8  

Karlsruhe Karlsruher Experte über Hitler-Buch: "Es soll und muss an die Öffentlichkeit"

Vergangenen Freitag erschien die kommentierte Fassung Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf" im Buchhandel. Innerhalb kurzer Zeit war die Erstauflage von 4.000 Exemplaren bereits ausverkauft, insgesamt 15.000 Bestellungen gingen im Voraus ein. Birgt das Gefahr für die Öffentlichkeit? Rolf-Ulrich Kunze, Professor für Neuere und Neuste Geschichte am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), hat eine eindeutige Meinung.

Herr Kunze, das Institut für Zeitgeschichte in München hat eine kritische Edition von Hitlers "Mein Kampf" veröffentlicht. Die geringe Auflage war blitzschnell vergriffen. Wie sehen Sie den Ansturm auf das Buch, sind Sie darüber überrascht oder war das große Interesse zu erwarten?

Das große Interesse überrascht nicht. Es besteht eine gewisse, für den Zeithistoriker herausfordernde, "Hitler-Fixierung". Gleichzeitig gibt es auch eine problematische - weil unbegründete - Faszination, die von dem zweiteiligen Buch ausgeht. Das hat geschichtlichen Hintergrund. Das hat auch einen Grund darin, dass bisher keine wissenschaftlich-kritische Edition verfügbar war, sondern nur das nichtkommentierte Original. Jetzt gibt es dementsprechend einen massenhaften Ansturm auf das Buch. Aber kaum etwas dürfte sich so schnell von selbst entzaubern wie dieser Text.

Wie schätzen Sie die Veröffentlichung der kommentierten Fassung Hitlers "Mein Kampf" ein: Ist es richtig, dass das Buch in dieser Form an die Öffentlichkeit kommt oder sehen Sie die Veröffentlichung eher kritisch?

Hitlers "Mein Kampf" zeichnet sich über weite Teile durch seine Sprödigkeit, Unlesbarkeit und Lächerlichkeit aus. Die kritische Edition und umfassende Kommentiereung des Instituts für Zeitgeschichte in München beruht auf jahrelangen Forschungen. Es soll und muss an die Öffentlichkeit, denn es dient schlichtweg der Entzauberung. Wer "Mein Kampf" liest, merkt schnell, was für ein Giftcocktail das ist. Die umfassenden Erläuterungen helfen dabei, genau das aus dem Kontext der Entstehungszeit zu verstehen. Hier gilt: Selbst lesen schützt vor Legenden.

Wie sehen Sie die kritischen Stimmen zur Veröffentlichung?

Als Zeithistoriker kann ich gar nicht anders, als mich für die kritische Neuveröffentlichung zu interessieren. Gleichwohl habe ich Verständnis dafür, dass NS-Opfer sich dadurch verletzt fühlen. Als Opfer des Zivilisationsbruchs würde ich das auch so sehen. In meiner Rolle als Zeithistoriker habe ich jedoch eine andere Sicht: So wie ein Arzt sich nicht vor Krankheiten fürchten darf, muss ich als Historiker im Sinne der Aufklärung eine professionelle Perspektive darauf haben.

Sollte das Buch Ihrer Meinung nach als Unterrichtsmaterial an Schulen und Universitäten behandelt werden?

Für jeden Zeithistoriker ist es ein wichtiges Lehrmittel und ich befürworte die Verwendung als Unterrichtsmaterial. Wer sich über die Zusammenhänge von Hitlers Weltanschauung informieren möchte, dem empfehle ich die kritische Arbeit des Stuttgarter Zeithistorikers Eberhard Jäckel "Hitlers Weltanschauung" von 1981.

Wird das Buch in der KIT-Bibliothek für Studierende verfügbar sein?

Ich werde die Anschaffung des Buches für die Bibliothek des KIT beantragen. Vermutlich wird das aber nicht nötig sein, da ich davon ausgehe, dass es ohnehin fest für den Bücherbestand für die Studierenden eingeplant ist.

Die Fragen stellte Lydia Bilharz.

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Unsere Sonderthemen
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (8)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!