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Karlsruhe Smartphones: Ertrinken in der mobilen Informationsflut?

Jeder dritte Deutsche besitzt ein Smartphone - und das macht sich bemerkbar. Überall trifft man Menschen mit ihrem Handy am Ohr, simsend oder surfend. E-Mails unterwegs bearbeiten, schnell das beste Restaurant finden oder den gerade laufenden Song identifizieren. Es gibt kaum noch etwas, das die kleinen Dinger nicht können. Andererseits kann genau das zum Problem werden. Ertrinken wir womöglich in der Informationsflut? Heißt immer erreichbar sein auch, dass man immer erreichbar sein muss? ka-news-Praktikantin Juliana Schwarz hat mit dem Soziologen Tilo Grenz vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) über das Thema Smartphone gesprochen.

Wie sehen Sie die immer intensiver werdende Handynutzung der Gesellschaft?
Mobile Kommunikation hat sich inzwischen einfach in unserem Alltag etabliert. Von einer Sucht kann man hier nicht sprechen. Was oft vergessen wird ist, dass wir immer noch selbstbestimmende Individuen sind. Es liegt in der Hand jedes Einzelnen, wie lange er erreichbar ist und ob er mobil oder vis-a-vis mit seinen Freunden kommuniziert. Ob das eine oder das andere nun besser ist, kann man nicht sagen.

Oft hört man doch das Vorurteil mobile Kommunikation sei meist oberflächlich...
Natürlich, aber das ist keineswegs neu - das beste Beispiel dafür ist die Twitter-Nachricht: "Bin mal eben auf dem Klo". Die Sache ist, dass wir durch soziale Netzwerke die von anderen ausgetauschten Banalitäten plötzlich mitlesen können. Dadurch erscheinen sie uns in Massen.

Was wir seltener sehen können sind persönliche oder intime Nachrichten. Auch von ihnen werden tagtäglich unzählige verschickt - nur eben unsichtbar. Unser Blick wird dadurch verfälscht, und es kommt uns vor, als ob diese oberflächliche Kommunikation immer mehr überhand nimmt. Aber man muss sich einmal selbst fragen: Was poste ich der Öffentlichkeit, und welche Nachrichten bleiben diskret?

Haben sich die Beziehungen zwischen Freunden, Partnern oder Bekannten durch die zunehmend mobile Kommunikation in irgendeiner Weise verändert?
Auf jeden Fall. Durch diese neue Kommunikation entstehen auch neue Erwartungen und Normen. So erwarte ich zum Beispiel von jemandem mit einem Smartphone, dass er mir innerhalb kurzer Zeit antwortet. Gerade geschäftlich wird teilweise gefordert, ständig erreichbar zu sein. So verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit auch immer mehr.

Also werden wir doch einem Druck ausgesetzt?
Man muss es anders formulieren, denn jeder kann selbst entscheiden, ob er sich diesem Druck aussetzt. Wie schon gesagt, bleibt es jedem selbst überlassen sein Handy einfach auszuschalten. Ein Trend gegen diese ständige Erreichbarkeit ist schon zu erkennen. Aktuell fordert Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen "Funkstille in der Freizeit", um Arbeitnehmer von diesem Erreichbarkeitsdruck zu entlasten. Neben anstehenden gesetzlichen Richtlinien basteln sich immer mehr Menschen auch privat Regeln und Grenzen zusammen. Nur einmal am Tag E-Mails checken zum Beispiel.

Letztendlich ist also jeder selbst für sein Handeln verantwortlich. Wer sich einem ständigen Druck, erreichbar sein zu müssen, ausgesetzt fühlt, sollte öfter einmal die off-Taste betätigen. Genauso jene, die den Drang haben, ständig E-Mails und SMS zu checken. Die Schuld für unser Verhalten - oder auch Fehlverhalten - können wir nicht auf die Technik schieben. Denn eines wird oft vergessen: Wir beherrschen das Handy und nicht das Handy uns.

Fragen: Juliana Schwarz

Tilo Grenz ist Diplompsychologe am Institut für Soziologie, Medien- und Kulturwissenschaft am Karlsruher Institut für Technologie.

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