Karlsruhe Google-Fotoshooting in Karlsruhe: Die virtuellen Läden kommen

Als Martin Sonneborn für die "heute Show" 2010 als vermeintlicher Mitarbeiter von "Google Home View" bei ahnungslosen Bürgern vorbeischaute, war das noch Satire. Heute ist es Realität – jedenfalls im Geschäftsbereich. Auf Wunsch können sich Läden jetzt auch von Innen ablichten lassen und werden so virtuell begehbar. In Deutschland ist Googles "Business Photos" noch weitestgehend unbekannt. ka-news war bei einem Shooting in Karlsruhe dabei.

Samstagvormittag im alten Schlachthof. Bei den "Netzstrategen", einer Unternehmensberatung im Internetbereich, laufen letzte Vorbereitungen: Das schicke, moderne Großraumbüro mit eingebauten "Boxen" statt Zimmern ist penibel aufgeräumt, jeder sichtbare Gegenstand mit Bedacht platziert worden. Alle drei Meter liegen Münzen auf dem Boden. Sie markieren, von wo aus der Fotograf gleich seine Panoramabilder schießt. "Wir arbeiten selbst viel mit Google, ebenso unsere Kunden", erklärt Mira Brendel von den Netzstrategen, warum sie sich für die Teilnahme an Googles Business Photos entschieden haben. Neugier spiele eine Rolle, vor allem aber Image-Gründe.

"Es geht nicht nur um einen netten Effekt, sondern so können wir unsere Räumlichkeiten repräsentativ im Netz zeigen", meint Brendel. Auch Christian Bullinger, der Fotograf, spricht von einer "fantastischen Publicity". Die fertigen 360-Grad-Ansichten des Büros sind auf mehrere Weise verwendbar. Zum einen kann man die Räume von der Karte Google-Maps aus direkt "betreten". Zusätzlich lassen sich die Panoramen aber auch in die eigene Homepage einbauen. Das Shooting kostet die Netzstrategen nach eigenen Angaben etwa 900 Euro – der Preis richtet sich danach, wie viele Fotos zum Ablichten der Räume notwendig sind.

Nichts wird beim Shooting dem Zufall überlassen

Da wird denn auch nichts dem Zufall überlassen: Die Putzfrauen waren vorher extra noch einmal da, sogar der Hof draußen wurde gefegt. Für virtuelle Besucher hat man einige Querverweise in das Bürostilleben eingebaut: Auf einer Tafel in der Küche steht ein Link geschrieben, an die Wand ist ein QR-Code projiziert. Im Display des Kaffeeautomaten kann man die Zahl aller bisher ausgeschenkten Tassen ablesen: 8.207.

Die teuren Mac-Bildschirme hat man dagegen vorsichtshalber von den Tischen entfernt. "Innerhalb eines halben Jahres wurde bei uns schon zwei Mal eingebrochen – zuletzt im April 2013",erzählt Stephan Sperling von den Netzstrategen, "da waren dann immer die Produkte mit dem Apfel-Symbol weg." Seitdem die Beleuchtung auf dem Schlachthofgelände verbessert und ein Sicherheitsdienst angestellt wurde, gebe es aber keine Probleme mehr.

Als der Fotograf mit der eigentlichen Arbeit beginnt, müssen alle nach draußen – niemand soll auf den Bildern später sichtbar sein, jedenfalls nicht ungeplant. Gesichter müssen ebenso wie Nummernschilder gepixelt werden. Außerdem soll während der Aufnahmen nichts bewegt oder verschoben werden. Auch Bullinger selbst muss aufpassen, dass er sich beim Fotografieren nicht unverhofft in den großen Fenstern oder Glastüren spiegelt.

Seine Kamera schießt von jedem abgemessenen Punkt aus vier Bilder im 90-Grad-Winkel – macht insgesamt 360 Grad. Die Business Photos lassen sich nur mit bestimmten Kameratypen schießen. "Das erste Foto muss immer exakt nach Norden ausgerichtet sein, damit es später ins Google-System passt", so Bullinger. Für das Büro der Netzstrategen braucht er elf "Touren", also mit Münzen markierte Stationen. Das dauert etwa eine Stunde.

Virtuelle Rundgänge im Laden bald selbstverständlich?

Bullinger ist Werbefotograf, kein Mitarbeiter von Google. Der Software-Riese aus den USA bietet den neuen Service nicht selbst an, sondern vergibt Lizenzen an Fotografen, die sich bei ihm speziell zum Schießen von Business Photos ausbilden lassen. Nach Angaben von Bullinger sind die Lizenzen kostenfrei und laufen auf unbestimmte Zeit. Google verdient also nicht direkt an den Business Photos. Allerdings gibt es Praxistests und Qualitätskontrollen.

Auf etwa 100 schätzt Bullinger die Zahl der Fotografen mit Google-Lizenz. "Ich selbst komme aus Landau, interessanter Weise gibt es ausgerechnet da noch jemanden, der Business Photos schießen darf." Der nächste Fotograf sitzt seines Wissens in Mannheim. Als die Netzstrategen im Oktober nach einem Anbieter für ihr Projekt suchten, konnten sie noch niemanden in Karlsruhe-Stadt finden.

"Bisher müssen wir Fotografen die Kunden meist noch selbst akquirieren. Die Tendenz ist aber steigend", meint Bullinger. Wer es bisher ausprobiert hat, sei "quer durch die Bank begeistert". Bisher konnte der Landauer Werbefotograf etwa zehn Aufträge an Land ziehen – darunter ein Optiker, ein Winzer und ein Kaminofen-Outlet.

Prinzipiell lässt sich jede Art von Geschäft fotografieren, sofern es eine Eintragung in Google-Maps hat. "Durch den virtuellen Rundgang sind Kunden nicht mehr fremd, wenn sie den Ort später wirklich betreten. Gerade bei Hotels und Kaufhäusern, aber auch Flughäfen wird das in Zukunft dazu gehören", ist Bullinger überzeugt.

Hier geht's zum virtuellen Google-Rundgang!

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Unsere Sonderthemen
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (0)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
Sie sind der Erste, der einen Kommentar schreibt – vielen Dank!
Schreiben Sie Ihre Meinung
Ein neues Posting hinzufügen
Fett Kursiv Link Zitat
Sie dürfen noch Zeichen schreiben