15  

Karlsruhe Gewalt in Karlsruher Haushalten: "Nicht wegsehen!"

Häusliche Gewalt ist ein Schreckgespenst, das in Karlsruhe zahlreichen Frauen und auch Männern auflauert. "Die Zahl der Fälle von häuslicher Gewalt hat sich 2015 auf einem hohen Niveau eingependelt", so Oberbürgermeister Frank Mentrup bei einer Pressekonferenz zum Karlsruher Projekt "Häusliche Gewalt überwinden". Dazu kommt offenbar eine hohe Dunkelziffer - insbesondere, wenn Männer die Opfer sind.

"Häusliche Gewalt überwinden", das ist ein Karlsruher Gemeinschaftsprojekt und gleichzeitig eine Interventionskette. Diese beginnt meist bei der Polizei, über die Stadt Karlsruhe mit dem Ordnungsamt, ihrer Sozial- und Jugendbehörde und der Gleichstellungsbeautragten Annette Niesyto als Federführerin, bis hin zu Beratungsstellen freier Träger, Frauenprojekten und in den schlimmsten Fällen - etwa, wenn die Polizei Annäherungsverbote anordnet - sogar den Karlsruher Gerichten. Das Projekt zur kommunalen Kriminalprävention läuft bereits seit dem Jahr 2000.

222 Polizeieinsätze wegen häuslicher Gewalt im Jahr 2015

Während in den ersten drei Jahren nach Start des Projekts die Fälle von häuslicher Gewalt in Karlsruhe kontinuierlich abnahmen, zeigt sich seit 2004 ein ständiges Auf und Ab. Im Falle von 2015 ist es ein deutliches Auf. Innerhalb des vergangenen Jahres gab es im Stadtgebiet Karlsruhe insgesamt 222 Polizeieinsätze wegen häuslicher Gewalt. Das sind 23 mehr als noch 2014 und 29 mehr als 2001, dem ersten Jahr nach Projektstart.

Entweder hätten sich mehr Betroffene getraut, die Polizei einzuschalten oder es habe tatsächlich mehr Fälle gegeben, kommentiert Annette Niesyto, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Karlsruhe bei der Pressekonferenz. So oder so gebe es eine hohe Dunkelziffer, die nach Einschätzung von Niesyto etwa beim Dreifachen von den 222 von der Polizei eingegangenen Fällen liegt.

Sind nur Frauen Opfer?

Nicht immer liegen die Dinge so eindeutig: "Gegenseitige Gewalt ist meinem Eindruck nach der häufigste Fall", so die Gleichstellungsbeauftragte. Konkrete Zahlen gebe es dazu nicht. Der Fall, dass lediglich die Frau gewalttätig gegenüber dem Mann ist, sei jedoch der seltenste. "Da ist die Dunkelziffer aber viel größer. Kaum ein Mann wird seine Frau anzeigen und zugeben, dass er von ihr geschlagen wurde", wirft Hans-Peter Menke von der Männerberatungsstelle bei Gewalt im sozialen Nahraum ein Die Stelle ist ebenfalls Teil des Projektnetzwerkes. Es sei gesellschaftlich viel eher akzeptiert, wenn eine Frau wegen häuslicher Gewalt Anzeige erstattet.

"In der Regel weigern sich Männer, Angaben zu machen, obwohl sie offensichtlich verletzt sind", berichtet auch Gerhard Heck, Kriminaldirektor beim Polizeipräsidium Karlsruhe. Er sieht jedoch generell eine hohe Hemmschwelle, wenn es darum geht, wegen häuslicher Gewalt Anzeige zu erstatten. 

"Nicht wegsehen!"

Oberbürgermeister Mentrup appelliert an Nachbarn, Freunde und Kollegen von Betroffenen und alle anderen Bürger: "Sie sollen nicht wegsehen und weghören, wenn sie von einem Fall erfahren, sondern einen Hinweis an die zuständigen Stellen geben." Wird die Polizei eingeschaltet, schreite sie ein, informiere das Ordnungsamt und in bestimmten Fällen auch die Justiz und verweise die Opfer und auch die Täter an das Netzwerk des Karlsruher Präventionsprojekts, wie Kriminaldirektor Heck berichtet.

"Die Polizei ist nur die erste Instanz. Die Opfer müssen wissen, an wen sie sich wenden können, damit sie sich wieder sicher fühlen", so Heck. In den wenigsten Fällen höre Gewalt von alleine auf und sie gehe häufig auf jahrelang schwelende Konflikte zurück, meint auch die Gleichstellungsbeauftragte Niesyto. Die Zahl der Wiederholungstaten stieg von 2014 um elf Fälle auf 49 im Jahr 2015 an.

So geht es weiter

Um angemessen auf die gestiegenen Fallzahlen zu reagieren, will die Projektgruppe gemeinsame Fortbildungen auf den Weg bringen und ihr Vorgehen weiterentwickeln. Das kann sich aufgrund begrenzter Projektressourcen jedoch bis 2017 ziehen. Unter www.karlsruhe.de/b4/stadtverwaltung/gleichstellung/hg/ finden Betroffene aus Karlsruhe Infobroschüren und Ansprechpartner aus dem Netzwerk des Projekts. 

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Unsere Sonderthemen
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (15)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!