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Karlsruhe KSC-Randale: "Mit Abstand das heftigste, was ich im Wildpark erlebt habe"

Die seelischen Wunden vieler KSC-Fans sind nach dem Abstieg vor genau einer Woche sicherlich noch nicht alle verheilt. Doch Zeit zum Trauern blieb kaum, die Sicherheitsfrage in den Stadien überstrahlte das Sportliche nachhaltig. Nach den Relegationsspielen entbrannte eine Diskussion darüber, wie man mit der zunehmenden Gewaltbereitschaft in den Stadien umzugehen habe. ka-news sprach mit dem Leiter des Karlsruher Fanprojektes, einem Schiedsrichter und der Polizei über Gewalt, Sicherheit und Pyrotechnik im Fußball. Eines wird schnell klar: Eine Lösung scheint in weiter Ferne.

76 verletzte Personen alleine in Karlsruhe und ein beinahe abgebrochenes Relegationsrückspiel in Düsseldorf, das zudem von zahlreichen Leuchtraketen und Bengalischen Feuern begleitet wurde - so die Bilanz der vergangenen Woche.

Polizei gegen Pyrotechnik: "Wir wollen nicht Spielverderber sein"

Für die DFL und den DFB Grund genug, neue Gespräche über die Sicherheit in den deutschen Stadien zu führen. Das sei auch höchste Zeit, sind sich der Leiter des Fanprojekts, Volker Körenzig, Schiedsrichter Marcel Göpferich und der Polizeieinsatzleiter beim KSC, Martin Plate, einig. Das Problem liege nicht nur bei einzelnen Fans einiger Vereine, sondern sei ein bundesweites und generelles Fanproblem, das in den Griff bekommen werden müsse. "Alle Akteure müssen Lösungen erarbeiten und entsprechende Maßnahmen konsequent durchziehen", so Polizist Plate im ka-news-Gespräch.

Doch das war es dann auch schon mit der Einigkeit. Denn während der Polizist und der Schiedsrichter gegen die Legalisierung von Pyrotechnik im Stadion sind, bemängelt Körenzig den Umgang des DFB mit den Fans. Darin sieht er auch einen Grund für die Eskalationen im deutschen Profifußball. Der Leiter des Fanprojekts sieht bei richtiger Anwendung von Pyrotechnik weniger Gefahren, als bei einem illegalen Abbrennen. "Ein Abbrennen vor beziehungsweise nach dem Spiel oder in der Halbzeit in gesonderten Bereichen durch spezielle Verantwortliche ist möglich, natürlich in Absprache mit Vereinen, der Feuerwehr und Polizei", so der Fanprojektleiter.

Das sieht Martin Plate, Polizist und Einsatzleiter im Wildpark, anders: "Wir wollen nicht Spielverderber sein, aber eine Legalisierung von Pyrotechnik und anderen Mitteln ist momentan nicht durchführbar. Pyrotechnik ist gefährlich." Wegen der Sprengstoffgesetze, die den Gebrauch von Pyrotechnik verbieten oder stark einschränken, sei eine Ausnahmegenehmigung ohne Bedenken derzeit nicht möglich.

Legalisierung der Pyrotechnik: Fans suchen mediale Aufmerksamkeit

Auch Marcel Göpferich, seit 15 Jahren Schiedsrichter und aktuell in der 3. Liga und als Assistent in der 2. Bundesliga im Einsatz, sieht keine Zukunft für Pyrotechnik im deutschen Fußball. Er betrachtet derzeit eher den Schaden, den die Ausschreitungen für den ganzen Fußball bedeuten. "Fliegende Becher und Feuerzeuge sind ja an der Tagesordnung", so der Schiedsrichter aus Bretten gegenüber ka-news. Aber was seit geraumer Zeit in den deutschen Stadien abgehe, sei deutlich schlimmer. "Die Gefahr besteht immer, dass auch Unbeteiligte einbezogen werden."

Dass die Situation derzeit so sei, begründe sich auch durch den Umgang des DFB mit den Fans, so Körenzig vom Fanprojekt, das er seit 1997 betreut. "Die Gewaltbereitschaft der Fans verlagert sich. Nicht mehr die Gästefans, sondern die Polizei, die Ordnungsämter und der DFB stehen im Mittelpunkt." Da die Pläne und Gedanken von 50 - teilweise verfeindeteten - Fangruppen zur Pyrotechnik im Stadion vom DFB einfach so verworfen wurden, habe der Problematik weiter zugetragen. Die Fans suchten deshalb in größerem Maße die mediale Aufmerksamkeit, ist sich Körenzig sicher.

Einsatzleiter Plate sieht dieses Problem auch und bestätigt seinerseits, dass die Gespräche um die Legalisierung von Pyrotechnik nicht glücklich verlaufen seien. Die Fans seien mit großer Hoffnung auf Erfolg in die Diskussion gegangen, die dann bei genauerer Betrachtung der Umstände sofort genommen werden musste, da eine rechtliche Grundlage nicht gegeben sei.

Für den Einsatzleiter beim KSC ist es nun notwendig, dass "die Sicherheit in den Mittelpunkt gerückt werden muss." Und bei einer Legalisierung bengalischer Feuer und Co. sei diese nicht gewährleistet. "Eventuelle Rauchvergiftungen und die Temperaturen von Pyrotchenik deutlich jenseits der 1.000 Grad machen ein legales Abbrennen nicht möglich." In Karlsruhe käme zudem erschwerend hinzu, dass die Gegentribüne aus Holz sei. Zudem - nach den Geschehnissen der vergangenen Saison - sieht der Beamte für eine Lockerung keine Gründe. Man müsse eher über das Gegenteil nachdenken.

Körenzig: Klare Minderheit der KSC-Fans befürwortet die Ausschreitungen

Selbst wenn die Regelungen gelockert würden, werde es weiterhin nicht genehmigte Zündungen geben, ist sich Plate sicher. Denn wie die letzte Zeit gezeigt habe, reichen die aktuellen Maßnahmen nicht aus. Sanktionen müssten von Vereins- und Ligaseite konsequenter durchgezogen werden. "Repressionen und Sanktionen sind aber natürlich nicht das einzige Mittel, wir müssen auch mit den Parteien Gespräche führen." Ein Abmildern der Geschehnisse sei hierbei nicht angebracht, so Plate weiter im Gespräch mit ka-news.

Eine Aufbereitung der Vorkommnisse im Wildpark von letzten Montag gab es zwischen Polizei, KSC und dem Fanprojekt bereits, so Körenzig. Einsatzleiter Plate stellt zudem die Frage in den Raum, ob die Vereine nicht mehr in die Verantwortung genommen werden müssten. "Die Botschaft muss kommen: Bin ich als Verein auf solche Fans angewiesen, die so etwas machen?"

Auch innerhalb des Fanprojekts wurde diskutiert. Die Mitglieder kamen zur Überzeugung, dass die Reaktionen nach Schlusspfiff nicht entschuldbar seien - vor allem die Geschehnisse an der Geschäftsstelle. "Viele waren erschüttert", beschreibt Fanbetreuer Körenzig die Reaktionen nach den Krawallen. In den verschiedenen Kreisen vernimmt er jedoch unterschiedliche Haltungen der KSC-Fans. "Es ist aber ganz klar eine Minderheit, die das Geschehene befürwortet. Viele Fans sowie das Fanprojekt zeigten im Nachhinein die Einsicht, dass so etwas nicht passieren darf." Alle Beteiligten müssten nun, auch wenn man sich nicht in allen Fragen einig sei, an die Vernunft der Fans appellieren. "Die Art und die Länge der Ausschreitungen waren mit Abstand das heftigste, was ich bei einem KSC-Heimspiel bisher erlebt habe", so Körenzig gegenüber ka-news.

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