belasteten Namen "Hartz IV", wie der einstige Sozialhilfebezug heute heißt, durch einen "marktgängigeren" Begriff ersetzen will.
Doch zuerst geht es um die Inhalte. Bezogen auf mehrere Millionen Hartz-IV-Bezieher geht es nicht um Marketing. Da geht es um eine viel grundlegendere Frage: Der Hartz-IV-Satz für einen Erwachsenen bemisst sich danach, was die ärmsten 20 Prozent der Single-Haushalte verbrauchen, die nicht Hartz IV beziehen. Da geht es um die Frage, "wie viel kostet die Menschenwürde"? Das Urteil vom Dienstag könnte die gewaltigste Sozialreform in der deutschen Nachkriegsgeschichte ins Wanken bringen - und den hoch verschuldeten Staat weitere Milliarden kosten. Da ist dann wohl erst mal nichts mit weiteren absurden Steuersenkungsplänen der Koalition.
Klare Aussagen verlangen die Menschen aber auch bei grundlegenden Fragen wie gleiche Chancen auf Zugang zu Bildung - oder beim Umgang mit dem Krieg in Afghanistan. Lavieren, Schweigen oder sich hinter Floskeln verstecken wird da nicht weiterhelfen. Die Jury des Deutschen Medienpreises begründete ihre Wahl für die Auszeichnung am Dienstag in Baden-Baden mit Angela Merkels politischem Denken und Handeln, bei dem stets der Mensch im Mittelpunkt stehe. Dazu sollte sich Angela Merkel auch wirklich dezidiert äußern im Kongresszentrum von Baden-Baden.
Die im Großen Saal des Bundesverfassungsgerichts mit anwesende Arbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen lächelt das Problem, um das es geht, vor den Fernsehkameras einfach hinweg: "Besonders freut mich, dass das Kind in seiner Gesamtheit in den Blick genommen wurde, mit all seinen individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten", lässt die CDU-Politikerin wissen, ganz so als wäre sie nicht beteiligt gewesen an der letzten CDU-SPD-Bundesregierung, die zwischen 2005 und 2009 amtierte. Und ein FDP-Bundestagsabgeordneter aus Mittelbaden lässt seinen ganzen Zorn an der ehemaligen rot-grünen-Bundesregierung ab, die Herbst 2005 abgewählt wurde. Ganz so, als ginge es allenfalls um eine Frage des Marketings.
Für die besondere Form des Marketings wird die zuweilen auch "Physikerin der Macht" genannte Bundeskanzlerin Angela Merkel derweil am späten Dienstagnachmittag im Kongresszentrum in Baden-Baden ausgezeichnet. Angela Merkel werde für ihre "Berechenbarkeit und Verlässlichkeit" geehrt, teilte die Firma Media-Control bereits Ende Januar mit. "Eine hübsche Charakterisierung", meinte so mancher Medienvertreter, wenngleich Angela Merkel derzeit berechenbar und beständig nur eines tue: Sie laviere, schweige oder verstecke sich hinter Floskeln.
Man könnte nun mutmaßen, dass ein Teil der Medienwelt womöglich gerade von diesem Lavieren oder diesen Floskeln fasziniert ist. "Wir haben die Kraft", etwa ließ Merkel im Bundestagswahlkampf wissen. Gerade so, als ginge es allein um die "Performance", nicht nur bei Merkel, sondern generell in der Politik. Dabei garantiert allerdings auch die beste Darbietung den Unterhaltungswert nicht auf Dauer. In der Haushaltspolitik streitet Schwarz-Gelb hemmungslos über "fiktive" Steuersenkungen. Und vergisst das Notwendige in der aktuellen Wirtschaftskrise: genannt Sparen.
Was heißt das für die Betroffenen des Gerichtsurteils am Dienstagvormittag? Derzeit erhalten etwa 6,7 Millionen Menschen in Deutschland Hartz-IV-Zahlungen. Betroffen sind etwa 2,2 Millionen Langzeitarbeitslose und ihre Familien. Der monatliche Satz für Erwachsene beträgt inzwischen 359 Euro, Kinder erhalten je nach Alter zwischen 215 und 287 Euro. Hinzu kommen Zuschüsse für Miete und Heizung, aber kein Kindergeld. Es ist ein durchaus löbliches Unterfangen, wenn Ursula von der Leyen den mit Negativimage belasteten Namen "Hartz IV", wie der einstige Sozialhilfebezug heute heißt, durch einen "marktgängigeren" Begriff ersetzen will.
Doch zuerst geht es um die Inhalte. Bezogen auf mehrere Millionen Hartz-IV-Bezieher geht es nicht um Marketing. Da geht es um eine viel grundlegendere Frage: Der Hartz-IV-Satz für einen Erwachsenen bemisst sich danach, was die ärmsten 20 Prozent der Single-Haushalte verbrauchen, die nicht Hartz IV beziehen. Da geht es um die Frage, "wie viel kostet die Menschenwürde"? Das Urteil vom Dienstag könnte die gewaltigste Sozialreform in der deutschen Nachkriegsgeschichte ins Wanken bringen - und den hoch verschuldeten Staat weitere Milliarden kosten. Da ist dann wohl erst mal nichts mit weiteren absurden Steuersenkungsplänen der Koalition.
Klare Aussagen verlangen die Menschen aber auch bei grundlegenden Fragen wie gleiche Chancen auf Zugang zu Bildung - oder beim Umgang mit dem Krieg in Afghanistan. Lavieren, Schweigen oder sich hinter Floskeln verstecken wird da nicht weiterhelfen. Die Jury des Deutschen Medienpreises begründete ihre Wahl für die Auszeichnung am Dienstag in Baden-Baden mit Angela Merkels politischem Denken und Handeln, bei dem stets der Mensch im Mittelpunkt stehe. Dazu sollte sich Angela Merkel auch wirklich dezidiert äußern im Kongresszentrum von Baden-Baden.
Mehr zu: Bundeskanzlerin Bundesverfassungsgericht Urteil Medienpreis
Kommentare [8]
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- (7137 Beiträge) | 09.02.2010 16:15Die Gegensätze....sind das größte Problem. So, nun mal ein bisschen Polemik: "Arbeit muß sich wieder lohnen!"
Damit meine ich nicht den vermeintlichen Unwillen niedrig bezahlte Arbeit annehmen zu wollen, sondern den Umstand das Menschen trotz Arbeit auf Hartz4 angewiesen sind.
Das ist ein Umstand der kaum berücksichtigt wird. Gebt den Eltern "normal" bezahlte Arbeit, dann wirds den Kindern auch besser gehen, und ich rede nicht nur vom Geld sondern auch vom sozialen Ansehen.
Heute gesehen im Internetauftritt der Arge: 70-80 Std./Mon., Maximalgehalt 325,-/Mon. ! Das ist nur EIN Beispiel.
Wens interessiert:
Forum
Hier muß angesetzt werden und zwar ganz massiv. Es ist nicht nur das finanzielle Umfeld das bei Kindern passen muß, sondern auch das soziale.
Das Nettogehalt eines Einzelhandelskaufmanns liegt bei ca. 1400,-. So, mit diesem Supereinkommen hast du aber Pech, solltest du eine vierköpfige Familie ernähren wollen... . - (1533 Beiträge) | 09.02.2010 17:08Noch mehr Gegensätze...Userin mick hat vollkommen recht!
Hinzu kommt noch, dass keineswegs "Gleiches Geld für gleiche Arbeit" bei ein und demselben Arbeitgeber gilt. Festangestellte erhalten deutlich mehr als Leihkräfte im selben Betrieb und an gleichartigen Arbeitsplätzen. Die Leihkräfte haben zum geringeren Einkommen einen weiteren Nachteil: KEINEN KÜNDIGUNGSSCHUTZ. Auch da ist die Politik gefordert! Beispielsweise wäre vorstellbar die Anzahl der zulässigen Leihkräfte in einem Betrieb auf einen maximalen Prozentsatz von bspw. 10 % zu beschränken. Das würde heißen in einem Betrieb von 100 Arbeitnehmern dürften maximal 10 als Leihkräfte beschäftigt werden. - (1197 Beiträge) | 09.02.2010 18:46Alles wohl richtignur können Sie sich noch an die Hartz-Kommision und deren Reformen vor der Vierten erinnern??? Ich meine die Zweite wäre es gewesen, die die heutige prekäre Form des Personal-leasing-Geschäfts erst möglich machte, bzw. so richtig beflügelte. Urplötzlich war die Gründung (Ich-AG läßt grüßen) eines Personalleasing-Unternehmens die brilliante Geschäftsidee, von der in Reform stehenden heutigen Bundesagentur für Arbeit gesponsort.
Ach so, wissen Sie wieviele Teilnehmer, äh pardon, Mitglieder die Hartz-Kommision aus Sozialverbändem hatte??? ZWEI von 20, wenn ich mich nicht ganz irre... - (242 Beiträge) | 09.02.2010 17:35Ihr habt beide recht . . .nur, die Mächtigen (kommt ja von Macht!) werden es nicht zulassen, da etwas zu ändern. Die haben doch "wunderbare" Beispiele, wie sonst wo auf dieser Welt Arbeit bezahlt wird. Der Trend wird weitergehen, in die falsche Richtung.
Es ist doch unzumutbar, dass man plötzlich mit einem leeren Koffer in die Schweiz fahren müsste.
Das Wichtigste für die Zukunft sind unsere Kinder, wenn man weiterhin an Bildung spart, dann wird alles noch schlimmer. Dabei ist ja die CDU schon lange in einem Sozialisierungsprozess.
Der Friede im Land, der bleibt nur dauerhaft bestehen, wenn man Gerechtigkeit schafft so gut es irgendwie geht. Das ist schwer, ich weiß. - (1197 Beiträge) | 09.02.2010 18:56Hmbzgl. des Trends in die falsche Richtung. Schauen Sie mal nach bei der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Da finden Sie u.a. auch viele der Hartz-Reformer. Dem Anschein nach könnte man glauben eine Splittergruppe der FDP. Einige Kampfbegriffe wie Eigenverantwortung z.B. sind ja in beiden Vereinen normal. Übersetzt könnte es auch so heißen:
Alle müssen die Verantwortung für ihr Leben selbst in die Hand nehmen (yo, richtig). Alle Arbeitnehmer kriegen paar Euro mehr im Monat (hey geil). Alle Arbeitnehmer (nicht mehr der Arbeitgeber) zahlen doppelte Beiträge für die Sozialversichrungen, schließlich muß ja nicht der Arbeitgeber diese Verantwortung übernehmen (HÄH???). Wer keinen Job hat- selbst Schuld. Wer keine Zähne mehr im Maul- ja und??? Hätten Sie mal besser vorgesorgt und wären nicht von Ihrem mickrigen Gehalt in die nächste Pommesbude (anstatt Restaurant) nach nebenan... - (1197 Beiträge) | 09.02.2010 19:05"Berechenbarkeit und Verlässlichkeit"Ja, auch von mir Danke Mrs. Merkel.
Den Preis haben Sie auf jeden Fall verdient. Wenn's brenzlig wird- auf Sie ist Verlass! Ich "berechne" jetzt schon, dass Sie recht wortkarg warten, wer als erster Blödsinn redet, damit Sie aller Welt dann erklären können, dass das Kind in den Brunnen gefallen ist- Ich "verlass" mich drauf... - (6849 Beiträge) | 09.02.2010 19:19Zu diesem Themaist heute in der WELT
auch ein interessanter Artikel - (1014 Beiträge) | 09.02.2010 21:10Medienpreisß Was ist das?Was bedeutet der Medienpreis von Kögel? Gar nichts! Profilierungssucht eines ehemaligen Schreiners, der sich (zweifellos) hoch nach oben gearbeitet hat. Früher war er der Freund Schröders und Clintons, jetzt macht er sich an Angela ran. Unter dem Motto: Bezeihungen kann man immer irgendwann einmal brauchen! Es könnte ja sein, dass man Kontodaten auf einer CD aus der Schweiz findet.




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