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Karlsruhe Mord ist sein Hobby: KIT-Professor Stefan Scherer ist "Tatort"-Forscher

"Tatort": In vielen Ohren klingt die einprägsame Titelmelodie, im Kopf Bilder von spannenden Mordszenen an bekannten Orten in der jeweiligen Heimatregion - Nervenkitzel eben. Für KIT-Professor Stefan Scherer ist die ARD-Krimireihe aber mehr als das, nämlich ein Objekt der Forschung. In einem Interview mit ka-news erklärt der "Tatort"-Forscher, wie sich der Traditions-Krimi und die Gesellschaft seit der Erstausstrahlung bis heute verändert haben.

Herr Scherer, wann und wie sind Sie darauf gekommen, sich intensiv mit dem Tatort zu beschäftigen?

Das war Mitte der 1990er Jahre, als meine Kollegin Claudia Stockinger von der Universität Göttingen Assistentin hier in Karlsruhe am Institut für Literaturwissenschaft war. Statt uns über Goethe und Schiller auszutauschen, haben wir uns in der Mensa immer über den letzten "Tatort" vom Sonntag unterhalten und dabei festgestellt, dass man daraus doch einmal ein größeres Forschungsprojekt machen sollte.

Sie sagen, der Tatort sei der wahre Gesellschaftsroman der Bundesrepublik Deutschland - wie hat sich die Gesellschaft in Film und Realität seit Erstausstrahlung in den 70er Jahren verändert und warum ist die Krimireihe "typisch deutsch"?

Der 'Tatort' ist deshalb typisch deutsch, weil er die föderalistische Ordnung der BRD abbildet, indem jeder Sender der ARD bis zu drei Serien mit eigenen Ermittlern auf Täterfang gehen lässt - so zum Beispiel beim Westdeutschen Rundfunk. Damit bildet die Reihe auch regionale Lebensverhältnisse in Deutschland über die letzten vier Jahrzehnte ab. Man kann dabei sehen, wie diese vielfältiger und offener geworden sind. Wurden in den 1970er Jahren vor allem noch bürgerliche Lebensverhältnisse gezeigt, stehen heute alle möglichen Milieus und Lebensstile im 'Fadenkreuz der Republik' - unter anderem Probleme von Intersexuellen, die vor zehn Jahren noch nicht darstellbar gewesen wären.

Wie unterscheiden sich die Tatorte voneinander?

Regionale Lebensverhältnisse werden nicht von allen Sendern gleichermaßen gezeigt: In den 1970er Jahren war es Kommissar Finke, der von Kiel aufs Land geschickt wurde, in den 80ern kam Duisburg mit Schimanski ins Spiel, und im darauffolgenden Jahrzehnt wurde München im 'Tatort' des Bayrischen Rundfunks mit Batic und Leitmayr oder die schwäbische Version mit Bienzle gezeigt, während Fälle des Kölner Tatort oft genauso auch in einer anderen Stadt spielen könnten. Besonders der Norddeutsche Rundfunk verschreibt sich der Linie, auch ländliches Leben zu zeigen.

Was begeistert die Deutschen so am Tatort?

Das ist vor allem der regelmäßige Platz der Ausstrahlung am Sonntagabend, also noch am Wochenende vor Beginn der Arbeitswoche, so dass man am Montag darüber reden oder sich zusammen mit der 'Bild'-Zeitung aufregen kann. Insofern ermöglicht der 'Tatort' ein gemeinschaftliches Erlebnis, das Menschen über Generationen hinweg zusammenbringt - ganz abgesehen natürlich davon, dass man Batic, Ballauf oder Klara Blum blöd, Lürsen tantig und Thiele und Börne lustig finden kann. Man kann sich über ihn streiten, Geschmacksurteile absondern, aber auch sich an geteilten Vorlieben erfreuen.

Wie nah sind die Fälle an der Realität was Ermittlungszeit, Opferwahl, Handlungsorte betrifft?

In den Anfängen legte man noch besonders Wert auf die dokumentarische Qualität, weil die Folgen auf tatsächliche Fälle zurückgingen. Das ist heute unter anderem noch im Hessischen Rundfunk mit Steier und Mey der Fall, während sonst oft nur allgemeine gesellschaftliche Fragen im Gewand des Fernsehkrimis abgehandelt werden - und der soll in erster Linie spannend sein. Das bestimmt die Dramaturgie eher, als dass die Folge unbedingt der Realität entspricht. Ermittlungszeit ist stets die Gegenwart, und die Orte sind als solche von Fall zu Fall unterschiedlich relevant: In der Münchner Folge "Das Glockenbachgeheimnis" sehr wohl, im heutigen Stuttgarter Tatort praktisch nie.

Wie haben sich die Kommissare und Täter im Laufe der Jahre verändert?

Etwa seit 2000 wird zunehmend auch das Privatleben der Ermittler, die im Übrigen seit 1978 auch weiblich sein dürfen, gezeigt: Die Figuren werden individueller und sind nicht selten eben auch in den Fall verstrickt, während das in den 1970er Jahren noch undenkbar war, weil hier der distanzierte Durchblick des Kommissars als älterer Mann und väterliche Autorität vorherrschte.

Wie gehen Sie beim Bearbeiten einer Folge vor?

Christian Hißnauer von der Uni Göttingen hat an die 500 Folgen nach einem festgelegten Schema analysiert und die Ergebnisse in ein Datenbanksystem eingegeben, das statistische Auswertungen verschiedener Fragen erlaubt - darunter die nach der Individualisierung der Ermittler oder nach der Rolle des Privatlebens von 1970 bis heute. Diese Daten werden dann für genauere Interpretationen einzelner Folgen für eine Beschreibung des ganzen Tatort über die gesamte Laufzeit hinweg ausgewertet. Einen Tatort in allen Kategorien zu bearbeiten dauert in etwa acht Stunden.

Abseits der Arbeit: Sind Sie selbst auch Tatort-Fan?

Natürlich schaue ich seit 25 Jahren regelmäßig Tatort. Überdurchschnittlich filmisch gut gemacht sind die Münchner Folgen, sehr interessant sind Borowski, vor allem gemeinsam mit Frieda Jung, Steier und Conny Mey, während ich die Münsteraner Klamauk-Folgen für überschätzt halte, weil sie seit 2002 eigentlich immer nur die gleichen Witze machen. Selbst der Berliner Tatort hat in letzter Zeit Qualitäten entwickelt. Auf Stellbrink im Saarländischen Rundfunk, gespielt vom wunderbaren Devid Striesow, freue ich mich auch.

Fragen: Marie Wehrhahn

Themen und Ergebnisse der Tatort-Forschung stehen im Mittelpunkt der internationalen Tagung "Zwischen Serie und Werk: Die ARD-Reihe Tatort im fernseh- und gesellschaftlichen Kontext", die von Donnerstag, 20., bis Samstag, 22. Juni, an der Universität Göttingen stattfindet. Stefen Scherer wird ebenfalls an der Tagung teilnehmen.

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  •   karlsruher1955
    (828 Beiträge)

    16.06.2013 11:47
    KIT-Professor Stefan Scherer ist "Tatort"-Forscher
    und dazu werden Forschungsgelder veruntreut ?? Entweder ein Film gefällt oder nicht. Dazu brauche keine hochbezahlten Wissenschaftler.
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  •   manu_ka
    (181 Beiträge)

    16.06.2013 14:05
    Hauptsache etwas dahingelabert
    Themen, wie der Tatort, sind ein weitaus breiteres Forschungsfeld, als der gewöhnliche Dummschwätzer zu wissen vermag.
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  • 0
    unbekannt
    (29986 Beiträge)

    16.06.2013 14:28
    Man kann
    geteilter Meinung sein. Ich find das Thema auch interessant. Aber man kanns tatsächlich auch überflüssig finden.
    Allerdings gibts da noch 100000 andere Sachen... grinsen
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