3  

Karlsruhe Familien-Tragödien in Karlsruhe: "Keiner interessiert sich für die Kinder"

In einer traurigen Regelmäßigkeit vermelden die Pressestellen der Polizei Tötungsdelikte, bei welchen ein Familienmitglied ein anderes umbringt. Als Auslöser werden häufig Eifersucht, Trennung oder Scheidung genannt. Die Karlsruher Sozial- und Jugendbehörde hat ein Projekt gestartet, bei der die Folgen für die Kinder untersucht wurden.

Erst im November kam es in Wolfartsweier zu einer Tragödie, bei der alle Familienmitglieder ums Leben kamen. Ursache für die Tragödie war eine Verpuffung. Die Polizei vermutete, dass es sich dabei nicht um einen Unfall handelte. Für Aufsehen sorgte aber auch der Fall der verschwundenen und offenbar getöteten Vietnamesin aus Durlach, die zwei Kinder zurück lässt.

Wie sich die Hinterbliebenen einer Familientragödie fühlen, kann man als Außensteher nur schwer nachvollziehen. Die Karlsruher Jugend- und Sozialbehörde hat nun das Ergebnis einer Studie zu innerfamiliären Tötungsdelikten vorgestellt, die so in Deutschland einmalig ist. Im Rahmen des Projekts wurden Betroffene besucht und interviewt.

Debatte um häusliche Gewalt vergisst oft die Angehörigen

Das Projekt wurde von der Stiftung Deutsche Jugendmarke und der Stadt Karlsruhe finanziert. Bei der Debatte um familiäre und häusliche Gewalt gehe eines unter: "Niemand interessiert sich für die hinterbliebenen Kinder", weiß Frauke Zahradnik, die Leiterin des Kinderbüros der Stadt Karlsruhe und Verantwortliche für die Studie.

Ein Elternteil sei in den schlimmsten Fällen tot, das andere im Gefängnis. "Die Kinder stehen dann vor anderen Problemen, als die, deren Eltern beispielsweise bei einem Verkehrsunfall umkamen", so die Diplom-Sozialpädagogin weiter.

14 Fälle aus ganz Deutschland

Bisher habe sich nach ihren Beobachtungen keine Einrichtung aus der Sicht der Forschung an die Opfer gewandt. Unter anderem über Hilfeeinrichtungen, Frauenhäuser, Psychologen, Polizei und die Presse haben die Verantwortlichen der Studie versucht, Kontakt zu den Hinterbliebenen aufzunehmen.

Zu Beginn sei deren Resonanz eher gering gewesen, berichtet Zahradnik, doch im Laufe der Zeit hätten sich immer mehr Menschen gemeldet. So wurden in den vergangenen zwei Jahren insgesamt 14 inzwischen erwachsene Betroffene interviewt. Im Mittelpunkt der Berichte standen dabei die Taten und die Auswirkungen auf das weitere Leben der Kinder und Jugendlichen. 

Die Motivation der Betroffenen war dabei erkennbar: "Sie waren sehr froh, ihre Geschichte jemandem zu erzählen, der Interesse an der persönlichen Geschichte hat", so Zahradnik. Man habe auch bei Bedarf Kontakt unter den Betroffenen hergestellt, damit untereinander ein Austausch stattfinden kann.

Die Fälle liegen länger zurück, lassen aber dennoch Rückschlüsse zu

Die betrachteten Tötungsdelikte haben sich alle zwischen 1975 und 2008 abgespielt. In neun der Fällen tötere der Vater die Mutter, in zwei Fällen war die Mutter die Mörderin und in den restlichen zwei Fällen hat te der neue Partner den Mord begangen. Betroffen seien dabei alle Schichten, auch die aus dem besser situierten Umfeld, so die Leiterin des Kinderbüros.

"Da die Fälle schon weiter in der Vergangenheit liegen, hat sich im Umgang mit den Kindern seither schon einiges geändert", stellt Zahradnik fest. So seien die Kinder vormals, ohne Berücksichtigung der persönlichen Wünsche, einem Vormund aus der Verwandtschaft oder einer neuen Familie zugeteilt worden. Heute würde hier weit mehr auf die Bedürfnisse des Kindes eingegangen.

Bezugspersonen und professioneller Begleitung nötig

Als Ergebnis aus der Studie stellen die Verantwortlichen fest, dass die Kinder noch mehr als eigene Personen wahrgenommen werden sollten. Denn immer wieder seien nur die Täter und das direkte Opfer im Mittelpunkt der Betrachtung, erklärt Zahradnik.

Die Kinder und Jugendlichen bräuchten zudem eine feste Bezugsperson, die als Elternersatz fungieren kann. Dies können Verwandten, Lehrer, Pfarrer oder ähnliche Menschen sein, zu welchen die Kinder einen Kontakt pflegen. Weiter sollten auch mehr Beratung und psychotherapeutischen Angebote geschaffen werden.

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Unsere Sonderthemen
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (3)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
  •   silberahorn
    (9236 Beiträge)

    13.07.2016 08:31
    Wie geht das?
    Sie bekommen doch keinen anderen Namen, wie z.B. Leute in einem Zeugenschutzprogramm. Irgendwer weiß immer, wer die Familie ist. Und hinter dem Rücken Getuschel zu vermuten ist noch unangenehmer.

    Ich bin vor derlei zwar nicht betroffen, aber heute war in den BNN ein Bericht über Kinder, die Eltern im Gefängnis besuchen müssen.
    Die Thematik wie man mit belasteten Kindern umgeht ist ohnehin viel weitgreifender, als nur bei Tötungsdelikten und diese dann auch noch nur innerfamiliär. Warum man das so eingegrenzt hat weiß ich nicht.

    Untersucht werden muss doch auch einmal, was im Vorfeld an womöglichem Ämterversagen vorlag, bis jemand ausrastet und auch erweiterte Suizide vorfallen, bei denen Kinder umgebracht werden. Meist geht es nur um Unterhalt und Sorgerecht und Ungleichstellungen nach einer Trennung.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   silberahorn
    (9236 Beiträge)

    13.07.2016 08:40
    Das sollte unter avatar
    und die Meinung, dass eine andere Umgebung Schutz bei verbaler Sippenhaft gewährleistet.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Avatar
    (997 Beiträge)

    12.07.2016 19:46
    Vor allem sollten
    die Kinder in einer anderen Umgebung aufwachsen wo niemand die Geschichte der Familie kennt. Ständig darauf angesprochen werden oder sogar noch als Kind eines Mörders bezeichnet zu werden sorgt nicht unbedingt dafür, daß ein solcher Verlust und das damit einhergehende Trauma aufgearbeitet werden können.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
Schreiben Sie Ihre Meinung
Ein neues Posting hinzufügen
Fett Kursiv Link Zitat
Sie dürfen noch Zeichen schreiben