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Karlsruhe Ein Jahr Mindestlohn: Es gibt viel zu viele Hintertüren!

Ein Jahr Mindestlohn = ein Jahr gerechte Bezahlung in Deutschland? Leider nicht. Das Gesetz beinhaltet viele Ausnahmen. Diese Hintertürchen nutzen zahlreiche Unternehmen beherzt und schamlos aus. Das zeigen etwa die Erfahrungen einer Karlsruher Zeitungszustellerin und Stellenausschreibungen für Praktikanten. Wenn schon Sonderregelungen nötig sind, dann bitte etwas sinnvollere.

Die Karlsruherin Esther Buhmann arbeitete als Zeitungszustellerin für einen großen deutschen Verlag. Zum Ende des Jahres wurde ihr gekündigt, wie vielen weiteren Zustellern aus der Fächerstadt und ganz Deutschland. Der Verlag hat sie und ihre Kollegen durch Minderjährige ohne abgeschlossene Berufsausbildung ersetzt, denen kein Mindestlohn zusteht und kann weiter seine 10 Cent pro Zeitschrift zahlen.

Dabei hätte der Verlag Buhmann und Co. ab 2015 noch nicht einmal die vollen 8,50 Euro bezahlen müssen, sondern nur 6,38 Euro pro Stunde, also 75 des Mindestlohns - wie es die Sonderregelung für Zeitungszusteller vorgibt. Aber wozu die Mühe, wenn man stattdessen dank einer der vielen Ausnahmeregelungen Minderjährige unterbezahlen kann? 

Genau so niedrige Praktikanten-Löhne wie zuvor

Ähnliches spielt sich im Bereich der Praktika ab. Auch hier gibt es eine Ausnahme, die Unternehmen ganz einfach in Anspruch nehmen können. Mindestlohn muss lediglich bei freiwilligen Praktika, die länger als drei Monate dauern, gezahlt werden, nicht jedoch bei Pflichtpraktika im Rahmen einer (Schul-)Ausbildung oder eines Studiums. Die Folge: In einer breiten Mehrheit der Stellenausschreibungen sind nur noch Schüler, Azubis und Studenten gesucht, die eine Pflichtpraktikumsbescheinigung vorlegen können. Ihnen darf man weiterhin ohne Konsequenzen 500 Euro, 200 Euro oder gleich gar nichts zahlen.

Selbst die klassischen 500 Euro sind noch nicht einmal die Hälfte des Mindestlohns, der bei einer Vollzeitstelle rund 1.400 Euro brutto im Monat beträgt. Als Absolvent hat man nun nur noch eine verschwindend kleine Chance auf eine Praktikumsstelle. Müssten bei allen Praktika die 8,50 Euro gezahlt werden, würden viele Unternehmen wahrscheinlich einfach keine mehr ausschreiben. Das will auch niemand. 

Sonderregelungen ohne Hintertürchen

Wenn der Mindestlohn so meilenweit entfernt ist von dem, was bisher bezahlt wurde, sollte man besser eine andere Art von Ausnahmeregelungen finden. Die meisten Praktikanten würden sich wahrscheinlich bereits über 700 Euro im Monat glücklich schätzen - besser als nichts, im wahrsten Sinne des Wortes. Warum also nicht beispielsweise 4,50 Euro als Mindestlohn für Praktikanten? 

Geht man bei Zeitungszustellern wie die Karlsruherin Buhmann, die 10 Cent pro Stück verdiente, davon aus, dass sie pro Stunde 30 Zeitschriften schaffte, kommt man auf drei Euro pro Stunde. Seit 2015 müssen Verlage schlagartig das Doppelte bezahlen. Klar, dass man sich davor drückt, wenn man kann und ein zurückhaltendes Gewissen hat.

Auch bei den Zeitungszustellern bringt ein kleiner Schritt in die richtige Richtung wohl mehr als ein großer, den viele einfach nicht gehen, sondern stattdessen das Hintertürchen Ausnahmeregelung nutzen. Wenn schon gesetzliche Vorgaben machen, dann richtig, nicht so, dass man sie auch einfach umgehen kann, wenn sie einem nicht passen. 

 

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