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18.12.2004 12:00
 
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Knaller, bunte Palmen und Plastikspielzeug - Karlsruher in Nicaragua [0]

Puerto Cabezas/Karlsruhe pes -
Wer Geld hat, lässt die Palmen im Garten leuchten (Foto: Sebastian Erb)
Kein Schnee, keine klirrende Kälte, kein gemütliches Feuer im Kamin. Trotzdem: Die Weihnachtsbeleuchtung ist angeschaltet, das Fest steht vor der Tür. Da muss man nur vor einem Angst haben: Dass einem ein Feuerwerkskörperstand um die Ohren fliegt.
Statt in Deutschland Zivildienst zu leisten, ging ich, Sebastian Erb, nach Übersee, um für die Gemeinschaft tätig zu sein. Im Rahmen des "Freiwilligen Friedensdienstes" der Evangelischen Landeskirche in Baden lebe und arbeite ich für ein Jahr in Puerto Cabezas/Bilwi an der Karibikküste Nicaraguas. Während dieser Zeit berichte ich für ka-news über Land und Leute und sende auch meine ganz persönlichen Eindrücke nach Karlsruhe.

Die regionalen Radiostationen zeichnen sich ohnehin nicht durch ihr abwechslungsreiches Musikprogramm aus. Aber jetzt im Dezember haben sie die Anzahl ihrer gespielten Musiktitel nochmals reduziert. Glockenbehangene Schlitten fahren um die Wette, der Schnee rieselt fröhlich vor sich hin und die Sänger singen vor allem eines: Frohe Weihnachten. Gute Wünsche in der Endlosschleife.

Die Vorbereitungen fürs Fest laufen auf Hochtouren. Rund um die Kirche der miskitosprachigen Gemeinde der Iglesia Morava herrscht geschäftiges Treiben. Freiwillige Helfer schnappen sich Rolle und Pinsel, tauchen sie in die Farbeimer und malern eifrig.Wie jedes Jahr vor Weihnachten bekommt die Kirche einen neuen Anstrich. Nach Stunden fleißiger Arbeit strahlt sie wie neu weiß-rot in der Nachmittagssonne.

Die Invasion der Plastikprodukte

Drinnen steht er schon, der Weihnachtsbaum. Es ist ein echter Nadelbaum, eine Pinie. Geschmückt mit glitzernden Girlanden und bunten Christbaumkugeln. Ein Nikolausgesicht schaut freudig in die Runde. Gleich daneben studiert eine Jugendgruppe ein Krippenspiel ein. Maria und Joseph reden miteinander, natürlich auf Miskito. Spanisch hört man in der Kirche nur bei Zahlen und Fremdwörtern. Josephs Handy klingelt, er geht ran. Ob das auch an Heiligabend so sein wird?

Der Plastikbaum steht schon in der Ecke der Kirche (Foto: Sebastian Erb)
Einen Steinwurf entfernt, in der englischsprachigen Gemeinde der Kirche, ist er aus Plastik, der Baum. Aufrecht, gerade, ohne jeglich Macken steht er in der Ecke, geradezu majestätisch. Er wurde extra aus den USA eingeflogen.

Weihnachten, die Zeit der Geschenke, auch hier. Die Invasion der Plastikprodukte begann schon vor Wochen. Auf den beiden Märkten, dort wo sonst vor allem Obst und Gemüse verkauft wird, Fisch, Geschirr und Kleider, da gibt es nun auch Dinge für den Gabentisch. Das meiste aus billigem Plastik: Puppen, Autos, Spielzeuggewehre, ein Kochset für Kinder. Quietschbunt, kitschig, manches scheint schon beim bloßen Anschauen auseinanderzufallen. Dann der Weihnachtsschmuck: Glitzernde Girlanden von der Rolle, Christbaumkugeln in verschiedenen Farben und Größen, Nikolausfiguren zum Aufhängen. In der Ecke steht ein kleiner Weihnachtsbaum aus Plastik, seine Nadeln sind in zartes Weiß getaucht. Das in einer Stadt, in der die meisten Menschen Schnee höchstens aus dem Fernsehen kennen.

Stille Nacht? Fehlanzeige

Hauptsache bunt: Weihnachtsgeschenke aus Plastik (Foto: Sebastian Erb)
"Das Weihnachtsgeschäft ist ungeheuer wichtig", sagt der Verkäufer Moises Herrnandez. Aber es sei schlechter geworden in den letzten Jahren: "Vor vier Jahren war der Umsatz noch doppelt so groß." Das führt er vor allem auf die größere Konkurrenz zurück. Dennoch, die Leute konsumieren. "Auch wenn sie nicht viel Geld haben, an Weihnachten kaufen sie Geschenke für ihre Familie", sagt Herrnandez.

Weihnachten in Bilwi, das ist keine stille Angelegenheit. Feuerwerk und Knaller haben ihren festen Platz beim Feiern. Schräg gegenüber dem Park haben sie ihre kleinen Stände aufgebaut, die Verkäufer der explosiven Stoffe. Da gibt es fast alles, was das Herz eines Hobbyfeuerwerkers höher schlagen lässt. Von der Wunderkerze über Raketen bis hin zu Riesenböllern mit 30 Zentimetern Länge und fünf Zentimetern Durchmesser. Auch hier klagt man über schlechtere Geschäfte in diesem Jahr. Ein Verkäufer führt die "schlechte wirtschaftliche Situation" als Grund an. Von ihrem wenigen Geld kauften die Leute Essen und etwas zum Anziehen. Feuerwerkskörper sind da nicht so wichtig, das sieht er ein.

"Wir haben keine Angst"
(Foto: Sebastian Erb)
Vor knapp zwei Wochen ist es in Bluefields, der Hauptstadt der südlichen Autonomieregion zu einem Unglück gekommen. Ein Knallerverkaufsstand fing Feuer, welches dann alle Stände komplett zerstörte. Menschen kamen nicht zu Schaden, aber die Besitzer verloren all ihre Ware, die ihnen noch nichteinmal gehörte.

Wer Geld hat, lässt den Garten leuchten

Angst, dass so etwas auch hier passieren könnte? Nein, das hätten sie nicht. "Wir passen auf", sagt die junge Verkäuferin Nadietzda Flores. Neben ihr nickt ihr Vater zustimmend. Sie schauten, dass sich in der Nähe niemand eine Zigarette anzündet oder gar einen Knaller. Aus den Stimmen lässt sich alles heraushören, eines aber nicht: Überzeugung. "Wenn so etwas passiert", sagt der Vater, "dann sind wir arm." Nun klingt seine Stimme ernst.

Die Kunden kommen auch aus den Dörfern. Nehmen teils stundenlange Anfahrten mit Bus und Boot in Kauf, um Weihnachtsgeschenke zu kaufen.Die Leute haben kein Geld, aber das geben sie vor Weihnachten aus. Und wer Geld hat, zeigt das auch gleich. Er schmückt sein Haus und die Kokospalmen im Garten mit bunten Lichterketten und stellt sich einen netten Weihnachtsbaum auf den Balkon. Weihnachten kann kommen, aber eines ist sicher: eine weiße Weihnacht wird es nicht.

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