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01.01.2005 14:00
 
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Die Lebensader heißt Río Coco - Karlsruher in Nicaragua [0]

Puerto Cabezas/Karlsruhe pes -
Dichtgedrängt sitzen die Leute in dem Boot, das den Río Coco hinauffährt
(Foto: Sebastian Erb)
Entfernungen sind relativ. Für eine Strecke von 120 Kilometern Luftlinie kann man schon einmal Tage unterwegs sein. Am Ziel, an der Grenze zu Honduras, spielt der Fluss die wichtigste Rolle. Notizen einer Reise zum Río Coco.
Statt in Deutschland Zivildienst zu leisten, ging ich, Sebastian Erb, nach Übersee, um für die Gemeinschaft tätig zu sein. Im Rahmen des "Freiwilligen Friedensdienstes" der Evangelischen Landeskirche in Baden lebe und arbeite ich für ein Jahr in Puerto Cabezas/Bilwi an der Karibikküste Nicaraguas. Während dieser Zeit berichte ich für ka-news über Land und Leute und sende auch meine ganz persönlichen Eindrücke nach Karlsruhe.

Der Mann hat sich zwischen zwei Pfosten seine Hängematte aufgehängt und schläft noch, in ein Leintuch gewickelt. Ein paar Meter entfernt stehen zwei große Lastzüge beladen mit tausenden von Getränkekisten.Halb sechs Uhr morgens, ich warte auf den Bus, der mich in Richtung Norden bringen soll. Nach und nach kommen die Fahrgäste. Die meisten haben viel Gepäck dabei: Taschen, Säcke, Eimer. Doch der richtige Bus lässt auf sich warten.

Reisende als Haupteinnahmequelle

Als dieser auf dem Parkplatz ankommt, beginnt das Gerangel um die Sitzplätze. Wie als ob es einen Startschuss gegeben hätte, stürmen die Fahrgäste auf den Bus zu. Kleine Kinder werden durchs Fenster gereicht, das Gepäck kommt aufs Dach. Schon fährt der Bus mit einem lauten Hupen los. Die Stadt hat er schnell hinter sich gelassen, auf der unbefestigten Landstraße kommt er jedoch meist nur recht langsam voran. Für die knapp 140 Kilometer nach Waspám wird er sechs Stunden brauchen.

Ausgediente Schulbusse aus den USA verbringen in Nicaragua ihren langen Lebensabend (Foto: Sebastian Erb)
Immer wieder hält der Bus an, es steigen neue Fahrgäste zu und manche aus. So wie die drei Männer, die große, volle Benzinkanister schultern und zu laufen beginnen. Zwei Stunden, vielleicht drei wird es dauern, bis sie in ihrem Dorf sind. In Santa Marta, eine der wenigen kleinen Ortschaften auf dem Weg, haben vor allem die Frauen schon sehnsüchtig auf die Ankunft des Buses gewartet. Sie präsentieren Teller mit fertig angerichteten Mahlzeiten, Snacks, Erfrischungsgetränke. Der Essensverkauf an die Reisenden scheint die Haupteinnahmequelle des Ortes zu sein.

13 Stunden stromaufwärts

Ein paar Stunden später kommen wir in Waspám, der Hauptstadt des Río Coco-Gebietes an. Die Einheimischen nennen den Fluss auch Wangki. Die Mehrzahl der rund 12.000 Einwohner lebt nachts zur Zeit im Dunkeln. Strom gibt es seit Tagen nicht.

Kurz nach drei Uhr morgens. Im Licht der Sterne plätschern Wellen sachte ans Ufer des Flusses. Das Boot mit dem Außenbordmotor steht bereit, ein Tag später als ursprünglich geplant. Gepäck wird eingeladen, ein jeder sucht sich einen Platz auf dem Rand oder den schmalen Querstreben. Sitze gibt es keine. Das Boot füllt sich schnell. Mit über 60 Menschen an Bord wird es die nächsten dreizehn Stunden die Windungen des längsten Flusses Mittelamerikas hinauftuckern. Straßen gibt es in diesem Gebiet nicht. Der Fluss ist Transportweg.

Es wird heller. Kleine mit grünen Bananen beladene Flöße treiben mit der Strömung den Fluss hinab. Immer wieder fahren wir an kleinen Dörfern vorbei. Die Bewohner stehen am Rand des Flusses und schauen zu uns herüber, manche winken. Das ein oder andere Mal hält das Boot auch und Briefe und die jüngsten Neuigkeiten werden ausgetauscht. Der Fluss ist Kommunikationsader.

"Wir haben nur unsere Macheten"

Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob es sich um die nicaraguanische oder honduranische Seite handelt. Die Grenze besteht nur auf der Landkarte, nicht im Gelände oder gar in den Köpfen. Das Land der Miskito hält sich nicht an Staatsgrenzen. Viele mussten auch jahrelang in Honduras leben, nachdem sie von den Sandinisten aus ihren Häusern vertrieben und ihre Dörfer zerstört wurden.

Strom aus Solarzellen macht nachts etwas Licht (Foto: Sebastian Erb)
Unser Ziel heißt Sang Sang. Dort gibt es nicht viel, vor allem keine Vielfalt an Arbeitsplätzen. Die Menschen leben von der Landwirtschaft. "Wir haben allerdings keine großartigen Möglichkeiten", berichtet ein Bauer, "nur unsere Macheten". Hauptsächlich für den Eigenverbrauch halten sie Schweine, Kühe und Hühner. Bauen Yuca, Bananen und Orangen an. Reis und Bohnen verkaufen sie auch weiter. "Wir müssen ja auch etwas verdienen", meinte der Mann und deutet auf den kleinen Laden, vor dem er steht. Sie brauchen Geld, für Klopapier, Kleider und Zigaretten.

Die Frauen sind für die täglichen Arbeiten rund ums Haus zuständig. Sie kochen und pendeln zwischen Fluss und Haus hin und her. Der Fluss ist Wasserhahn und Waschmaschine.

Ein bisschen Fortschritt

Zur Zeit ist Leben eingekehrt. Die Iglesia Morava hat zu einer großen Jugendveranstaltung eingeladen, ein paar hundert Menschen sind gekommen und um hier mitzuarbeiten, bin auch ich da. Extra wurden per Boot aus dem Nachbardorf San Carlos ein Dieselgenerator hergebracht und Lautsprecherboxen. San Carlos, sagen die Leute, das ist ein fortschrittlicheres Dorf. Dort gibt es Strom, Straßen, einen Arzt. Eine gute Stunde ist man mit dem Boot dorthin unterwegs, weiter flussaufwärts.

Aber auch in Sang Sang gibt es Fortschritt, zumindest ein bisschen. Ein blau-weißes Schild kündigt es groß an. Eines dieser Schilder, auf denen der jeweils amtierende Präsident stolz zeigt was er doch alles für seine Landsleute mache. Kleingedruckt ist jedoch auch immer der Geldgeber vermerkt. Und der kommt aus dem Ausland, heißt Weltbank oder Internationaler Währungsfond.

Aufwändig: Die Spreu vom Reis trennen (Foto: Sebastian Erb)
Zwischen den Häusern in Sang Sang jedenfalls wurden die Fußwege betoniert, so dass die Bewohner auch nach heftigen Regenfällen möglichst schlammfrei durchs Dorf laufen können. Seit ein paar Monaten sind neben einigen Häusern auf Pfälen Solarzellen angebracht. Diese sammeln tagsüber die Energie der Sonnenstrahlen und speichern sie in Bleiakkus. Nach Einbruch der Dunkelheit spenden so Leuchtstoffröhren in den Hütten etwas Licht.

Für den 12-jährigen José sind das alles nicht mehr als ein paar Tropfen auf den heißen Stein. Er fühlt sich nicht wohl im Dorf. Es gebe einfach nichts zu tun, sagt er und "hier gibt es keine Zukunft". Die sechsjährige Grundschule, eine solche gibt es im Ort, hat er abgeschlossen. Nun will er eine weiterführende Schule besuchen. Dafür muss er nach Waspám umziehen.

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