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11.01.2016 07:00
 
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Mindestlohn: Wie eine Karlsruherin ihren Job an Schüler verlor [9]

(Symbolbild)
Bild: Kai Remmers

Karlsruhe (Melanie Nees) - Am 1. Januar 2016 hat der Mindestlohn seinen ersten Geburtstag gefeiert. Ob das neue Gesetz in Karlsruhe tatsächlich Anlass zum Feiern geboten hat? Arbeitsagentur, Zollamt und IHK berichten gegenüber ka-news nichts Gegenteiliges. Doch die Erfahrung einer Karlsruherin zeigt: Der positive Schein kann trügen.
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8,50 Euro pro Stunde stehen seit Beginn des Jahres 2015 zahlreichen Arbeitnehmern wie etwa Kellnern, Reinigungsfachkräften und Verkäufern zu. Ob Karlsruher Unternehmen das schultern konnten, ohne ihr Personal zu reduzieren?

Ja, ist der Eindruck der Arbeitsagentur Karlsruhe. "Die Einführung des Mindestlohns hatte keine sichtbaren Auswirkungen auf unseren regionalen Arbeitsmarkt", so Pressesprecherin Ingrid Koschel gegenüber ka-news. 

Es sei kein Fall bekannt, dass jemand zu den Beratern der Arbeitsagentur gekommen ist und gesagt hat, er habe wegen des Mindestlohns seinen Job verloren. Insgesamt gab es im ersten Quartal 2015 sogar die Tendenz zu einem Beschäftigungszuwachs, wie Koschel weiß. Es sei jedoch nicht klar, wie das mit dem Mindestlohn zusammenhänge. 

"Keine großen Vorkommnisse"

Auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) Karlsruhe hat "keine großen Vorkommnisse" zu vermelden, wie Pressesprecher Dietmar Persch sagt. "Es gab lediglich Anfang 2015 einigen Beratungsbedarf, was die Umsetzung des Mindestlohngesetzes angeht. Da hatten wir mehrere Anfragen von Unternehmen: 'Wie machen wir das jetzt?'", berichtet Persch. 

Unternehmen aus dem Stadt- und Landkreis Karlsruhe sowie aus Pforzheim und dem Enzkreis, die sich nicht an die gesetzliche Lohnvorgabe halten, können beim Karlsruher Hauptzollamt gemeldet werden. Das Amt hat allerdings keine Zahlen dazu vorliegen, wie viele Meldungen bislang eingingen, der Pressesprecher kann lediglich sagen, dass es welche gab. 

Die Erfahrung einer Karlsruherin

Ist die Einführung des Mindestlohns also beinahe spurlos an Karlsruhe und Umgebung vorbeigegangen? Die Erzählungen einer Karlsruherin lassen Gegenteiliges vermuten. Sie war Zeitungszustellerin. Für diese Berufsgruppe birgt das Mindestlohngesetz eine Sonderregelung: Sie bekommen ab 2015 6,38 Euro pro Stunde (75 Prozent von 8,50 Euro), ab 2016 7,23 Euro (85 Prozent von 8,50 Euro) und ab 2017 schließlich den vollen Mindestlohn.

Doch schon eine solche stufenweise Anhebung schien einem norddeutschen Verlag zu viel zu sein. Für diesen arbeitete die Karlsruherin Esther Buhmann. "Von Mai bis Dezember 2014 war ich als Zustellerin mittwochs und freitags im Rahmen eines Minijobs in meinem Wohngebiet in Karlsruhe unterwegs, verdiente 10 Cent pro Zeitschrift", berichtet Esther Buhmann gegenüber ka-news. Angestellt war sie bei der Karlsruher Vertriebsstelle des norddeutschen Verlages. 

Kein Einzelfall

"Auf einer mit dem Verlag zusammenhängenden Facebook-Seite konnte ich schon ab Oktober 2014 die durchweg negativen Erfahrungsberichte meiner Kollegen aus ganz Deutschland lesen, so dass es keine große Überraschung mehr war, als die Kündigung zum 31. Dezember 2014 bei mir einging", erzählt Buhmann. Sie habe überlegt, einen Rechtsanwalt zu konsultieren, da ihr für ein Jahr geschlossener Vertrag noch nicht beendet gewesen sei, dann jedoch beschlossen, dass sie für solche "Ganoven", wie sie sagt, sowieso nicht mehr arbeiten wolle. 

Buhmann war scheinbar bei weitem nicht die Einzige, die auf diese Weise die Einführung des neuen Mindestlohngesetzes zu spüren bekommen hat. "Es wurden nach meinen Informationen in Karlsruhe alle und in anderen Bundesländern ziemlich viele volljährige Zusteller des Verlages entlassen, die teils schon viele Jahre gute Arbeit leisteten, um seit 2015 verstärkt 13- bis 17-jährige Schüler einzustellen", meint die Karlsruherin. Der Verlag hat sich damit eine weitere Sonderregelung des Gesetzes zu Nutze gemacht: Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren ohne abgeschlossene Berufsausbildung steht kein Mindestlohn zu. So kann der Verlag weiterhin 10 Cent pro Zeitschrift zahlen. 

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Das Mindestlohn-Gesetz lässt einige Hintertüren offen: Minderjährige statt Erwachsene, nur noch Plichtpraktikanten,... Was halten Sie von der nun ein Jahr alten Regelung? Diskutieren Sie mit und teilen Sie Ihre Meinung unter der Debatte bei ka-news!

 

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Kommentare [9]
Hinweis: Kommentare geben nicht unbedingt die Meinung von ka-news wieder.
  • (509 Beiträge) | 11.01.2016 10:31
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    Liebe Leser, der Mindestlohn feiert seinen ersten Geburtstag. Wie fällt Ihre Bilanz aus? Diskutieren Sie mit unter der Debatte bei ka-news! Hier geht's zur Diskussion.
  • (1402 Beiträge) | 11.01.2016 08:47
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    Dann nehmen wir uns diesen Verlag mal vor.
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  • (7258 Beiträge) | 11.01.2016 09:14
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    Erledigt.
  • (2283 Beiträge) | 11.01.2016 07:51
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    entlassungen wegen Mindestlohn
    gibt es keine... denn ein solcher Kündigungsgrund wäre schlichtweg anfechtbar. Betriebsbedingte Kündigung heißt das heute und schon ist es nicht mehr in der Statistik. Ich habe auch im Umfeld einiges mitgebricht, Schüler, Langzeitarbeitslose und freie Mitarbeiter (Herems ist da so ein Paradebeispiel) heißt die devise... oder eben den Bereich ganz einstellen. In jedem Fall ist der Jobber der vieleicht für 7,50€ geschaft hat seinen Job los. Alternative... er bekommt 8,50, muss dafür aber mehr unbezahlte überstunden machen.... "Standzeit bei LKW fahren... gehört doch nicht zur Arbeitszeit, er fährt ja gerade nicht und ausladen tun andere").

    Aber auch zu sagen die raffgrierigen Arbeitnehmer sind schuld... es gibt Fälle bei Betrieben da verdienen die Angstellten mehr wie der Chef. Man muss sich einfach eignestehen das der Markt nicht überall genug her gibt für 8,50€ und in diesen Branchen muss entlassen oder umgangen werden.
  • (133 Beiträge) | 11.01.2016 07:35
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    Nicht wirklich überraschend.
    Es ist doch nicht neu, dass Arbeitgeber Gesetzeslücken nutzen und das Recht zu ihren Gunsten beugen (eigentlich nicht nur Arbeitgeber). Deswegen würde ich auch nicht so viel darauf geben, dass es sonst keine Entlassungen bedingt durch den Mindestlohn gibt. Es muss nur richtig verpackt werden.
  • (2071 Beiträge) | 11.01.2016 07:18
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    Tjaja
    und in Belgien denkt man an eine Ausbildungspflicht, verbunden mit einem Verbot zur Arbeit für alle unter 18. nur Ausbildung und Ferienarbeit wären für unter 18-jährigen erlaubt. Keine mal so schlechte Idee...
  • (8453 Beiträge) | 11.01.2016 09:17
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    Dann wird eben
    alles zur Ferienarbeit.
    Auch ich habe auch in der Gymnasialzeit in Ferien und sogar noch drei Stunden täglich gearbeitet. Nachmittags hatten wir jeden Tag Ferien.

    Es gibt auch einfache Arbeiten, bei denen man den Kopf noch frei genug hat, um über mathematische Lösungen nachzudenken. Das ist, als wenn man als Fußgänger trotzdem mit den Händen klatschen kann.

    Fehlt nur noch ein Verbot von Multitasking und eine Regelung, dass man entweder die Füße oder die Hände bewegen darf. Es geht immer um ein vernünftiges Maß.
  • (7258 Beiträge) | 11.01.2016 09:13
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    Die Belgier waren schon immer ein wenig "eigen" will ich mal sagen
    Dann machen Erwachsene, die wohl eh arbeiten, nebenher die Schülerjobs damit sie ihren Kindern in Ausbildung etwas zuschustern können.
  • (3740 Beiträge) | 11.01.2016 08:47
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    Sorry.. .aber...
    "Ausbildung als Zeitungsausträger"

    mich legts grad weg... grinsen))
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