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Heroin-Abgabe: Karlsruhe als beharrlicher und erfolgreicher Vorreiter!

Gestern am späten Nachmittag zwischen exakt 17.43 und 17.46 Uhr fand das statt, worauf viele in Karlsruhe seit Monaten und fast schon seit Jahren gewartet hatten. Im Plenum des Deutschen Bundestags im Reichstag in Berlin wurde namentlich über das Gesetz zur diamorphingestützten Substitutionsbehandlung abgestimmt. Am Abend war es klar: die freie Abstimmung ergab eine überdeutliche Mehrheit für die staatliche Abgabe von Heroin.

Nach jahrelangem Streit ist der Weg zur staatlichen Abgabe von künstlichem Heroin an Abhängige bundesweit frei. Ohne Fraktionszwang beschloss der Bundestag gestern mit 349 Jastimmen bei 198 Gegenstimmen und drei Enthaltungen einen von der SPD initiierten Antrag. Der Gesetzentwurf wurde von der Opposition unterstützt. Die Mehrheit der Union lehnte den Entwurf dagegen ab – bei einzelnen Abweichlern. Direkt betroffen: die Stadt Karlsruhe, in der seit 2002 erfolgreich ein Modellversuch lief, der schwerstabhängigen Heroinsüchtigen zu einem einigermaßen menschenwürdigen Leben verhelfen kann.

Alle Karlsruher Abgeordneten stimmten für die heroingstützte Behandlung

"Endlich", so entfuhr es gestern einer leitenden Ärztin der AWO-Ambulanz. In den Räumen der Arbeiterwohlfahrt fand der Modellversuch über Jahre hinweg statt. Grundlage für die Entscheidung war eine Studie in Karlsruhe, Bonn, Frankfurt, Hamburg, Hannover, Köln und München von 2002 bis 2006. Mit dem Beschluss ist die Fortführung der Heroinabgabe in den sieben Modellstädten gesichert. In Karlsruhe wurde die Entscheidung mit großer Freude aufgenommen. Sozialbürgermeister Harald Denecken (SPD) sprach gegenüber Medienvertretern von einem "Sieg der Menschlichkeit und der Vernunft".

Alle Karlsruher Bundestagsabgeordneten hatten in der Bundestagssitzung für die heroingestützte Behandlung von Schwerstabhängigen gestimmt: Neben Sylvia Kotting-Uhl (Grüne) und Karin Binder (Linke) auch Johannes Jung, SPD-Kreisvorsitzender, und der Parlamentarier und CDU-Kreisvorsitzende Ingo Wellenreuther – der als einer von elf CDU-Bundestagsabgeordneten (darunter etwa der frühere Forschungsminister Heinz Riesenhuber) von der Linie seiner Fraktion abgewichen war. Auch Abgeordnete aus dem Wahlkreis Karlsruhe-Land, Jörg Tauss (SPD) und Patrick Meinhardt (FDP), hatten für den Gesetzentwurf gestimmt. In der Bundes-SPD gab es eine einzige abweichende Nein-Stimme, bei der FDP zwei Enthaltungen: bei einer freien Abstimmung, die nur dem Gewissen zu folgen hat.

Karlsruher Christdemokraten stellten sich gegen Landes-CDU

Die parteiübergreifende Einigkeit in Karlsruhe dürfte ein Unikum sein – und bleiben. Schon die Diskussion um Computer-Ballerspiele diese Woche zeigte, dass das nicht immer so ist. Bei der Heroinabgabe an Schwerstabhängige wäre auch jede Art von Populismus falsch am Platz. Den leider die CDU, vor allem in Baden-Württemberg und im benachbarten Bayern, auch hier nicht ganz beiseite lassen konnte. Die Delegierten der Karlsruher CDU auf einem Landesparteitag der CDU-Baden-Württemberg vor etwa zwei Jahren blieben auch hier "einsame Rufer in der Wüste".

Aber auch die CDU in Karlsruhe hatte sich nicht von Anfang an dem Vorhaben gegenüber positiv gestellt: 1999, als ursprünglich über die Einrichtung des Modellversuchs entschieden wurde, war es die eine entscheidende Stimme von Oberbürgermeister Heinz Fenrich (CDU), die bewirkte, dass der Modellversuch überhaupt in Gang kommen konnte: Fenrich stand ebenso von Anfang an hinter dem Vorhaben, wie der frühere Sozialdezernent Norbert Vöhringer und der (noch) amtierende Sozialdezernent Harald Denecken (beide SPD).

"Endlich Schluss mit dem Beschaffungsstress"

Eindeutig positioniert hatten sich von Anfang auch, nicht erst als erkennbar war, dass der Modellversuch in sieben Großstädten bundesweit – neben Karlsruhe in Bonn, Frankfurt, Hamburg, Hannover, Köln und München – durchweg positive Ergebnisse zeitigte, die Parteien von Grünen, FDP, Linken und SPD auf Landes- und auf Bundesebene. Für Karlsruhe bleibt eines festzuhalten: Endlich "Grünes Licht" für Heroin-Abgabe – die Verantwortlichen der Stadt Karlsruhe waren ein beharrlicher und erfolgreicher Vorreiter für ein überaus löbliches Hilfsprojekt!

Nun heißt es zudem, wie eine große deutsche Tageszeitung schrieb: "Endlich Schluss mit dem Beschaffungsstress." Unter anderem dafür sorgt der Wirkstoff, der drei Mal am Tag in der Heroin-Ambulanz verabreicht wird. Die Süchtigen, von denen schon deshalb große Disziplin verlangt wird, haben in der Folge endlich den Rücken frei, um sich um ihren Alltag zu kümmern: Einkaufen, Essen kochen, Beziehungen pflegen, ins Kino gehen. Vor allem aber: sich eine Arbeit suchen und dieser regelmäßig nachgehen. Immerhin 40 Prozent der rund 500 Teilnehmer der Heroingruppe (etwa eben so viele Probanden erhielten zur Kontrolle Methadon) waren nach vier Jahren wieder berufstätig. Fast allen geht es in dem Modellversuch seitdem gesundheitlich viel, viel besser.

Und um abzuschließend nochmals auf den Punkt zu bringen: Der Staat wird hier nicht zum Dealer, sondern zeigt ein durch und durch menschliches Gesicht!

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