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19.05.2009 16:00
 
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"Es geht nicht um mehr geben, sondern um weniger nehmen" [0]

Die UN-Beauftrage für die Milleniumskampagne, Dr. Renée Ernst
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Die UN-Beauftrage für die Milleniumskampagne, Dr. Renée Ernst
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Karlsruhe (tan) - Unter dem Motto "Politische Verantwortung in der Krise" diskutierten am vergangenen Freitag Karlsruher Bundestagskandidaten mit der UN-Beauftragen Renée Ernst an der Hochschule für Gestaltung über die UN-Milleniumsziele. Im Interview mit ka-news erzählt Ernst über Folgen der Finanzkrise für Afrika und die nach wie vor hohe Sterblichkeitsrate bei Müttern.
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ka-news: In der Wahrnehmung vieler Menschen geht in Afrika trotz jahrzehntelanger Entwicklungshilfe wenig bis nichts voran - Warum sollten sich die Länder der nördlichen Halbkugel dennoch weiterhin engagieren? 
Ernst: Afrika hat gerade in den letzten zehn Jahren erstaunliche Fortschritte erzielt, beispielsweise ein Wirtschaftswachstum von fünf bis sechs Prozent. Zudem war der afrikanische Kontinent noch nie so friedlich: zahlreiche gewaltsame Konflikte und Bürgerkriege wurden befriedet, Demokratien weiter ausgebaut, in Bildung investiert und Einschulungsraten sind enorm gesteigert.

Nach dem Motto: "good news is no news" berichten Medien nun mal lieber über Krisen, Katastrophen und Pandemien, als über erfolgreiches wirtschaftliches und bürgerschaftliches Engagement und positive Entwicklungen auf unserem Nachbarkontinent.

Auch kann man nicht die Entwicklungshilfe einzig und allein für die Entwicklung in Afrika verantwortlich machen. Laut einer UN-Studie gehen den Ländern des Südens jährlich 700 Milliarden US Dollar aufgrund ungerechter Welthandelsbedingungen verloren (im Vergleich: jährliche weltweite Entwicklungshilfe etwa 100 Milliarden). Ebenso kontraproduktiv ist unsere falsche Agrarpolitik, insbesondere die Agrarexportsubventionen, die Kleinbauern in Afrika die Lebensgrundlage entzieht.

In einer Welt, die zunehmend zusammenwächst, wäre es rein aus Selbstinteresse unverantwortlich, nicht über den Tellerrand zu schauen. Als "Exportweltmeister" sollten wir großes Interesse an einem friedlichen, prosperierenden Nachbarkontinent haben. Auch können wir nicht vor den vornehmlich von uns (Industrienationen) verursachten Krisen (Klimawandel und Finanzkrise) die Augen verschließen - wir müssen die Verantwortung übernehmen. Laut OECD-Bericht wird in Afrika aufgrund der Finanzkrise das Wirtschaftswachstum auf 2,8 Prozent fallen; die Weltbank rechnet mit einer Zunahme von 50 bis 80 Millionen Menschen, die aufgrund der Wirtschaftskrise in extreme Armut zurückfallen.

ka-news: Welches der acht Milleniumsziele ist für Sie derzeit noch am wenigsten erreichbar?
Ernst: Laut UNDP-Report 2008 gab es beim Ziel Nummer fünf, der Verbesserung der Gesundheit von Müttern, die geringsten Fortschritte. Frauen in Afrika südlich der Sahara und in Südasien tragen ein unvemindert hohes Risiko, während der Schwangerschaft oder bei der Entbindung zu sterben. Nach wie vor stirbt jede Minute eine Frau an den Folgen der Schwangerschaft, jährlich sind es etwa 500.000 Frauen - in Afrika liegt das Risiko bei 1 zu 22, in entwickelten Regionen dagegen bei 1 zu 7.300.

Dabei ließe sich durch einfache Maßnahmen, wie der Ausbildung von Hebammen oder eine Verbesserung der medizinischen Infrastruktur, diese skandalöse Situation verbessern. Wir können inzwischen auf den Mars fliegen und dort Schürfungen vornehmen, da kann es nicht sein, dass wir nicht in der Lage sind, medizinische Basisdienste flächendeckend zur Verfügung zu stellen.

ka-news: Ist Demokratie gerecht?
Ernst: Demokratie ist zumindest die Staatsform, die am ehesten Mitbestimmung ermöglicht. Für eine gerechtere Verteilung in einer Gesellschaft ist dies eine wichtige Voraussetzung. Dementsprechend fordern die politischen Kampagnen auf der Südhalbkugel vornehmlich mehr Demokratie, Transparenz und Rechenschaftspflicht der Regierung gegenüber den Bürgern.

ka-news: Stehlen sich die Länder des Nordens politisch aus der Verantwortung?
Ernst: Leider gibt es eine große Diskrepanz zwischen den vollmundigen Versprechungen auf großen Gipfeltreffen und den Taten. Die Glaubwürdigkeit der deutschen Regierung wird sich nächstes Jahr unter anderem daran messen lassen, ob sie Wort hält und gemäß EU-Stufenplan den Entwicklungsetat von derzeit 0,38 auf dann 0,51 Prozent des Bruttosozialprodukts erhöht. Die Bundeskanzerlin hat es in Davos erneut zugesagt - wir werden die Umsetzung weiter kritisch begleiten. Das Argument mangelnder finanzieller Mittel ist spätestens nach den enormen Mitteln die spontan während der Finanzkrise aufgebracht wurden, nicht mehr tragfähig, denn wie sich gezeigt hat, kann jederzeit ausreichend Geld mobilsiert werden.

ka-news: Was wünschen Sie sich konkret von den Politikern?
Ernst: Langfrisitges, nachhaltiges Engagement für eine gerechte Globalisierung und Einhaltung ihrer Versprechen zu den Millenniumentwicklungszielen aus dem Jahr 2000. Den Worten sollten endlich Taten folgen. Die deutsche Kampagne hat einen Leitfaden für Abgeordnete entwickelt, in dem es neben Information zu den Millenniumentwicklungszielen auch konkrete Handlungsoptionen zur Umsetzung der Millenniumentwicklungsziele gibt. Denn oftmals wissen die Abgeordneten gar nicht, wie sie sich konkret engagieren können. Beispielsweise der direkte Zusammenhang zwischen Agrarexportsubventionen und Armut in Entwicklungsländern ist offenkundig bei vielen noch nicht angekommen.

ka-news: Was können Menschen in Deutschland tun, die mithelfen möchten, die Millenniumsziele zu erreichen?
Ernst: Das Wichtigste ist, sich zu informieren und anschließend die Regierung an ihre Versprechen aus dem Jahr 2000 zu erinnern. Gerade im Wahlkampfjahr bieten sich zahlreiche Gelegenheiten, mit Abgeordneten ins Gespräch zu kommen. Dazu bieten wir einen Abgeordnetenleitfaden an, den die Bürger in ihrem Wahlkreis an die Abgeordneten überreichen und mit ihnen in den Dialog gehen können.

Nur wenn die Abgeordneten merken, dass sie mit dem Thema "gerechte Globalisierung und Armutsbekämpfung" Stimmen gewinnen können, werden sie sich dafür stark machen. Außerdem bieten wir die Möglichkeit mittels E-cards sich hinter unserer politischen Forderungen zu stellen und so die Stimmen gegen Armut laut werden zu lassen. Viele konkrete Mitmachmöglichkeiten, Tipps und Hinweise finden sich auf unserer Website www.un-kampagne.de.

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