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Bretten Homosexuelle, "Asoziale", "Bibelforscher": Brettener besucht KZ-Überlebende

Der Brettener Historiker und Theologe Christian Steidle besucht seit mehr als vier Jahren Überlebende nationalsozialistischer Konzentrations- und Vernichtungslager. Dabei beschäftigt sich der Doktorand vor allem mit Opfern, die eher in Vergessenheit geraten sind: Homosexuelle, "Asoziale", Jehovas Zeugen, politische Häftlinge, oder Geistliche. ka-news-Redakteurin Tabea Rueß hat Steidle zum Interview getroffen.

Herr Steidle, jeder Fünfte unter 30 Jahren kann laut einer Forsa-Studie nichts mehr mit Auschwitz anfangen. Sie hingegen beschäftigen sich Tag für Tag mit den Verbrechen der Nazidiktatur. Was erleben Sie, wenn Sie Holocaust-Überlebende besuchen?

Um es mit den Worten des Autors und Filmemachers Claude Lanzmann auszudrücken: "Um zu erzählen, was sie (die Überlebenden) gesehen und erlebt hatten, mussten die Leute den höchsten Preis bezahlen: 'revivre' - nochmals erleben. Dies ist der Preis der Wahrheit." Und diese Wahrheit wollte ich erkunden. Viele Überlebende sind ihrer Erinnerungen überdrüssig, andere erzählen äußerst gerne - vor allem teilen sie sich gerne jüngeren Menschen mit. Es ist aber grundsätzlich sehr unterschiedlich, was den Menschen in den Lagern widerfahren ist. Manche Gefangene haben Gräber für die Leichenberge ausgehoben, andere waren als Näherinnen beschäftigt - alle sind traumatisiert. Das ist das Komplexe an "Oral History", es gibt keine Bewertungsskala, nach der man das Erlebte einstufen könnte.

Sie beschäftigen sich vor allem mit Häftlingsgruppen, die in Vergessenheit geraten sind. Welche Menschen sind das?

Homosexuelle, "Asoziale", Jehovas Zeugen, die im Dritten Reich als sogenannte "Bibelforscher" in die nationalsozialistischen Konzentrationslager verschleppt wurden, Geistliche sowie Häftlinge, die ihrer politischen Gesinnung wegen in die Konzentrationslager deportiert wurden. Nicht zu vergessen die Gruppe der geistig Behinderten und psychisch Kranken. Die meisten Menschen wissen heute, dass Juden oder Sinti und Roma verfolgt und vernichtet wurden, viele andere Gruppen sind jedoch weniger bekannt. Das Tragische dabei ist, dass sich langsam ein Schatten über die Erinnerungen der letzten Überlebenden senkt - denn es gibt kaum noch Überlebende. Aus diesem Grund habe ich in den letzten Jahren versucht, so viele wie möglich zu besuchen, um die Erinnerungen zu bewahren. Dafür bin ich nicht nur quer durch Deutschland, sondern auch nach Frankreich, Österreich, Polen, in die Schweiz und in die Vereinigten Staaten gereist. Die Erinnerungen der Überlebenden möchte ich im Rahmen meiner Forschungsarbeit später an Schulen weitertragen.

In welcher Form?

Zum Beispiel ist es eine einmalige Gelegenheit für Schulen, sich einen Zeitzeugen einzuladen. Viele Lehrer vermitteln diesen Abschnitt der Geschichte nach meinem Dafürhalten viel zu einseitig. Zum Beispiel hört man im Geschichtsunterricht fast immer von den großen Konzentrationslagern wie Auschwitz, Buchenwald oder Dachau. Kleinere, weniger bekannte Neben- und Außenlager, die mit dem Konzentrationslager Vaihingen Enz, dem KZ Leonberg bei Stuttgart, dem KZ Kislau bei Mingolsheim, oder einem Außenlager des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof in Oberderdingen als "KZ vor unserer Haustür" übrigens auch in unserer Region existierten, geraten dabei meist in Vergessenheit. Ich würde mir wünschen, dass die Schüler diesbezüglich regionalgeschichtliche Spurensuche vor Ort betreiben und eben auch andere verfolgte Gruppen der Nazidiktatur kennen lernen - wie beispielsweise die Häftlingsgruppe der Homosexuellen oder der "Asozialen".

Wer galt denn im Dritten Reich als "asozial"?

Zum Beispiel Wohnungslose, Prostituierte, Bettler, Alkoholiker, Herumtreiber, Arbeitslose oder "Arbeitsscheue".

Was glauben Sie, warum viele Jugendliche sehr wenig über den Holocaust wissen?

Dieser Teil der deutschen Geschichte schwebt wie ein Damoklesschwert über uns. Viele haben sicherlich keine Lust mehr, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dazu haben in den letzten Jahrzehnten auch eine "Zeigefingerpädagogik" und eine "Schlussstrichmentalität" beigetragen. Die Last der Schuld wurde dabei stark thematisiert - die jungen Leute wollen aber mit den "Verbrechen der Großeltern" nichts mehr zu tun haben. Darüber hinaus findet nicht nur an Schulen, sondern auch im Elternhaus oftmals zu wenig kritische Aufklärung statt; Desinteresse, Ignoranz oder ein systematisches "sich blind stellen" leisten ebenfalls ihren Beitrag zu einer stiefmütterlichen Behandlung der Thematik. Jedem sollte jedoch klar sein, dass so etwas wieder passieren kann, und wir es deshalb nicht vergessen dürfen. Erinnerungsstätten müssen die Erinnerung anschaulich machen, Schulen müssen die Geschichte greifbar vermitteln.

Aus diesem Grund müssen neue Wege gefunden werden, das zu vermitteln, es bedarf neuer Anstöße und Impulse, kurzum: Es bedarf im Umgang mit der Thematik neuer didaktischer Konzepte, die den Dialog, das Gedenken und die Erinnerung aufrecht erhalten und fördern. Aktuell wächst eine Generation ohne Vorurteile oder persönliche Verwicklungen in diesen Themenkomplex auf. Gerade junge Menschen müssen zu Auseinandersetzung und Dialog mit dem Vergessenen angeregt und ermutigt werden. Sie sind es, die unvoreingenommen nach Opfern, Tätern, nach Verantwortung und Schuld fragen und sich kritisch äußern können.

In den letzten Jahren ist dennoch die Öffentlichkeit aufmerksam geworden auf Einzelschicksale, mit denen auch Sie sich beschäftigen. Ist das nicht ein positives Signal?

In der Tat - allerdings sind einige Opfergruppen viel zu lange in Vergessenheit geraten. Jetzt sind sie sozusagen ein "Auslaufmodell", weil sie schlicht sterben. Immer dann entsteht in der Öffentlichkeit und auch in der Forschung ein "Hype", diese Stimmen einzufangen. Ich habe zum Beispiel einen homosexuellen Zeitzeugen besucht, der als der letzter homosexuelle KZ-Überlebende galt - vergangenes Jahr ist er gestorben.

Kann man sich denn auf die Erinnerungen nach mehr als 65 Jahren noch verlassen?

Das ist immer schwierig zu beurteilen, denn die menschliche Erinnerung ist unzuverlässig, Details können vermischt, überschrieben, oder auch hinzugefügt worden sein. Man spricht in diesem Zusammenhang von "konstruierten Erfahrungssynthesen".

Was nehmen Sie persönlich aus ihrer Forschungsarbeit mit?

Es ist unheimlich wichtig, dass wir uns gemeinsam gegen jegliche Form von Diskriminierung, Intoleranz und Rassismus empören und uns der Stigmatisierung und Marginalisierung von Randgruppen widersetzen. Nur so gelingt es, dass der alle Opfergruppen verbindende Aufschrei "NIE wieder" nicht in Vergessenheit gerät.

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