Die Bewohner der Atlantikküste sind stolz auf ihre eigene Identität. Doch vieles scheint von der universalen Fernsehkultur verdrängt zu werden. Dem haben die Männer und Frauen von "Tininiska" dem Kampf angesagt.
Statt in Deutschland Zivildienst zu leisten, ging ich, Sebastian Erb, nach Übersee, um für die Gemeinschaft tätig zu sein. Im Rahmen des "Freiwilligen Friedensdienstes" der Evangelischen Landeskirche in Baden lebe und arbeite ich für ein Jahr in Puerto Cabezas/Bilwi an der Karibikküste Nicaraguas. Während dieser Zeit berichte ich für ka-news über Land und Leute und sende auch meine ganz persönlichen Eindrücke nach Karlsruhe.
Es ist ein irritierendes Bild. Die jährlichen Feierlichkeiten des "Tages der Autonomie" stehen an. Die städtische Sporthalle ist gut gefüllt, die Leute kommen, um mitzufeiern. Klar, da ist man dabei. Eine Gruppe von Jugendlichen ist aus einem der Dörfer angereist, um einen traditionellen Tanz aufzuführen. Wie schon seit Jahrhunderten wirbeln sie im Kreis herum, springen sie, mal schneller, mal langsamer. Ein Junge gibt durch rythmischen Gesang die Bewegungen vor, die anderen fallen kurz darauf ein. Die Leute schauen interessiert zu, klatschen mit, verfolgen das Ganze als besondere Darbietung. Als etwas, das ihnen fremd zu sein scheint.
 | | Silva (re.) und Vereinskollege Wilson: "Stärkung der indianischen Identität" (Foto: Sebastian Erb) |
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Diese kleine Szene beschreibt deutlich, in welchem Dilemma sich die Gesellschaft befindet, vor allem in der Stadt. Natürlich ist sie da, die eigene Kultur (besser: die eigenen Kulturen), die sich stark von der mestizisch geprägten im Westen des Landes unterscheidet. Aber auf der anderen Seite entfernen sich immer mehr von dem Erbe ihrer Vorfahren und interessieren sich mehr für das, was sie tagtäglich im Fernsehen vorgesetzt bekommen oder aus sonstigen Quellen von der großen weiten Welt aufschnappen.
Ein kleiner Vogel als Vorbild
Genau dieses Phänomen ist es, das Adán Silva und seine Mitstreiter veranlasste, 1994 die Kulturorganisation "Tininiska" zu gründen. Silva sitzt im zweiten Stock des netten, blau angestrichenen Hauses in dem Raum, der als Museum dient. An der Wand hängen wilde Tiere auf einem Wandteppich. Auf dem Boden stehen Bottiche zum Reis Stampfen. Tininiska, so heißt der Kolibri auf Miskito. "So wie der Vogel von Blüte zu Blüte fliegt und Pollen transportiert, wollen wir Informationen unter die Leute bringen", sagt Silva. "Wir wollen eine Stärkung der indianischen Identität." Sie wollen den Menschen in der Region helfen, sich auf ihre Wurzeln zu besinnen. Wollen ihnen erklären, was "Autonomie" bedeutet. Dazu gehört zum Beispiel mündlich überlieferte Legenden und Geschichten der Miskito aufzuschreiben, um sie für folgende Generationen zu bewahren. Miskito war lange Zeit keine Schriftsprache (ka-news berichtete), was nicht immer weitererzählt oder als Text festgehalten wird, verschwindet für immer. Der Verein bringt - unterstützt von der Europäischen Union - im vierten Jahr eine zweisprachige Zeitschrift heraus. Eine Plattform, um die eigene Kultur den eigenen Leuten näher zu bringen.
Umweltschutz als weiteres Ziel
 | | Kunsthandwerk: Fleißige Hände bewahren die Tradition (Foto: Sebastian Erb) |
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Im Kulturhaus "Tininiska" arbeitet man allerdings nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit der Hand. Frauen nähen Taschen und Wandbehänge mit traditionellen Motiven, Männer schaffen typisches Holzkunstwerk. Es ist ein doppelter Nutzen: Bewahrung der Kultur und Schaffung von Arbeitsplätzen. Silvan und seine Handvoll Vereinsgenossen arbeiten ehrenamtlich für das Projekt, im Hauptberuf unterrichten sie an Schulen und Universitäten. Aber ihre übrige Zeit und Liebe gehört dem kleinen Kolibri. Sie haben viel vor. Die Arbeit der Organisation auf die gesamte Region ausdehnen, ist ihr Ziel. Auch beim Umweltschutz wollen sie mehr mitmischen. "Wir sind gegen die Verschmutzung der Flüsse", sagt Silva.
"Tininiska" war nach eigenen Angaben die erste Organisation, die sich speziell über die indigene Kultur Gedanken gemacht hat. Längst aber ist sie nicht mehr die einzige. Inzwischen arbeiten die Vereinsfreunde auch mit anderen Organisationen zusammen. Für Konkurrenzdenken bleibt kein Raum, denn das Ziel ist das gleiche. Im Gegenteil, sagt Silva: "Die Kooperation macht uns stärker." Eines steht für ihn außer Zweifel: Die Wichtigkeit seiner Arbeit, besonders was die jungen Leute angeht. Sein Urteil gibt zu denken: "Viele Jugendliche wissen mehr über die Vereinigten Staaten oder Europa als über ihre eigene Heimat".
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