28  

Karlsruhe Grünes Licht für Lüpertz-Kunst: "Dieses Werk wird Karlsruhe spalten"

Es war eine hitzige Diskussion Karlsruher Gemeinderat: Am Dienstagabend mussten die Stadträte darüber entscheiden, ob Künstler Markus Lüpertz die Schöpfungsgeschichte im Majolika-Keramik an die Wände der unterirdischen Haltestellen bringen darf. Am Ende gab es mehrheitlich grünes Licht für das Vorhaben. Wirklich einig waren sich die Stadträte allerdings nicht.

Seit Wochen sorgt die Idee von Markus Lüpertz und dem ehemaligen Majolika-Chef Anton Goll in Karlsruhe für Diskussionen. Das Konzept von "Genesis - die sieben Tage des Herrn" sieht vor, in den unterirdischen Haltestellen der Kombilösung pro Bahnsteig auf Flächen von zwei Metern Höhe und 4,30 Metern Breite mit Keramik der Majolika nach der Schöpfungsgeschichte zu gestalten. Insgesamt 14 Kunstwerke, so der Plan, sollen dann für eine Dauer von sechs Jahren in den unterirdischen Haltestellen gezeigt werden. Am Dienstagabend macht der Karlsruher Gemeinderat den Weg für das Projekt frei. Zuvor gab es allerdings ordentlich Streit. 

Lüpertz-Kunst soll keine Rettungsaktion für Majolika werden

Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) versuchte im Vorfeld, die Wogen etwas zu glätten. "Es geht nicht darum, über eine neue Haltestellenkonzeption nachzudenken, sondern darum, ob man eine solche Initiative ermöglicht", betonte das Karlsruher Stadtoberhaupt. Die Lüpertz-Kunstwerke sollen nicht dauerhaft in den Haltestellen ausgestellt werden, zudem will die Stadt keine finanziellen Mittel beisteuern.

"Es handelt sich hier um eine Initiative, die von außen an die Stadt herangetreten ist und der Gemeinderat muss nun entscheiden, ob man das zulässt oder nicht", erklärte Mentrup - und stellte weiter klar: "Ob das am Ende klappt oder nicht, das ist heute nicht unsere Entscheidung, sondern das muss sich aus der Initiative heraus ergeben." Einen kleinen Seitenhieb auf den Initiator gab es vonseiten des Oberbürgermeisters für den Initiator: Mentrup bezeichnete die Initiative hinter dem "Genesis"-Projekt als semiprofessionell. 

Richtig sei auch, dass die Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK) in sechs Jahren Ausstellungszeit auf 30.000 Euro jährlich verzichten müssen. Diese Summe hält Mentrup für verkraftbar. Auch zu anderen Kritikpunkten äußert er sich: "Ich habe Verständnis dafür, dass jemand die Lüpertzsche Kunst, das Motiv und das Verfahren schwierig findet. Ich kann aber die Tiefe der Kritik, die hier aufgebaut wird, nicht nachvollziehen. Ich habe das Gefühl, dass mit kunsthistorischen Kanonen auf Spatzen geschossen wird." Auch sei das Projekt keine Rettungsaktion für die angeschlagene Majolika. 

"Ein großer Künstler unserer Zeit und aus unserer Stadt"

CDU-Stadtrat Albert Käuflein konnte die Aufregung nicht nachvollziehen. "Der Stadt Karlsruhe werden immer wieder Kunstwerke angeboten und wir entscheiden, ob wir es annehmen wollen oder nicht." Die Idee von Starkünstler Lüpertz stehe nicht im Widerspruch zum bestehenden Architekturkonzept. Die Frage, ob nicht auch andere Künstler die Haltestellen ausgestalten könnten, stelle sich nicht. "Wir müssen entscheiden, ob wir den Vorschlag annehmen", so Käuflein. Die CDU wollte das Geschenk annehmen- unter den genannten Bedingungen. 

Auch SPD-Stadträtin Elke Ernemann stellte sich hinter die Initiative. Lüpertz sei durchaus ein Künstler, der in der Vergangenheit für Diskussionen gesorgt habe, "aber er ist eben auch ein großer Künstler unserer Zeit mit Wurzeln in unserer Stadt." Zur Kritik am Verfahren erkläre Ernemann: "Eine Ausschreibung ist bereits erfolgt und die Stadt kann daher nicht neu ausschreiben." Wichtig war ihr aber auch, dass das Projekt rein privat finanziert werden soll: "Es darf keinen Cent finanziellen Zuschuss der Stadt geben. Werden die Summen nicht erreicht, ist das Projekt gescheitert." 

Die FPD-Fraktion, die Wählergemeinschaft "Gemeinsam für Karlsruhe" (GfK), die AfD  und die Freien Wähler zeigten sich ebenfalls von der "Genesis"-Idee überzeugt. "Ich sehe darin eine große Chance", so GfK-Stadtrat Friedemann Kalmbach, "es ist Kunst von einer großen Persönlichkeit." Ganz ähnlich sah das auch Stadtrat Jürgen Wenzel von den Freien Wählern: "Es wäre traurig,wenn wir so kleinlich sind, dieses Geschenk nicht annehmen zu wollen." AfD-Stadtrat Paul Schmidt freute sich darüber, dass Lüpertz das Motiv der Schöpfung gewählt habe. FDP-Stadtrat Tom Høyem wiederum verwies darauf, dass das Thema auch in den Aufsichtsräten der VBK und der Kasig sowie der Kunstkommission Thema war. 

"Realsatire" und "Gemauschel statt Transparenz"

Doch es gab auch -teils lautstarken- Widerstand gegen die Lüpertzsche Kunst im Karlsruher Gemeinderat. Für Renate Rastätter von den Karlsruher Grünen stellte sich hier vielmehr die Frage, wie Karlsruhe mit Kunst im öffentlichen Raum umgehen wolle. Es gebe ganz klare Regeln, an die sich alle halten müssten. "Der Gemeinderat kann sich nicht zum obersten Gestalter aufschwingen, sondern muss sich an den festgelegten Kriterien orientieren", kritisierte Rastätter. Neben der religiösen Thematik bemängelte sie aber vor allem das bislang noch fehlende Konzept. "Wir haben bislang nur Projektskizzen", so die Grünen-Stadträtin. Zu diesen hatte sie auch eine klare Meinung: "Das liest sich wie Realsatire!" 

Kult-Stadtrat Erik Wohlfeil schilderte, dass seine Fraktion zahlreiche Protestschreiben aus der Kunstszene erhalten habe. Er ärgerte sich, dass zugunsten des Kunst-Projekts Werbeflächen aufgegeben werden sollen: "Es gab kein öffentliches transparentes Verfahren, sondern Gemauschel", kritisierte er. "Dieses Werk wird die Karlsruher Gesellschaft spalten." Auch der Majolika tue man damit keinen Gefallen. "Ich kann nicht verstehen, wie es der Vorschlag überhaupt zur Gemeinderatsvorlage schaffen konnte", so Wohlfeil. 

Linken-Stadträtin Sabine Zürn bedauerte, "dass in keinster Weise so diskutiert wurde, wie wir uns das gewünscht haben." Die beiden Linken-Stadträte kündigten daher Ablehnung an. Der parteilose Stefan Schmitt sparte ebenfalls nicht an Kritik an Lüpertz und dem Vorhabe. "Es ist schon sehr bemerkenswert, dass man versucht, Lüpertz hier in der Stadt ein Denkmal zu setzen, ohne sich mit dem Kontext auseinanderzusetzen." Er kritisierte, dass die Majolika-Tafeln mit den biblischen Motiven präsent im Stadtbild seien. "In einem Museum kann ich entscheiden, ob ich das sehen will, im öffentlichen Raum kann ich das nicht. Eine private Initiative sollte nicht entscheiden, was Zehntausende jeden Tag sehen müssen."

Mehr zum Thema
Kombilösung Karlsruhe | ka-news.de: Baufortschritt, Mehrkosten, Sperrungen und Verzögerungen: Mehr Infos und Fotos von der Karlsruher Kombilösung finden Sie in unserem Dossier!
Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Unsere Sonderthemen
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (28)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
  •   reinermoysich
    (29 Beiträge)

    Lüpertz-Entscheidung spaltet und ist rechtswidrig.
    Stadträte haben die Pflicht, die Stadtgesellschaft zusammenzuführen statt zu spalten. Und obwohl bekannt war, dass Herr Lüpertz mit seiner Kunst überall für starken Unfrieden sorgt – sowohl unter Kunstexperten wie Bevölkerung –, haben die meisten Stadträte sich dennoch für Spaltung entschieden.

    Das Bundesverfassungsgericht hat alle staatlichen Gremien – also auch Gemeinderäte – die Pflicht auferlegt, bei seinen Entscheidungen sehr darauf zu achten, dass keine religiöse oder nichtreligiöse Weltanschauung bevorzugt oder benachteiligt wird. Das Lüpertz-Projekt „Genesis – Die sieben Tage des Herrn“ ist jedoch sehr klar ein spezifisch religiöses Projekt, welches die biblische Schöpfungsgeschichte thematisiert, welche sogar die katholische Kirche mittlerweile als falsch abgelehnt und stattdessen die wissenschaftliche Erklärung der Weltentstehung einschließlich Evolution ausdrücklich akzeptiert.

    Es gilt nun, alle rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, jene Entscheidung zu revidieren.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Dorlacher
    (20 Beiträge)

    Warum denn auch nicht?
    Allemal besser als irgendwelche doofen Werbetafeln.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   silberahorn
    (9292 Beiträge)

    Noch eine Frage
    hätte ich, nachdem ich die Internetseite der Initiatoren gesehen habe http://karlsruhe-kunst-erfahren.de/.
    Da steht: "Drei Gründe, die Markus Lüpertz dazu bewogen haben, die Anfrage von Oberbürgermeister Frank Mentrup nach einem einzelnen Kunstwerk in der U-Strab positiv aufzunehmen "

    Meine Frage also: Wer hat wen zuerst angefragt?

    Dann will ich mal hoffen, dass Lüpertz in seinem Arbeitseifer nicht noch das rosarostbraune Rathaus verkachelt. Obwohl ich das tatsächlich originell fände. Kacheln bis in den Rathaussaal, bis hin zu den Kacheln des Stadtgrundrisses. Ich kaufe dann eine Fliese mit einer Kuh und einem Esel.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   lynx1984
    (2687 Beiträge)

    das ist in der Tat eine
    sehr berechtigte Frage.
    So wie der Oberbürgermeister sämtliche Kritik weggebügelt hat, kann ich es mir gut vorstellen dass die Initiative vom Rathaus ausging und man 3 Fliegen mit einer Klappe schlagen wollte:
    - es soll vordergründig nix kosten (wird es aber durch Sponsoren wie den Stadtwerken, Werbeeinnahmenverzicht, ungeklärter Unterhalt, usw.)
    - der Majolika soll ein Millionenauftrag zugeschustert werden (deswegen müssen es Fliesen sein und kein anderes Material)
    - es soll Kunst mit irgendwas mit Karlsruhe sein, damit die U-Strab nicht nur 08/15 ist => also Lüpertz der sich dafür gerne vor den Karren spannen lässt, verdient ja schließlich auch daran...

    Warum man aber nicht zuerst einen Kunstbedarf in den Haltestellen formuliert, dann Künstler anspricht (Luigi Colani?!), dann überlegt welche Darstellungs/Kunstform ideal wäre, dann nach einer Finanzierung schaut... Das wäre transparent gewesen. So wie es jetzt ablief Mauschelei hoch 10!
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Strangeway
    (111 Beiträge)

    während der Mißbrauchsskandal der Domspatzen in allen Zeitungen steht...
    ..und der Finanzchef des Vatikans in Australien vor Gericht muss wegen Kindesmißbrauchs entscheidet der Karlsruher Stadtrat die U-Strab mit wirren Bibelkitsch auszustatten. das nennt man wohl politisches Fingerspitzengefühl
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Ozeiger
    (1328 Beiträge)

    Stell dir vor,
    nur weil in anderen Städten und Ländern wesentlich schlimmere Dinge passieren als hier bleibt auch in Karlsruhe die Welt nicht stehen.
    Es soll sogar Menschen geben die noch nie im Leben ein Auto gesehen haben und wir diskutieren hier über so profanes Zeug wie Umweltzonen und Gehwegparken anstatt uns mit der Abschaffung von Autos diesen Menschen anzupassen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  • unbekannt
    (427 Beiträge)

    Es geht um ÖFFENTLICHEN Raum
    und hinter den Kulissen wird gemauschelt was das Zeug hält. Das Motiv ist nicht zeitgemäß – nicht jeder gehört diesem Aberglauben an, der Produzent –VEB Majolika- kann sich in den Vordergrund rücken und die „Kunst“ wird von einem sog. Künstler aufgelegt, dessen größtes Kunstwerk in der Selbstübereinschätzung liegt. Hätte jemand gesagt Flächen werden freigehalten für Studenten der HfG – super Idee … aber so ist das unterirdisch … passt ja dann wieder.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   xXJeskoXx
    (65 Beiträge)

    Sprayer aufgepasst
    Hoffe die sprayer halten schonmal ihre flaschen griffbereit zum überpinseln
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   silberahorn
    (9292 Beiträge)

    Darf man fragen
    wie hoch das Honorar sein wird, wenn das Geld eingesammelt wurde?
    Bis zu dem Punkt, dass man bislang nur angefragt wurde und nun über etwas abstimmte, obwohl man es nicht genau kennt (bis auf das Thema), bis dahin habe ich es ja verstanden.
    Ich vermute: Später heißt es dann, dass der Stadtrat es genehmigt hat, etc. Man geht wohl davon aus, dass der Normalbürger schon nicht weiter nachdenken wird.

    "Kunsthistorische Kanonen auf Spatzen" ist auch ein nicht gerade charmanter Vergleich des OB, wenn man das so versteht, dass Lüpertz der Spatz ist. Dass er die Tiefe der Kritik nicht versteht, das ist mir allerdings klar. In den BNN stand ausgeführt, dass Herr Weibel auch das Verfahren der Vergabe des Grundstücks beim Bahnhof ansprach.

    Was wollen die jetzt eigentlich wirklich? Soll das Werk kommen, dann muss man wohl Geld zuschießen. Soll es nicht kommen, dann kann man das sofort ehrlich sagen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   silberahorn
    (9292 Beiträge)

    Ein Geschenk an die Stadt
    und das soll in der Fertigung ca. eine Million kosten, die man selbst einsammlte.
    Und wann erfährt man etwas über die einzelnen Posten der Gesamtkosten? Das darf man wahrscheinlich nicht erfragen, weil es ein Geschenk ist? Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.
    Das errinnert mich irgendwie an die Krawatten und Socken, die es vom Christkind gibt, obwohl man Unterhosen bräuchte.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten

Seite : 1 2 3 (3 Seiten)

Schreiben Sie Ihre Meinung
Ein neues Posting hinzufügen
Fett Kursiv Link Zitat
Sie dürfen noch Zeichen schreiben