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Karlsruhe Karlsruher Honigmacher: Imkern mit Staatssekretärin Gisela Splett

Über 230 Imker, 1.400 Bienenvölker und 55 Millionen Bienen - und es werden immer mehr. Stadtimkern liegt in Karlsruhe voll im Trend. Auch Gisela Splett, Staatssekretärin im baden-württembergischen Verkehrsministerium, züchtet in ihrer Freizeit Bienen. Jedes Wochenende besucht sie ihre kleinen Tierchen in Grötzingen. ka-news war dabei und hat der Hobby-Imkerin zugeschaut.

Die Sonne scheint. An diesem Samstag hat es sogar 25 Grad. Einer der wenigen schönen Tage in diesem Jahr. Gisela Splett lässt ihre grüne Outdoor-Jacke dennoch an. "Sicher ist sicher", sagt sie, streift sich Schutzhandschuhe über und zieht den Imkerhut auf. Summende Bienen schwirren umher. Es sind die Bienen von Gisela Splett.

Auf ihrem Grundstück mitten in der Grötzinger Idylle züchtet die Staatssekretärin in ihrer Freizeit Bienen. Aus "Spaß an der Freude", wie die 46-Jährige sagt. Splett bezeichnet sich selbst als "Hobby-Imkerin". Vor drei Jahren hat sie mit dem Imkern angefangen, einen Anfängerkurs im Bienenzüchterverein Karlsruhe absolviert und ein Bienenvolk von einem Imker bekommen. Mittlerweile betreut sie fünf Bienenstöcke.

Eine Biene besucht am Tag 2.000 Blüten, fliegt rund 85 Kilometer

Bienensummen, Vogelgezwitscher und Schmetterlinge statt Debatten über Lärmschutz, Rheinbrücke und Verkehr: ein willkommener Ausgleich zum Stress im politischen Alltag. "Es hat etwas Beruhigendes den Bienen zuzuschauen und ihrem Summen zu lauschen", so die Grünen-Politikerin über ihr Hobby. Splett legt Holzspäne in einen Blasebalg, zündet sie mit einem Streichholz an. Es qualmt. Sie öffnet behutsam den Deckel eines Bienenstocks. Überall Bienen. Splett bläst Rauch hinein. Das soll die kleinen Tierchen beruhigen. Wurde sie denn schon einmal gestochen? "Im Schnitt jedes Jahr ein Stich. Einmal hat mich eine Biene mitten ins Gesicht gestochen, das war ziemlich schmerzhaft," erzählt sie. Aber eigentlich seien ihre Bienen friedlich. Und vor allem seien sie sehr nützlich.

Etwa 80 Prozent aller Obstbäume, Beeren- und Gemüsepflanzen werden von Honigbienen bestäubt. Sie sammeln dabei mit großem Fleiß Pollen und Nektar: Eine Biene besucht hierfür pro Tag bis zu 2.000 Blüten, fliegt rund 85 Kilometer täglich. Bienen leisten dadurch einen wichtigen Beitrag zur Sicherung der Ernten und Erhaltung der Wildflora. Denn ohne Bestäubung der Blüten gäbe es weder Obst, Blumen noch Gemüse.

Bienen in Lebensgefahr: Pestizide, Viren und Milben

Albert Einstein soll einmal gesagt haben: "Wenn die Biene stirbt, hat der Mensch noch vier Jahre zu leben." Auch wenn die Aussage ziemlich drastisch und plakativ formuliert sei, im Grunde habe er recht, findet Splett. "Durch ihre Bestäubungsfunktion hat die Biene für die Landwirtschaft und damit für die Ernährung der Menschen eine große Bedeutung", betont die promovierte Geoökologin. Daher sei es wichtig, dass für den Erhalt der Biene gekämpft werde. In Japan gebe es bereits Regionen, in denen keine Bienen mehr lebten, dort würden jetzt Menschen mit Pinseln die einzelnen Blüten bestäuben. "Das können wir ja nicht wollen", so Splett.

Doch Viren, die Varroa-Milbe und Gift machen den Tieren zu schaffen. Auch in Deutschland sterben immer wieder Bienen - teilweise in verheerendem Ausmaß. Besonders schlimm war das 2008 in der Region Oberrhein: Millionen Bienen starben. Imker und Umweltverbände machten den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft für das Massensterben verantwortlich. Mittlerweile haben wissenschaftliche Studien einen Zusammenhang belegt. Im April 2013 hat die EU-Kommission daher ein Verbot von Insektiziden aus der Gruppe der Neonicotinoide beschlossen. Diese stehen besonders im Verdacht die Biene zu gefährden. Ab Dezember dürfen sie nicht mehr eingesetzt werden. "Ein richtiger Schritt", findet Splett.

Splett hatte Idee zum "Regierungshonig"

Auch ihre Imkerei habe durchaus einen politischen Hintergrund, wie Splett verrät. Ihr Schlüsselerlebnis hatte sie zur Zeit des Bienensterbens. Splett war damals umweltpolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion. Eine Delegation von Imkern aus dem Elsass war in Stuttgart zu Gast und informierte dort über die Gefahren für Bienen durch Pestizide. Splett war schnell klar: "Hier muss etwas geschehen." Um der Biene eine politische Bedeutung zu geben schlug sie vor, Bienenstöcke auf dem Dach des Landtags zu platzieren - als symbolisches Zeichen. Doch ihr Vorschlag wurde vom damaligen Landtagspräsidenten Peter Straub (CDU) abgelehnt: Das sei zu gefährlich. Nach dem Regierungswechsel 2011 wurde ihre Idee wieder aufgegriffen. Im Auftrag des Landes sammeln daher seit zwei Jahren "Regierungsbienen" Nektar. Die Bienenvölker stehen im Park der Regierungszentrale Villa Reizenstein in Stuttgart. Im Juni 2012 wurde dort der erste Honig geerntet. Ministerpräsident Winfried Kretschmann verteilt den limitierten "Regierungshonig" als Gastgeschenk an Staatsgäste.

Splett beobachtet weiter das Gewusel in ihren Bienenstöcken. Hier wimmelt es nur so von schwarz-gelben Insekten. Im Sommer kann ein Bienenvolk aus bis zu 50.000 Bienen bestehen. Doch es herrscht Ordnung im scheinbaren Chaos. "Es gibt eine klare Aufgabenverteilung der anfallenden Arbeiten, Bienen kommunizieren viel", so Splett. So kümmern sich die Arbeitsbienen entweder um die Brut und den Nachwuchs, sammeln Nektar und Pollen, produzieren Waben oder bewachen den Eingang. "Es fasziniert mich, wie die kleinen Tierchen organisiert sind."

Bienenvolk: Vorbild für Demokratie

Ein Bienenvolk sei zudem "höchst demokratisch". "Das Volk entscheidet, wann es eine neue Königin möchte. Dann wird die alte verjagt und einen neue aufgebaut", weiß Splett. Die Königin ist das einzige fortpflanzungsfähige Weibchen im Staat. Die Drohnen wiederum, die männlichen Bienen, haben vor allem eine Aufgabe: die Königin begatten. Doch der Bienensex findet nicht im Bienenstock statt. Hierfür verlasse die Königin ihr Volk und fliege zu einem sogenannten "Drohnentreff", wie Splett erläutert. Dort - beispielsweise an einem Baum - warten die Drohnen, die übrigens keinen Stachel besitzen, auf die Königin für den Begattungsakt. Doch die Königin ist wählerisch, fliegt nicht zum nächsten Drohnenetreff, "um Inzucht zu vermeiden", so Splett. Hat ein Bienenvolk keine Königin, gibt es keine befruchteten Eier und damit keine weiblichen Nachfahren. Denn aus der unbefruchteten Brut werden Drohnen. Und wenn nur männliche Bienen heranwachsen, dann ist das Volk dem Untergang geweiht.

"Schauen Sie, die Bienen kommen mit Pollen zurück", sagt Splett. Das sei ein gutes Zeichen: es gibt Nachwuchs. Denn Pollen sind die Nahrung für die Brut. Nektar indes ist die Nahrung der Bienen - und der Honig des Menschen. Im vergangen Jahr haben die Bienen der Staatssekretärin 40 Kilo Honig eingebracht. Dieses Jahr werde aufgrund des schlechten Wetters kein gutes Erntejahr, vermutet Splett.

In guten Jahren kann ein einziges Bienenvolk 50 bis 60 Kilo Honig produzieren. Für ein 500-Gramm Honigglas müssen die Bienen eine Strecke von etwa 120.000 Kilometer zurücklegen - also dreimal um die Welt fliegen. Den eigenen Honig verschenkt Splett an Freunde, Verwandte und Mitarbeiter. Auch wenn Splett den Honig nicht kommerziell vertreibt, anmelden musste sie sich beim Regierungspräsidium dennoch. "Ich habe eine Betriebsnummer. Ich bin ein kleiner landwirtschaftlicher Betrieb", so die Staatssekretärin.

Stadthonig vs. Landhonig

Aber wie schmeckt der Karlsruher Stadthonig? "Der Stadthonig ist durchaus mit dem Landhonig konkurrenzfähig", meint Splett. Der Vorteil in der Stadt: hier wachsen viele verschiedene blühende Pflanzen und Obstbäume in Parks, Gärten, Wäldern oder auf dem Balkon. Häufig gebe es in der Stadt mehr Vielfalt als beispielsweise auf dem Land, wo mittlerweile sehr viel in Monokultur angebaut werde. Außerdem würden in der Großstadt keine Pestizide in der Menge ausgebracht wie auf dem Land. Und Rückstände von Autoabgasen ließen sich im Honig auch nicht nachweisen.

Das bestätigen auch wissenschaftliche Studien. Mira Maniyar, Geoökologin am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), hat Bienen und Bienenprodukte untersucht. Über die Lebensmittelqualität des Stadthonigs sagt sie gegenüber ka-news: "Er kann unbedenklich gegessen werden. Vorgegebene Grenzwerte der Lebensmittelverordnungen werden nie erreicht und die Gehalte liegen zum Teil auch unter der Nachweisgrenze. Größere Partikel werden nicht im Honig eingelagert, da die Honigblase der Bienen als Partikelfilter fungiert." Generell finde man in Stadthonig nur leicht erhöhte Werte an Schwermetallen oder PAK (Polycyclische Kohlenwasserstoffe), also Stoffe, die in städtischen Gebieten in höherer Konzentration vorkämen.

"Aber ein 'Landhonig', der von einem Stock in der Nähe einer viel befahrenen Straße oder Industrieanlage steht, kann diese Charakteristika auch aufweisen. Ein größeres Problem haben ländliche Standorte, die im Bereich intensiver Landwirtschaft mit Pflanzenschutzmitteleinsatz stehen. Diese Stoffe reichern sich sehr häufig in der Umwelt an und können unter Umständen auch im Honig nachgewiesen werden. Städtische Grünflächen werden selten mit dieser Menge an Pestiziden behandelt", so die Bienenforscherin.

Karlsruhe hat eine wachsende Imkerszene

Splett ist nicht die einzige Imkerin in Karlsruhe. Hier gibt es derzeit über 230 Imker. Die Karlsruher Honigmacher betreuen etwa 1.400 Bienenvölker und damit rund 55 Millionen Bienen. Jeder fünfte Bienenstock steht übrigens in Baden-Württemberg. Und es werden immer mehr. "Imkern ist in", sagt Martin Schucker, zweiter Vorsitzender des Bienenzüchtervereins Karlsruhe, im ka-news-Gespräch. "Wir haben einen enormen Zulauf."

Seit 2007 bietet der Verein Anfängerkurse für künftige Imker an. "Im ersten Jahr waren es 17 Teilnehmer, im aktuellen Kurs sind es 47", so Schucker. Der Kurs sei ein "Selbstläufer" geworden und mittlerweile jedes Jahr ausgebucht. Auch habe der Verein eine Verjüngungskur hinter sich. "Vor 20 Jahren waren im Verein hauptsächlich Rentner, derzeit sind auch viele junge Leute dabei", so der Imker. Der Altersdurchschnitt im Verein liege aktuell bei etwa 40 Jahren. Die jüngsten Mitglieder seien 8 Jahre alt.

Ein Trend, den auch auch die Grünen im Karlsruher Gemeinderat unterstützen wollen. Sie wünschen sich eine bessere Förderung der Stadtimkerei. In einem Antrag bitten die Grünen (Link führt zu PDF auf Webseite der Stadt) daher die Stadtverwaltung um Ausweisung und öffentliche Bekanntmachung geeigneter Flächen im Stadtgebiet, auf denen Bienenvölker aufgestellt werden dürfen. "Wenn die Stadt die Zahl der Grünflächen erhöht, in denen natürliche Blumenvielfalt, Nisthilfen und Wasserstellen angeboten werden, so kommt das nicht nur den Honigbienen, sondern allen Nektar liebenden Insekten zu Gute", finden die Stadträte. Dem Anliegen ihrer Parteifreunde pflichtet Hobby-Imkerin Gisela Splett bei: "Imkern ist ein tolles Hobby, macht Spaß und hilft der Natur."

Weitere Infos zum Bienenzüchterverein Karlsruhe unter www.bienenzuechterverein-karlsruhe.de

Mehr zum Thema Bienen und Imkern:

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  •   Laetschebachschorsch
    (2780 Beiträge)

    Bienen als Vorbild?
    Soviel mir bekannt ist, werden die Drohnen, also die Männchen, nach getaner Befruchtung der Königin abgestochen und aus dem Bau geworfen - Kein gutes Vorbild - nur für manche Weibchen. traurig
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  • unbekannt
    (446 Beiträge)

    Ziemlich
    perverse Art Mensch, diese Imker. Versklaven ganze Kolonien für den eigenen finanziellen Profit und begründen ihren Einschnitt in die Natur dann auch noch fadenscheinig mit Arterhalt, einer der größten Lügen in der Geschichte der Selbstregulierung jeder Spezies.
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  •   ALFPFIN
    (5594 Beiträge)

    Pro Bienen -----welche Zweibeiner,
    die männlichen oder die weiblichen? grinsen
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  •   Gelbsocke
    (3905 Beiträge)

    Bei
    den Imkern in meiner Umgebung war ein besorgniserregender Schwund zu vermerken.

    Auch wenn die Tierchen nerven können, ich kille keine.
    Ich bin ob der Bienenseuchen immer noch in Besorgnis.

    PRO BIENEN! grinsen
    Ich mein die Tierchen!
    Naja, die Zweibeiner natürlich auch zwinkern
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  • unbekannt
    (10716 Beiträge)

    Schwund? Waren sicherlich Pestizi.de am Werk. zu 99,99%
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