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10.04.2005 14:00
 
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Ein Kampf auf Leben und Tod - Karlsruher in Nicaragua [0]

Puerto Cabezas/Karlsruhe pes -
Aids-Aufklärung im Zentrum von Bilwi (Foto: Sebastian Erb)
Noch ist es nicht so schlimm wie in vielen anderen Teilen der Welt. Aber mit der Immunschwächekrankheit Aids stecken sich auch an der Atlantikküste Nicaraguas immer mehr Menschen an. Aufklärung tut Not. Statt in Deutschland Zivildienst zu leisten, ging ich, Sebastian Erb, nach Übersee, um für die Gemeinschaft tätig zu sein. Im Rahmen des "Freiwilligen Friedensdienstes" der Evangelischen Landeskirche in Baden lebe und arbeite ich für ein Jahr in Puerto Cabezas/Bilwi an der Karibikküste Nicaraguas. Während dieser Zeit berichte ich für ka-news über Land und Leute und sende auch meine ganz persönlichen Eindrücke nach Karlsruhe.

Am unteren Rand liegt ein halbes Skelett. Ein Brustkorb, ein Schädel, weitere Knochen. Darüber zwei Hände, die ein riesiges Kondom aufspannen. Oben das interessanteste Detail. Eine einfache mechanische Waage, schwarz, mit zwei Schalen. Auf der einen liegt das Leben, auf der anderen der Tod. Die Waage selbst trägt einen Namen mit vier Buchstaben: Aids. Eine Krankheit als Richter. Auf diese Weise hat ein 13-jähriger Junge seine Gedanken zu der Immunschwächekrankheit künstlerisch umgesetzt. Das Bild hängt in den Räumen der "Kommission zum Kampf gegen Aids". An diesem Dienstagnachmittag gibt es viel zu tun. Broschüren auf verschiedene Pakete verteilen, Arbeitsmaterialien zusammenrichten, die Planung noch einmal durchsprechen. Am nächsten Morgen werden vier Mitarbeiter in verschiedene Dörfer aufbrechen, um dort Aufklärungsarbeit zu leisten.

Die Organisation gibt es seit 1990. Inzwischen arbeiten neun Frauen und Männer im Team, darunter für fünf Monate auch eine Freiwillige aus Deutschland. Finanziert wird die Arbeit von europäischen Entwicklungshilfeorganisationen.

Aufklärung für möglichst viele

Workshop-Teilnehmerinnen: Aufklärung für viele (Foto: Sebastian Erb)
Die offizielle Statistik spricht von momentan 36 Menschen in der Region, bei denen die Krankheit bereits ausgebrochen ist. Von einer deutlichen Dunkelziffer ist auszugehen. Die Zahl der Infizierten, die den Virus in sich tragen und das meistens gar nicht wissen, dürfte sehr viel höher liegen. Wie hoch, das weiß keiner. Sehr hoch, fürchtet Ingrid Diesen. Die Gründe liegen für sie auf der Hand: viele Wechsel des Sexualpartners, fehlendes Problembewusstsein. "Unsere Kultur kennt den Gebrauch von Kondomen nicht", sagt sie.

Für die 40-jährige Mitarbeiterin der Kommission ist der Arbeitsauftrag klar: Aufklärung. Diesem Ziel hat sich die Organisation seit ihrer Gründung verschrieben. Erklären, was Aids ist, wie sich die Krankheit überträgt. Hygieneregeln weitergeben, aber auch über das Thema "Selbstwertgefühl" sprechen. Sie halten Vorträge und Workshops ab mit einer möglichst großen Bandbreite von Gesellschaftsgruppen: Jugendliche der Kirchen, Straßenkinder, Gefängnisinsassen, Prostituierte, Soldaten und Homosexuelle. Die letzte Gruppe hängen sie allerdings nicht an die große Glocke. Homosexualität ist in Nicaragua gesetzlich verboten und kann mit Gefängnis bestraft werden.

Ein Leben in Würde

Ingrid Diesen: Wenn du dich nicht schützt, wer sonst? (Foto: Sebastian Erb)
Über das Medium Radio werden viele Leute erreicht, auch die in weiter abgelegenen Dörfern. Die Organisation kann Erfolge verzeichnen. Während sie beispielsweise am Anfang kritisch beäugt wurde, wenn sie Kondome verteilten, werden ihr heute die Präservative regelrecht aus der Hand gerissen. Aids ist kein Thema mehr, das totgeschwiegen wird. Für immer mehr Menschen jedoch kommt jegliche Information zu spät. Sie haben sich angesteckt, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis das tödliche Virus von ihrem Körper Besitz ergreift. So ist die Betreuung von Aids-Kranken seit einigen Jahren die zweite Säule der Arbeit. Jeder kann vorbeikommen und einen kostenlosen HIV-Test machen. Krankenschwester Ingrid Diesen erinnert sich noch gut daran, als unter ihrer Aufsicht ein solcher das erste Mal positiv ausfiel. Sie stockt einen Moment. "Ich fand keine Worte, es ihm zu sagen."

"Wir können den Kampf gewinnen"

Im Moment sind zehn Männer und Frauen in Behandlung. Ihnen soll eine möglichst gute Lebensqualität gewährleistet werden. Ein Leben in der Gesellschaft, nicht außerhalb. Dank der finanziellen Unterstützung aus dem Ausland ist sogar eine Behandlung mit antiviralen Medikamenten möglich. Diese kostet um die 500 Dollar pro Person und Monat.

Projektkoordinatorin Cora Antonio: Die Hoffnung stirbt zuletzt
(Foto: Sebastian Erb)
Cora Antonio, 43, koordiniert das Projekt seit November vergangenen Jahres. Die Pfarrerin hat vorher schon ehrenamtlich mitgearbeitet und wurde jetzt von ihrem Arbeitgeber, der Iglesia Morava, vorübergehend dorthin abgeordnet. Ihr gefällt der Job: "Es ist eine sehr christliche Arbeit". Ihr wird Vertrauen entgegengebracht, sie kann Ratschläge erteilen und Trost spenden. Der Staat, sagt sie, kümmert sich kaum um das Problem. Die Problematik um Aids fasst sie so zusammen: Vor zehn Jahren habe es niemand geglaubt, heute sei es Realität und in den nächsten Jahren werde alles wohl noch viel schlimmer. Trotzdem sieht sie nicht vollkommen schwarz: "Der Kampf gegen Aids ist ein realer. Wir können ihn gewinnen." Sie weiß, dass es schwierig wird. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt.

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