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Karlsruhe Kinderbetreuung in Karlsruhe: Droht der Kita-Kollaps?

Ab August 2013 haben Kinder ab dem ersten Lebensjahr einen uneingeschränkten Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. In Karlsruhe gibt es aktuell nicht einmal für jedes dritte Kind unter drei Jahren einen Platz. Der Bedarf ist wesentlich höher. Eltern schlagen Alarm, die Politik muss sich beeilen: Droht Karlsruhe der Kita-Kollaps?

"Die Kinderbetreuung in Karlsruhe reicht nicht aus", sagt Thomas Schmitt (Name von der Redaktion geändert), Geschäftsführer eines mittelständischen Betriebs in Karlsruhe. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig Kinderbetreuung ist. Er selbst ist Vater eines dreijährigen Sohnes, im März kam seine Tochter zur Welt. "Ich kenne beide Seiten - die aus Sicht des Vaters und die aus Sicht des Arbeitgebers", so Schmitt im ka-news-Gespräch.

Seiner Tochter stehe laut Warteliste frühestens ab Herbst 2013 ein Platz zur Verfügung. Verbindlich sei das aber nicht, wodurch auch keine Planungssicherheit in der Familie erzielt werden könne. Seine Frau ist in Elternzeit, möchte aber gerne bald wieder arbeiten. "Weder der Arbeitgeber meiner Frau noch meine Frau selbst können hier einen Wiedereinstieg entsprechend planen und vorbereiten", so Schmitt.

Rechtsanspruch ab August 2013

So wie den Schmitts geht es in Karlsruhe vielen Familien. Hier gibt es 7.461 Kinder im Alter von 0 bis 3 Jahren (Stand 30. Juni 2011), aber nur 2.196 Plätze Betreuungsplätze für Kleinkinder in Kitas und Tagespflege (Stand 1. März 2012). Das heißt aktuell gibt es in Karlsruhe nicht einmal für jedes dritte Kind unter drei Jahren einen Betreuungsplatz.

Der Kampf um Kita-Plätze ist zwar nichts Neues, bekommt aber nächstes Jahr eine neue Dimension. Denn ab August 2013 haben Kinder ab dem ersten Lebensjahr einen uneingeschränkten Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Tageseinrichtung oder Tagespflege. Droht Karlsruhe der Kita-Kollaps?

Große Lücke zwischen Angebot und Nachfrage

Die Stadt Karlsruhe weiß, dass der Kita-Ausbau eilt. Der Karlsruher Gemeinderat hat bereits 2008 ein Ausbauprogramm zur "Schaffung eines bedarfsgerechten Angebots" beschlossen, das seither umgesetzt wird. Ziel des Programms ist es, bis August 2013 ein bedarfsgerechtes Angebot bereitzustellen. Dabei wurde bisher davon ausgegangen, dass eine Versorgungsquote von 35 Prozent der Kinder unter drei Jahren bedarfsgerecht sei. Demnach soll das Angebot bis 2013 2.295 Plätze betragen. Damit  wären 35 Prozent der unter Dreijährigen in Karlsruhe versorgt. Diese Quote entspricht zwar dem bundesweiten Ziel, doch inzwischen geht die Stadt Karlsruhe davon aus, dass die Nachfrage wesentlich höher ist.

"Die vom Bund geforderten 35 Prozent schaffen wir bis 2013, das reicht aber bei weitem nicht", sagt Karlsruhes Sozialbürgermeister Martin Lenz gegenüber ka-news. Er gehe von einem wesentlich höheren Bedarf aus. "70 Prozent der Kinder unter drei Jahren in Karlsruhe brauchen künftig einen Betreuungsplatz", vermutet er im ka-news-Gespräch. Das wären doppelt so viele, wie die Stadt im Jahr 2013 anbieten kann. Die Stadt arbeite daher an provisorischen Übergangslösungen, um den Bedarf zu decken. Dennoch zeigt sich Lenz optimistisch, dass künftig der Bedarf gedeckt werde, wenn auch nicht im nächsten Jahr. Das Ausbauziel liegt laut Stadt bis 2015 bei 2.959 Plätze. Das wären Plätze für 40 Prozent der unter Dreijährigen.

Kita-Plätze: 35 Prozent haben, 70 Prozent brauchen

"Der Rechtsanspruch ist eine Farce", sagt indes Unternehmer Schmitt. Er kenne genug Familien in seinem Bekanntenkreis, die auf der Suche nach geeigneten Betreuungsplätzen seien. "Einerseits fordert die Politik junge Frauen auf, am Erwerbsleben teilzunehmen und ihren erlernten oder studierten Beruf auszuüben, gleichzeitig werden aber keine Voraussetzungen geschaffen, um Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren", kritisiert Schmitt. Mit dem Rechtsanspruch seien die Kommunen seiner Ansicht nach überfordert, sie würden von der Bundespolitik alleine gelassen.

"Wir fühlen uns vom Bund nicht im Stich gelassen, aber hätte uns schon gewünscht, dass Kommunen von Anfang an mit am Tisch sitzen und mehr Gehör bekommen", zeigt sich Bürgermeister Lenz diplomatisch. Um zu ermitteln, wie hoch der Bedarf an Betreuungsplätzen in der Stadt tatsächlich ist, hat die Stadt kürzlich eine Befragung durchgeführt. Sie will so Eltern ein "passgenaues Angebot" anbieten. Befragt wurden laut Stadt Karlsruhe alle Eltern mit Kindern unter drei Jahren. Dazu zählten alle Eltern, deren Kind am 21. Februar 2012 schon geboren und noch keine drei Jahre alt war. Sie haben einen Fragebogen erhalten. Neugeborene nach diesem Stichtag wurden nicht mehr berücksichtigt. Angeschrieben wurden demnach 6.850 Eltern beziehungsweise Alleinerziehende mit insgesamt 7.474 Kindern. 3.550 Eltern haben bisher den Bogen zurückgeschickt.

Fehlende Kitas, mangelnde Fachkräfte

"Fragebögen sind gut für die Bedarfsermittlung, sagen aber nichts über konkrete Lösungsvorschläge zur Bedarfsdeckung aus", sagt Unternehmer Schmitt. Ein Dialog zwischen Poltik und Eltern müsse bestärkt werden. Fehlende Kitas, mangelnde Fachkräfte: Die Kommunen alleine könnten das nicht schaffen, der Bedarf könne nicht alleine mit städtischen und kirchlichen Trägern abgefangen werden. "Die Politik muss daher Anreize schaffen, damit durch privatwirtschaftliche Initiativen Kinderbetreuung organisiert werden kann", findet Schmitt.

So müssten vorhandene Netzwerke besser genutzt werden. Mehrere mittelständische Betriebe könnten sich zum Beispiel zusammenschließen und gemeinsam einen Betriebskindergarten in ihrer Nähe betreiben, schlägt Schmitt vor. Doch auch dieser brauche eine breite Unterstützung durch die Politik. "Wir können es uns als Handwerksbetrieb nicht leisten alleine einen Betriebskindergarten zu unterhalten", so Schmitt.

Am Mittwochabend tagt der Jugendhilfeausschuss Karlsruhe unter der Leitung von Sozialbürgermeister Martin Lenz. Bei der Sitzung steht die Kinderbetreuung im Mittelpunkt. So stehen der weitere Ausbau von Plätzen für Kinder unter drei Jahren sowie der  Fachkräftemangel in Kitas auf der Tagesordnung. So sollen 120 neue Ausbildungsplätze für Erzieher in Karlsruhe geschaffen werden. ka-news ist vor Ort und wird im Laufe des Donnerstags von den Ergebnissen des Jugendhilfeausschusses berichten.

Beschlussvorlage "Ausbau Plätze in Tageseinrichtungen" im Wortlaut (Link führt zu PDF auf Seiten der Stadt)

Bundesfamilienministerium zum Krippenausbau

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