Realschulen müssen "G8-Flüchtlinge" auffangen
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Karlsruhe (rwo) - Wollen wir unsere Kinder optimal auf die Zukunft vorbereiten oder schon in der Schule in einen gnadenlosen Verdrängungswettbewerb schicken? "G8", das auf acht Schuljahre verkürzte Gymnasium, setzt Verdrängungsmechanismen für letztlich alle Schularten in Gang. Auch die neuesten Zahlen des Statistischen Landesamtes weisen darauf hin.
Immer mehr Grundschüler wechseln nach der vierten Klasse auf die Realschule. Dies geht aus den Erhebungen des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg hervor. Nur die Realschulen Baden-Württembergs konnten für das laufende Schuljahr eine Steigerung bei den Anmeldungen für das laufende Schuljahr verzeichnen und zwar sowohl prozentual wie in absoluten Zahlen. Mit 34 Prozent der Anmeldungen sind dies 1,2 Prozent mehr als im Vorjahr.
Fluchttendenzen
Die Gymnasien erreichten mit 39,7 Prozent der Anmeldungen prozentual zwar noch eine leichte Steigerung von 0,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Absolut gesehen sind das aber 1.220 Anmeldungen weniger, - bei insgesamt zurückgehenden Schülerzahlen. Die Hauptschulen haben schon seit Jahren mit sinkenden Schülerzahlen zu kämpfen. Die Zahl von 25,1 Prozent der Anmeldungen ist niedriger denn je.
Damit zeigt sich ein Trend weg vom G8 hin zu anderen Schularten. Viele Eltern fürchten, dass ihr Kind den erhöhten Belastungen in G8 nicht gewachsen sein könnte. Trotz Gymnasialempfehlung schicken 17 Prozent der Eltern ihr Kind auf eine Realschule, im Vorjahr waren es 16 Prozent. "Das ist ein Riesen-Trend bei den Realschulen. Auch auf die Beruflichen Gymnasien kommt das stark zu" prophezeit Horst Gutekunst, Landeselternbeiratsvertreter in Baden-Württemberg für Realschulen.
Belastungsmarathon
Diese Tendenzen zeigen sich deutlich stärker auf dem Land als in der Stadt. Dennoch gelten sie auch für Karlsruhe, wo sich letztes Jahr 52,2 Prozent der Kinder für das Gymnasium entschieden. Auch hier ist das ein Minus von 0,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr, während die Realschulen bei den neu-Anmeldungen um 1,8 Prozent zulegten (Karlsruhe Landkreis: 2,8 Prozent).
Viele Eltern sehen ihre Kinder in G8 einem Belastungsmarathon ausgesetzt. Bei 36 Wochenstunden in der achten und neunten Klasse mit Nachmittagsunterricht an mehreren Tagen gleicht ihr Tagesablauf dem eines Industriearbeiters. Der Unterschied: zuhause müssen die Kinder meist zusätzlich noch umfangreiche Hausaufgaben erledigen. Für erhöhte Anforderungen wurden den Schulen keine erweiterten Mittel bereitgestellt, im Gegenteil: G8 Schüler müssen neben anderen Nachteilen mit größeren Klassen zurechtkommen. Sie haben durchschnittlich 28,1 Schüler, während es in G9 Klassen nur 26,7 Schüler sind.
Leistungsdruck wird weitergereicht
Eltern, die sowohl Kinder im alten neunjährigen Gymnasialzug, in G9, wie auch in G8 haben, vergleichen. Sie stellen ein starkes Anziehen der Leistungsanforderungen fest. Zwar wurde versprochen, die alten Lehrpläne zu entrümpeln. Es komme aber häufig nur derselbe Stoff einfach ein Jahr früher dran als bisher, beklagen Eltern. Für etliche Kinder wird der Druck zu groß und sie gehen vom Gymnasium ab.
"Die Abwanderung von Gymnasialschülern ist für die Realschüler fatal", erklärt Sylvia Wiegert, stellvertretende Vorsitzende des Baden-Württembergischen Landeselternbeirats und im Bereich Regierungspräsidium Karlsruhe zugleich zuständig für das Gymnasium. Wenn die Realschulen vermehrt leistungsfähige Gymnasialschüler aufnehmen müssen, öffnet sich eine weite Schere im Leistungsvermögen der Kinder. "Normale" Realschüler, für die eigentlich die Realschulen zugeschnitten sind, geraten unter Druck. Das Auseinanderklaffen der Leistungsschere kann von den Lehrern bei den gegebenen Klassenstärken kaum aufgefangen werden.
"Reise nach Jerusalem" für alle Schularten
Ebenso kritisch wird auch die Lage für die Beruflichen Gymnasien. Sie sollen leistungsstarken Real- und Hauptschülern die Möglichkeit eines Studiums eröffnen. Die Schülerzahlen stiegen bereits in den letzen Jahren. Im nächsten Schuljahr können die ersten G8-Schüler auf ein Berufliches Gymnasium wechseln. Wenn diese vermehrt von Gymnasialschülern aufgesucht werden, nehmen sie den Realschülern und Hauptschülern Plätze weg. Die Aufnahmekapazitäten sind aber begrenzt, ein interner Numerus Clausus wird angewendet. Eine Regelung besagt zwar, dass 85 Prozent der Berufsschüler von der Realschule stammen müssen, nur 15 Prozent dürfen Gymnasiasten stellen. Mit dem Umweg der Gymnasiasten über die Realschule könnte diese Regelung aber unterlaufen werden.
Der Verdrängungsmechanismus setzt sich auch bei den Hauptschulen fort: Spätestens wenn die Jugendlichen der verschiedenen Schularten ihre Schulabschlüsse erreicht haben, kommt er als Domino-Effekt bei ihnen an. 2012 machen zwei Jahrgänge Abitur: Der alte neunjährige Gymnasialzug und der erste achtjährige Zug. Trotz eines bestehenden Masterplans für die Hochschulen ist fraglich, ob alle Studienbewerber einen Studienplatz erhalten werden. Zahlreiche Abiturienten werden in Lehrstellen drängen. Dort verdrängen sie Real- und Hauptschulabsolventen. Die Realschüler wiederum verdrängen die Hauptschüler von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen. Hauptschüler ohne ausgezeichnete Noten werden das Nachsehen haben nach dem Motto: "Den letzten beißen die Hunde". Wenn sich hierfür keine adäquaten Lösungen finden lassen, kehren die Probleme wie ein Bumerang zur Gesellschaft insgesamt zurück.
Wollen wir Akademiker?
Bislang tut sich aus Sicht der Eltern und Kinder zuwenig. Insbesondere für G8 Schüler gibt es keine wirkungsvolle Entlastung, weder über kleinere Klassen, noch über eine effektive Reduzierung der Lehrpläne oder der Wochenstundenzahlen. Auch Lehrer bemängeln, dass die Schulen mit vielen Problemen alleingelassen werden. So sei
beispielsweise noch überhaupt nicht klar, wie denn ab 2010 personell und organisatorisch die doppelten Oberstufenkurse für G8 und G9 geleistet werden sollen, oder wie 2012 die doppelten Abiturprüfungen bewältigt werden können.
"Wir müssen uns darüber klar werden, wie wir das Gymnasium definieren wollen", verlangt Wiegert, "wollen wir das Gymnasium als reine Begabtenschule? Oder wollen wir, dass möglichst viele Kinder, die dafür geeignet, sind die Hochschulreife erwerben?" Wenn in Staat und Wirtschaft permanent die Forderung erhoben wird, wir bräuchten mehr Akademiker, sollten wir auch die Ausbildungseinrichtungen so gestalten, dass sie dies ermöglichen. "Verlieren wir nicht gegenwärtig zu viele Kinder auf diesem Weg, weil sie beispielsweise in Mathematik scheitern, obwohl sie einen ganz anderen beruflichen Weg einschlagen möchten?" fragt Wiegert.
Vertrauen wiedergewinnen
Nicht nur in Baden-Württemberg treten die genannten Probleme auf. Auch die anderen Bundesländer haben nach und nach G8 eingeführt. Deshalb werden künftig auch Studienbewerber aus anderen Bundesländern wie Hessen nach Baden-Württemberg auszuweichen versuchen. Baden-Württemberg hat in dieser Hinsicht mit der Aufstellung des Masterplans "Hochschule 2012" immerhin mehr getan als andere Bundesländer. Der Masterplan soll 16.000 zusätzliche Studienplätze schaffen. Dabei wird aber trotz doppelten Abiturjahrganges 2012 nur von 30 Prozent mehr Studienanfängern ausgegangen. Das Land will zudem nur 50 Prozent der Kosten für den Masterplan tragen, womit also eine maximal 15 prozentige Erhöhung der Studienplatzanzahl erreicht wäre. Die fehlenden Mittel sollen die chronisch klammen Hochschulen selbst oder die Wirtschaft aufbringen. Die konkrete Umsetzung des Masterplans ist also noch mit vielen Fragezeichen versehen.
Einen dringenden Appell richtet Wiegert an das Kultusministerium: "Bei vielen Eltern ist das Vertrauen in die Bildungspolitik verspielt worden. Das Kultusministerium muss Maßnahmen treffen, das verlorene Vertrauen wieder herzustellen."
Fluchttendenzen
Die Gymnasien erreichten mit 39,7 Prozent der Anmeldungen prozentual zwar noch eine leichte Steigerung von 0,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Absolut gesehen sind das aber 1.220 Anmeldungen weniger, - bei insgesamt zurückgehenden Schülerzahlen. Die Hauptschulen haben schon seit Jahren mit sinkenden Schülerzahlen zu kämpfen. Die Zahl von 25,1 Prozent der Anmeldungen ist niedriger denn je.
Damit zeigt sich ein Trend weg vom G8 hin zu anderen Schularten. Viele Eltern fürchten, dass ihr Kind den erhöhten Belastungen in G8 nicht gewachsen sein könnte. Trotz Gymnasialempfehlung schicken 17 Prozent der Eltern ihr Kind auf eine Realschule, im Vorjahr waren es 16 Prozent. "Das ist ein Riesen-Trend bei den Realschulen. Auch auf die Beruflichen Gymnasien kommt das stark zu" prophezeit Horst Gutekunst, Landeselternbeiratsvertreter in Baden-Württemberg für Realschulen.
Belastungsmarathon
Diese Tendenzen zeigen sich deutlich stärker auf dem Land als in der Stadt. Dennoch gelten sie auch für Karlsruhe, wo sich letztes Jahr 52,2 Prozent der Kinder für das Gymnasium entschieden. Auch hier ist das ein Minus von 0,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr, während die Realschulen bei den neu-Anmeldungen um 1,8 Prozent zulegten (Karlsruhe Landkreis: 2,8 Prozent).
Viele Eltern sehen ihre Kinder in G8 einem Belastungsmarathon ausgesetzt. Bei 36 Wochenstunden in der achten und neunten Klasse mit Nachmittagsunterricht an mehreren Tagen gleicht ihr Tagesablauf dem eines Industriearbeiters. Der Unterschied: zuhause müssen die Kinder meist zusätzlich noch umfangreiche Hausaufgaben erledigen. Für erhöhte Anforderungen wurden den Schulen keine erweiterten Mittel bereitgestellt, im Gegenteil: G8 Schüler müssen neben anderen Nachteilen mit größeren Klassen zurechtkommen. Sie haben durchschnittlich 28,1 Schüler, während es in G9 Klassen nur 26,7 Schüler sind.
Leistungsdruck wird weitergereicht
Eltern, die sowohl Kinder im alten neunjährigen Gymnasialzug, in G9, wie auch in G8 haben, vergleichen. Sie stellen ein starkes Anziehen der Leistungsanforderungen fest. Zwar wurde versprochen, die alten Lehrpläne zu entrümpeln. Es komme aber häufig nur derselbe Stoff einfach ein Jahr früher dran als bisher, beklagen Eltern. Für etliche Kinder wird der Druck zu groß und sie gehen vom Gymnasium ab.
"Die Abwanderung von Gymnasialschülern ist für die Realschüler fatal", erklärt Sylvia Wiegert, stellvertretende Vorsitzende des Baden-Württembergischen Landeselternbeirats und im Bereich Regierungspräsidium Karlsruhe zugleich zuständig für das Gymnasium. Wenn die Realschulen vermehrt leistungsfähige Gymnasialschüler aufnehmen müssen, öffnet sich eine weite Schere im Leistungsvermögen der Kinder. "Normale" Realschüler, für die eigentlich die Realschulen zugeschnitten sind, geraten unter Druck. Das Auseinanderklaffen der Leistungsschere kann von den Lehrern bei den gegebenen Klassenstärken kaum aufgefangen werden.
"Reise nach Jerusalem" für alle Schularten
Ebenso kritisch wird auch die Lage für die Beruflichen Gymnasien. Sie sollen leistungsstarken Real- und Hauptschülern die Möglichkeit eines Studiums eröffnen. Die Schülerzahlen stiegen bereits in den letzen Jahren. Im nächsten Schuljahr können die ersten G8-Schüler auf ein Berufliches Gymnasium wechseln. Wenn diese vermehrt von Gymnasialschülern aufgesucht werden, nehmen sie den Realschülern und Hauptschülern Plätze weg. Die Aufnahmekapazitäten sind aber begrenzt, ein interner Numerus Clausus wird angewendet. Eine Regelung besagt zwar, dass 85 Prozent der Berufsschüler von der Realschule stammen müssen, nur 15 Prozent dürfen Gymnasiasten stellen. Mit dem Umweg der Gymnasiasten über die Realschule könnte diese Regelung aber unterlaufen werden.
Der Verdrängungsmechanismus setzt sich auch bei den Hauptschulen fort: Spätestens wenn die Jugendlichen der verschiedenen Schularten ihre Schulabschlüsse erreicht haben, kommt er als Domino-Effekt bei ihnen an. 2012 machen zwei Jahrgänge Abitur: Der alte neunjährige Gymnasialzug und der erste achtjährige Zug. Trotz eines bestehenden Masterplans für die Hochschulen ist fraglich, ob alle Studienbewerber einen Studienplatz erhalten werden. Zahlreiche Abiturienten werden in Lehrstellen drängen. Dort verdrängen sie Real- und Hauptschulabsolventen. Die Realschüler wiederum verdrängen die Hauptschüler von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen. Hauptschüler ohne ausgezeichnete Noten werden das Nachsehen haben nach dem Motto: "Den letzten beißen die Hunde". Wenn sich hierfür keine adäquaten Lösungen finden lassen, kehren die Probleme wie ein Bumerang zur Gesellschaft insgesamt zurück.
Wollen wir Akademiker?
Bislang tut sich aus Sicht der Eltern und Kinder zuwenig. Insbesondere für G8 Schüler gibt es keine wirkungsvolle Entlastung, weder über kleinere Klassen, noch über eine effektive Reduzierung der Lehrpläne oder der Wochenstundenzahlen. Auch Lehrer bemängeln, dass die Schulen mit vielen Problemen alleingelassen werden. So sei
beispielsweise noch überhaupt nicht klar, wie denn ab 2010 personell und organisatorisch die doppelten Oberstufenkurse für G8 und G9 geleistet werden sollen, oder wie 2012 die doppelten Abiturprüfungen bewältigt werden können.
"Wir müssen uns darüber klar werden, wie wir das Gymnasium definieren wollen", verlangt Wiegert, "wollen wir das Gymnasium als reine Begabtenschule? Oder wollen wir, dass möglichst viele Kinder, die dafür geeignet, sind die Hochschulreife erwerben?" Wenn in Staat und Wirtschaft permanent die Forderung erhoben wird, wir bräuchten mehr Akademiker, sollten wir auch die Ausbildungseinrichtungen so gestalten, dass sie dies ermöglichen. "Verlieren wir nicht gegenwärtig zu viele Kinder auf diesem Weg, weil sie beispielsweise in Mathematik scheitern, obwohl sie einen ganz anderen beruflichen Weg einschlagen möchten?" fragt Wiegert.
Vertrauen wiedergewinnen
Nicht nur in Baden-Württemberg treten die genannten Probleme auf. Auch die anderen Bundesländer haben nach und nach G8 eingeführt. Deshalb werden künftig auch Studienbewerber aus anderen Bundesländern wie Hessen nach Baden-Württemberg auszuweichen versuchen. Baden-Württemberg hat in dieser Hinsicht mit der Aufstellung des Masterplans "Hochschule 2012" immerhin mehr getan als andere Bundesländer. Der Masterplan soll 16.000 zusätzliche Studienplätze schaffen. Dabei wird aber trotz doppelten Abiturjahrganges 2012 nur von 30 Prozent mehr Studienanfängern ausgegangen. Das Land will zudem nur 50 Prozent der Kosten für den Masterplan tragen, womit also eine maximal 15 prozentige Erhöhung der Studienplatzanzahl erreicht wäre. Die fehlenden Mittel sollen die chronisch klammen Hochschulen selbst oder die Wirtschaft aufbringen. Die konkrete Umsetzung des Masterplans ist also noch mit vielen Fragezeichen versehen.
Einen dringenden Appell richtet Wiegert an das Kultusministerium: "Bei vielen Eltern ist das Vertrauen in die Bildungspolitik verspielt worden. Das Kultusministerium muss Maßnahmen treffen, das verlorene Vertrauen wieder herzustellen."




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