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16.01.2005 03:00
 
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Karlsruher in Nicaragua [0]

Puerto Cabezas/Karlsruhe pes -
Markt in Bilwi: Man spricht Miskito
(Foto: Sebastian Erb)
Spanisch ist nur eine Sprache neben vielen. In der nördlichen Autonomieregion hört man vor allem eine Sprache, die nur drei Vokale kennt und die Kultur prägt: Miskito.
Statt in Deutschland Zivildienst zu leisten, ging ich, Sebastian Erb, nach Übersee, um für die Gemeinschaft tätig zu sein. Im Rahmen des "Freiwilligen Friedensdienstes" der Evangelischen Landeskirche in Baden lebe und arbeite ich für ein Jahr in Puerto Cabezas/Bilwi an der Karibikküste Nicaraguas. Während dieser Zeit berichte ich für ka-news über Land und Leute und sende auch meine ganz persönlichen Eindrücke nach Karlsruhe.

Es ist ein Sprachenmix, der den Alltag in der Stadt bestimmt. Die meisten Einwohner sind mehrsprachig und so wechseln sie je nach Situation von Sprache zu Spache, oft auch mitten im Satz. Spanisch ist die Nationalsprache, kreolisches Englisch wird gesprochen und vor allem Miskito.

Schild in Bilwi: Mehrsprachigkeit bestimmt den Alltag (Foto: Sebastian Erb)
Sobald man Bilwi den Rücken kehrt und sich in die Dörfer der Region aufmacht, steigt die Bedeutung des Miskito stark an. Viele Menschen dort sprechen höchstens ein paar Brocken Spanisch.Die Angaben über die Zahl der miskitosprechenden Menschen insgesamt schwanken. Das hängt damit zusammen, ob nur die Muttersprachler oder alle, die die Sprache beherrschen, mitgezählt werden. Die Vereinten Nationen gehen von 160.000 Menschen aus, die sich in den verschiedenen Dialekten verständigen. Der Großteil von ihnen lebt in Nicaragua, eine Minderheit in Honduras.

Miskito, eine offizielle Sprache

Die Sprache Miskito gehört zur Sprachenfamilie Macrochibcha. Ein naher Verwandter ist das Sumo oder Mayangna, das auch in der Region gesprochen wird.Schon allein durch das Alphabet unterscheidet sich die Sprache vom Spanischen deutlich. Die Vokale e und o zum Beispiel kommen, wie auch einige Konsonanten, gar nicht vor. Die Grammatik ist eine ganz andere.

Seit im Jahre 1987 das "Statut über die Autonomie der zwei Regionen der Atlantikküste Nicaraguas" erlassen wurde, haben die traditionellen Sprachen der Einwohner dort einen offiziellen Status. Die Mehrsprachigkeit Nicaraguas wird anerkannt. So wird im öffentlichen Leben unter anderem auch Miskito gleichberechtigt dem Spanischen eingesetzt.

Adela Williams: "Miskito wird nicht aussterben" (Foto: Sebastian Erb)
"Bilinguale Bildung spielt eine wichtige Rolle", erklärt Adela Williams, Mitarbeiterin der in Bilwi ansässigen Filiale des "Zentrums für Erforschung und Dokumentation der Atlantikküste" (CIDCA), einer Einrichtung der Zentralamerikanischen Universität in Managua. Zumindest in den ersten vier Schuljahren wird vor allem an den Dorfschulen auch auf Miskito unterichtet. Auch an der Universität kann man seine Abschlussarbeit in Miskito vorlegen.

Reichlich Lehnwörter aus dem Englischen

Die Verschriftlichung der Sprache erfolgte erst spät. Maßgeblichen Anteil daran hatten die Missionare der Herrnhuter Brüdergemeinde, die Mitte des 19. Jahrhunderts Nicaragua erreichten und aus deren Arbeit später die Iglesia Morava hervorging. Sie brachten unter anderem ihr Gesangsbuch auf Miskito heraus. Zwar ist die Sprache heute recht gut erforscht, Wörterbücher und Grammatiken wurden geschrieben. Wirklich einheitliche Schreibweisen gibt es bisher aber nicht. Jeder schreibt mehr oder weniger so, wie er spricht oder schlicht wie es ihm gefällt.

Vor etwa fünf Jahren wurde eine Kommission ins Leben gerufen, die sich die Normierung der Sprache zum Ziel gesetzt hat. Schriftsteller, Sprachwissenschaftler und Lehrer wollen vor allem definieren, wie Neologismen in den Wortschatz eingegliedert werden sollen. Weiter sollen auch "unnötige" Wörter, die aus dem Spanischen und Englischen übernommen wurden, eliminiert werden. Wörter, die man nicht unbedingt braucht, weil sie auf Miskito durchaus existieren.

"Die Wichtigkeit der Sprache näher bringen"

Fremd- und Lehnwörter vor allem aus dem Englischen gibt es reichlich. Aus "fine" wurde "pain", "please" wandelte sich zu "plis" und zum Beispiel die Wochentage wurden fast unverändert übernommen. Zahlwörter kennt das Miskito zwar, benutzt werden sie jedoch kaum. Ihre Bildung ist schlicht zu kompliziert, so dass hier meist die englischen oder spanischen Wörter herhalten.

Eines der ersten Schriftstücke auf Miskito: Gesangsbuch der Iglesia Morava.
(Foto: Sebastian Erb)
Zeichnet sich hier so langsam das Ende einer Sprache ab, wie es weltweit jedes Jahr viele trifft? Adela Williams glaubt das nicht:"Miskito wird nicht aussterben." Wenn der linguistische Sensenmann die Sprache ins Jenseits befördern wollte, wäre das schon längst passiert, ist sie sich sicher. Das Miskito habe die Unterdrückung zur Zeit der Somoza-Diktatur und nach der Sandinistischen Revolution überlebt, "es kann alles überleben".

Dennoch sieht sie konkreten Handlungsbedarf. Viele Leute würden sich zwar auf Miskito unterhalten, nutzen sie aber nicht als Schriftsprache. Dementsprechend würden viele Menschen auch nicht auf Miskito lesen. Das liegt auch am schlichten Mangel an miskitosprachigen Büchern. Manche schämten sich auch, ihre Muttersprache zu gebrauchen und "einige denken einfach, dass Miskito nichts bringt", sagt Williams. So müsse man den Leuten "die Wichtgkeit der Sprache näher bringen".

In diese Richtungen gehen auch die Beobachtungen der 18-jährigen Juri. Ihr fällt auf, dass vor allem viele Leute, die aus den Dörfern stammen, in der Stadt verstärkt auf Spanisch zurückgreifen. Das findet sie nicht gut. "Wir sollten mehr unsere eigene Sprache benutzen. Das ist ein Teil unserer Kultur".Die sechsjährige Ofelia, die die Grundschule besucht, spricht kein Miskito. Ihre Muttersprache ist Spanisch und damit kommt sie im Alltag zurecht. Aber dennoch: "Es ist schon irgendwie recht schwierig, in einer Stadt zu leben, ohne die Muttersprache der Mehrheit zu können", meint sie.

Zumindest ein paar Wörter auf Miskito sollte auch jeder Ausländer kennen, "Latarawas" zum Beispiel. Damit macht man den Straßenkötern deutlich, dass sie abhauen sollen. Viele der Hunde verstehen nämlich kein Spanisch.

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