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28.03.2005 03:00
 
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Karlsruher in Nicaragua [0]

Puerto Cabezas/Karlsruhe pes -
Männer und ihre großen Messer
(Foto: Sebastian Erb)
Zwei Gebrauchsgegenstände, die unterschiedlicher nicht sein könnten, bestimmen das Alltagsleben: Machete und Plastiktüte. Während erstere ein vielfältiges Werkzeug ist, dient letztere in erster Linie dazu, weggeschmissen zu werden.
Statt in Deutschland Zivildienst zu leisten, ging ich, Sebastian Erb, nach Übersee, um für die Gemeinschaft tätig zu sein. Im Rahmen des "Freiwilligen Friedensdienstes" der Evangelischen Landeskirche in Baden lebe und arbeite ich für ein Jahr in Puerto Cabezas/Bilwi an der Karibikküste Nicaraguas. Während dieser Zeit berichte ich für ka-news über Land und Leute und sende auch meine ganz persönlichen Eindrücke nach Karlsruhe.

Neulich im Taxi: Eine Frau mittleren Alters tritt ans Autofenster und redet auf den Fahrer ein. Sie selbst will gar nicht mitfahren, hat aber einen wichtigen Auftrag. Der Fahrer möge doch bitte eine Sache an einem anderen Haus vorbeibringen. Es sei dringend. Es handelte sich um eine Machete. Was auf den ersten Blick etwas merkwürdig erscheinen mag, ist vollkommen normal. Die Machete ist wohl der wichtigste Gegenstand im Arbeitsalltag. Auf die Riesenmesser mag keiner verzichten. Jenseits des Ozeans gibt es wohl nichts vergleichbares.

Messer auch für Kinder

Es ist nichts außergewöhnliches, dass jemand mit einer Machete in der Hand mitten in der Stadt die Straße entlang läuft. Während man in Deutschland dafür inzwischen bestimmt schon einen Waffenschein braucht, lernen hier schon die kleinen Kinder damit umzugehen. Auch wenn die Frauen bei der Hausarbeit ebenso die Machete einsetzen, ist sie in erster Linie Männersache. Für die Bauern je nachdem sogar das einzige Arbeitsmittel (ka-news berichtete). Das Superwerkzeug schlechthin, die Klinge kann fast einen Meter lang sein.

Die "bolsa", die Plastiktüte gibt es in ganz verschiedenen Farben
(Foto: Sebastian Erb)
Die Anwendungsmöglichkeiten sind schier grenzenlos: Kokosnüsse aufhacken, Rasen mähen, Kühe zerlegen, Löcher graben, Bäume schneiden, Fische ausnehmen, undundund. Aber es gibt auch Grenzen. Als mir einmal jemand mit der Machete die Haare schneiden wollte, habe ich dankend verzichtet. Leider werden auch immer wieder Menschen mit einer Machete bedroht oder bei gewalttätigen Auseinandersetzungen verletzt.

Während eine gute Machete eine Anschaffung fürs Leben ist und dem Besitzer regelrecht ans Herz wachsen kann, ist es mit den Plastiktüten ganz anders. Sie sind weich, farbig, durchschimmernd und vergänglich. Alles, was sich packen, schütten oder stopfen lässt, landet früher oder später in einer Plastiktüte. Ob Reis mit Bohnen zum Mitnehmen, Erfrischungsgetränk mit Strohhalm oder das Brot beim Bäcker. Auch im Supermarkt werden sie natürlich eingesetzt. Grundsätzlich bekommt jedes Produkt sein eigenes kleines Plastiktütchen. Ganz egal, ob es auch ohne Probleme in die Handtasche oder sonstwohin passen würde.

Tragen, dann verbrennen

Sie sind für ein kurzes Leben geschaffen, die Tüten einfacher Ausstattung. Meistens dürfen sie nur ein paar Minuten dienen, dann kommen sie in den Müll. Zweitbenutzung ausgeschlossen. Im Klartext: Sie werden auf den Boden geschmissen oder vor dem Haus verbrannt. Auf Schildern wird zwar optimistisch verkündet "Wir wollen unsere Stadt sauber halten". Doch viel bringt das nicht. Abfall bestimmt das Stadtbild mit und scheint die Leute nicht weiter zu stören.

Bislang recht erfolgslos: "Eine saubere und gesunde Stadt" (Foto: Sebastian Erb)
Es gibt kein wirklich sinnvolles Konzept zur Müllentsorgung. Auch der Abfall, der von den städtischen Müllmännern eingesammelt wird, wird einfach so den Flammen übergeben. Das ist bestimmt so gesund wie es riecht. Für mich ist die Konsequenz klar: Müllvermeidung, wo es geht. Mit diesem eigentlich einleuchtenden Gedanken scheine ich ziemlich alleine dazustehen.

"Dieser junge Mann hat einen Rucksack"

Als ich im Supermarkt zum ersten Mal verkünde "No necesito bolsa" - Ich brauche keine Plastiktüte, komme ich mir vor wie ein Wesen von einem anderen Stern. Die junge Frau an der Kasse schaut mich schräg an und kommt sich bestimmt vor wie in einem falschen Film. Aber die Supermarktangestellten sind lernfähig, auch wenn ihnen meine Intention wahrscheinlich immer noch nicht so richtig klar ist.

Der Waren-in-die-Tüten-Einpacker kennt mich inzwischen. Mit einem breiten Grinsen richtet er jedes Mal die Sachen, die ich gekauft habe, auf einem kleinen Stapel zusammen und packt sie nicht in unzählige Plastiktüten. Wenn gerade ein neuer Kollege in der Nähe ist, erklärt er: "Dieser junge Mann hat einen Rucksack". Manch einer kann sich das Lachen nicht verkneifen. Aber das ist mir egal.

Die Macheten nehme ich auch lieber nicht in die Hand, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Ein abgehackter Finger ist wohl das letzte, das ich gebrauchen kann in einer Region, in der medizinische Versorgung entweder gar nicht zur Verfügung steht oder nicht dem gewohnten Standard entspricht. Außerdem können die Einheimischen sowieso viel besser mit dem Riesenmesser umgehen.

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