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27.05.2007 11:30
 
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Promis auf Premierenfahrt [0]

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Abfahrt 9.17 Uhr: Gleis 3 am Karlsruher Hauptbahnhof (Foto: ka-news)
Die Reportage von Stefan Jehle

Karlsruhe/Paris - Es ruckelt und zuckelt, dann bleibt der Superzug stehen. Kurz zuvor hat einer der Reisegäste lakonisch davon gesprochen, ob das jetzt die Einfahrt in die "Tempo-30-Zone" sei. Es ist als ob der aktuelle Rekordhalter unter den Hochgeschwindigkeitszügen erst mal Luft holen muss. Dann kommt ein Signal: es geht los. Kurz nach dem lothringischen Dörfchen Baudrecourt (Département Moselle) nimmt der TGV an Fahrt auf, der "train à grande vitesse" (deutsch: Hochgeschwindigkeitszug), der übrigens am Pfingstmontag von 9 bis 17 Uhr am Karlsruher Hauptbahnhof zu besichtigen sein wird, muss sich auch sputen.

Die Stadtoberhäupter Wolfgang Schuster (li.) und Heinz Fenrich (mi.) geben das Startsignal (Foto: ka-news)

Kurz nach 12 Uhr mittags, an diesem Freitag, soll die Einfahrt sein am Gare de l'Est, dem Pariser Ostbahnhof. An Bord eine wertvolle Fracht: Promis auf Premierenfahrt. "Kommt da jetzt dann eine Durchsage, wenn wir Schallgeschwindigkeit erreichen", fragt scherzhaft ein mitreisender Journalist. Die "gefühlte Geschwindigkeit" auf der kerzengeraden Strecke durch die französische Provinz liegt deutlich im 3-stelligen Bereich - doch sind es nun schon die 320 km/h? Bis zu diesem Wert kann der neue TGV auf der Neubaustrecke auf dem Weg in die französische Metropole beschleunigen. Doch an diesem Tag ist alles ein bisschen anders. Tausende von Testkilometern liegen schon hinter den Lokführern und den Zugbegleitern der französischen Staatlichen Eisenbahnen, der "Société Nationale des Chemins de Fer Français" (kurz: SNCF). Selbst für das Dörfchen Baudrecourt, das mit seinen gerade mal knapp 200 Einwohnern erst seit der neuen Hochgeschwindigkeitstrasse ins öffentliche Bewußtsein getreten ist, interessiert sich kaum jemand.

Begegnung bei Baudrecourt: TGV wird von ICE überholt

Schon vor Wochen hat die Deutsche Bahn AG eine so genannte Premierenfahrt geplant. Just an jenem Freitag sollte der neue ICE 3 erstmals von Frankfurt über Mannheim, Saarbrücken und Forbach (Lothringen) nach Paris einrollen. Dem schlossen sich kurzfristig auch die staatlichen französischen Eisenbahnen an. Und so begegnen sich eben an diesem Tag in der Nähe jenes Dörfchens Baudrecourt erstmals der deutsche ICE und der französische TGV. Sie rollen kurz aneinander vorbei, eine Durchsage weist zuvor darauf hin. Die Franzosen sind höflich: Sie lassen dem deutschen ICE den Vortritt, der TGV rollt in kurzem Abstand hinterher. In deutlich weniger als vier Stunden sollen künftig die Stuttgarter, die Karlsruher oder die Mannheimer mit den neuen Schnellzügen in den Pariser Ostbahnhof einfahren.

Fabienne Keller und Wolfgang Schuster im Interview

Es ist die Probe aufs Exempel, an diesem Freitag. Doch es kommt anders als gedacht: Eigentlich fährt er langsamer. Doch an diesem Freitag muss der deutsche ICE auf den TGV warten. Der französische Temporekordhalter hat auf der Premierenfahrt für die neue Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen Süddeutschland und Paris einen außerplanmäßigen Halt eingelegt. Erst mit 35 Minuten Verspätung können beide Züge wie vorgesehen Seite an Seite im Pariser Ostbahnhof einrollen. Ein kleiner "Fauxpas", den der Lokführer des ICE aber angesichts der sonst reibungslos verlaufenen Fahrt mit einem Lächeln quittiert. Man habe in Straßburg Brauchwasser zuladen müssen, heißt es hinterher von französischer Seite. In Straßburg steigt aber auch die Oberbürgermeisterin der europäischen Metropole ein - und mit ihr ein Tross von Journalisten aus dem Elsass. Unterwegs gibt es nochmals einen Halt, zum Einstieg für SNCF-Führungskräfte.

Schuster, Fenrich und Fabienne Keller (v.li.) im Gespräch (Foto: ka-news)

Fabienne Keller, Straßburgs Rathauschefin und Vertreterin der Partei "UMP", der bis vor kurzem der neue französische Staatspräsident vorstand, gibt im Zug zahlreiche Interviews: einmal zusammen mit dem Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster, ein anderes Mal mit dessen CDU-Parteifreund Heinz Fenrich aus Karlsruhe. Es folgen Lobgesänge auf die neue Hochgeschwindigkeitstrasse, von der zunächst vor allem das Elsaß profitieren wird. Die Deutschen sind noch im Hintertreffen, haben noch nicht alles erfüllt, was einst im gemeinsamen Staatsvertrag zwischen Francois Mitterand und Helmut Kohl schon 1992 festgelegt wurde. Wolfgang Schuster vermisst fast schon schmerzlich "sein Baden-Württemberg 21", zu dem er kurzerhand die langwierige Hängepartie des umstrittenen "Stuttgart 21" erklärt.

Poesie eines Journalisten: "diese Weite der Landschaft..."

Doch die Reisenden, die darüber hinaus an Bord sind, konzentrieren sich auf die Fahrt. Sie bemerken die markantesten Unterschiede zwischen dem deutschen und französischen Bahnsystem, wie etwa ein Journalist aus Pforzheim. Deutsche Bahn AG und SNCF verwenden unterschiedliche Systeme bei der Stromversorgung und den Signalen, selbst die Art, den Bahndamm zu schottern, ist eine andere. Die Züge fahren auf dem linken, nicht wie in Deutschland auf dem rechten Gleis. Der Hauptunterschied "aber ist diese Weite der Landschaft im Osten Frankreichs", stellt der Vertreter der schreibenden Zunft fest. Dünn besiedelt ist sie, das ermöglicht eine fast schnurgerade Streckenführung und die Konzentration auf wenige Bahnhöfe.

Ankunft in Paris: ICE 3 (li.) und TGV (re.) samt Menschenmassen (Foto: ka-news)
Der Blick geht aus dem Fenster hinaus, er verliert sich in sanften Hügeln, streift über die weidenden Charolais-Rinder hinweg zu kleinen Dörfern am Horizont. Die Weite relativiert die Geschwindigkeit, stellt er fest. Und hat seine Erklärung gefunden, warum er die Geschwindigkeit fast nicht merkt, mit der dieser TGV dahin jagt, 320 Stundenkilometer sind es durch Lothringen und die Champagne. Es wird allgemein als angenehm empfunden, dass man nicht zwischen Wällen fährt, sondern hinausschauen kann. Man merkt in den von Designer Christian Lacroix gestalteten Großraumkabinen die Geschwindigkeit, und man merkt sie auch wieder nicht.

"Der Magen spürt sie fast wie im Flugzeug beim Start..."

Der Magen spüre sie fast wie im Flugzeug beim Start, ist später in einer Zeitung im Nordschwarzwald zu lesen, das Auge sehe in kleinsten Bruchteilen von Sekunden Stahlmasten vorbeifliegen am Rand des Bahndamms, schemenhaft nur noch, kaum mehr einzeln wahrzunehmen. Doch das schlanke, 200 Meter lange Gefährt ruckelt nicht und wackelt nicht und lässt keine Schläge, selbst als es über Weichen hinwegschießt, so perfekt glatt ist die Strecke ausgebaut. Auf rund 300 Kilometern zwischen Straßburg und Paris kann der TGV seine Höchstgeschwindigkeit fahren, was die Reise zu einem kurzen Vergnügen macht.

Bahnchefs und Stadtoberhäupter: Idrac, Mehdorn, Keller, Fenrich (v.l.) (Foto: ka-news)

Zumindest im Prinzip: an diesem Tag geht es nur scheinbar etwas langsamer. 35 Minuten fehlen am Schluss, 35 Minuten Verspätung - doch damit ist der Hochgeschwindigkeitszug immer noch deutlich schneller als jedes frühere Bahnverkehrsmittel, selbst ein Auto auf den französischen Autobahnen kann das nie und nimmer erreichen. Am Bahnsteig im Pariser Ostbahnhof stehen sich der ICE 3 und der TGV direkt gegenüber, Bahnchef Hartmut Mehdorn und die Präsidentin der SNCF, Anne-Marie Idrac werden von Journalisten fast überrannt. Die Oberbürgermeister von Frankfurt, Mannheim und Saarbrücken sind dabei. Polit-Rentner wie Ex-Bundesfinanzminister Hans Eichel und Saarlands Ex-Umweltminister Jo Leinen lassen es sich ebenfalls nicht nehmen, an diesem Tag mit dabei zu sein.

Der Einstieg in ein neues Zeitalter - und der Gewittertest...

Ausfahrt bei orkanartigem Gewitter: der ICE 3 am Gare de l'Est (Foto: ka-news)
Dabei zu sein, beim Einstieg in ein neues Zeitalter, wie es Anne-Marie Idrac formuliert. Am Abend gibt es dann nochmals einen Test auf die Tauglichkeit der neuen Technik: schon bei Ausfahrt aus dem Gare de l'Est werden die beiden Schnellzüge von einem orkanartigen Gewitterregen begleitet, der fast bis in die Champagne anhält. Der TGV hält Stand, und hat dieses Mal auch genügend Brauchwasser an Bord. Dieses Mal wird die geplante Ankunftszeit eingehalten, fast, bis auf zehn Minuten, aber das nimmt nach diesem ereignisreichen Tag schon kaum mehr jemand wahr.

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