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08.05.2005 03:00
 
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Das Volk will seine Zeit zurück - Karlsruher in Nicaragua [0]

Puerto Cabezas/Karlsruhe pes -
Die neue Zeit in Nicaragua gilt seit einem Monat (Foto: Sebastian Erb)
Für den, der es gewohnt ist, ist eine Zeitumstellung eine unspektakuläre Sache. In Nicaragua ist das anders. Der Präsident stellt die Uhren vor und das Volk rebelliert.
Statt in Deutschland Zivildienst zu leisten, ging ich, Sebastian Erb, nach Übersee, um für die Gemeinschaft tätig zu sein. Im Rahmen des "Freiwilligen Friedensdienstes" der Evangelischen Landeskirche in Baden lebe und arbeite ich für ein Jahr in Puerto Cabezas/Bilwi an der Karibikküste Nicaraguas. Während dieser Zeit berichte ich für ka-news über Land und Leute und sende auch meine ganz persönlichen Eindrücke nach Karlsruhe.

Es war einmal ein Präsident, der hatte es nicht leicht. Gemäß der Verfassung bündelte er zwar viel Macht in seiner Person. Aber ein Pakt in Reihen der Opposition, der die Mehrheit in der Nationalversammlung stellt, machte ihm das Leben schwer. Er fühlte sich bedroht, sprach von einem Staatsstreich, der schon längst über die Bühne gegangen sei. Dann auch noch das: Der Ölpreis stieg, die Energie wurde teurer. Zu teuer. Man nahm das Wort "Energiekrise" in den Mund. Was also tun? Der Präsident hatte eine wundervolle Idee. Kurzerhand stellte er die Uhren im Land um eine Stunde vor. Es wurde abends nun später dunkel, die Menschen verbrauchten weniger Strom und alle lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.

So hat sich das Enrique Bolaños vielleicht vorgestellt, als er kurz vor seiner Abreise zur Papstbeerdigung in Rom (darauf legt die Pressemitteilung wert) ein Präsidialdekret unterzeichnete. Er setzte seine Unterschrift unter das Dokument vom 6. April, das die offizielle Uhrzeit im Land um eine Stunde vorstellen sollte. Vor einigen Jahren wurde das schon einmal ausprobiert - ohne Erfolg. Drei Tage später sollte die Änderung bereits in Kraft treten. Das tat sie dann auch, zumindest offiziell. Aber die Bevölkerung will sich immer noch nicht so recht damit anfreunden. An der Atlantikküste schon gar nicht. Dort wird alles, was aus der Hauptstadt kommt, noch ein bisschen kritischer beäugt.

Die neue Zeit stößt auf Ablehnung

Manch einem, gerade von den Jüngeren, gefällt es, dass es nun abends erst nach 19 Uhr dunkel wird. Manch einem ist die Zeitumstellung schlichtweg egal: "Die offizielle Zeit gilt. Punkt." Unter vielen auf der Straße herrscht jedoch blankes Unverständnis.

In vielen Schulen jedoch wird wieder nach der alten Zeit gelernt
(Foto: Sebastian Erb)
Eine Stoffverkäuferin meint, sie selbst habe prinzipiell nichts dagegen. Aber wegen ihrer Tochter sei es schrecklich. Morgens so früh aufzustehen in der Dunkelheit, um rechtzeitig in die Schule zu kommen.Ein ernst dreinblickender Mann macht sich dagegen Gedanken um seinen Magen: "Der ist nicht daran gewöhnt, so früh schon Nahrung zu verarbeiten". Es sei absolut unmöglich, die natürliche Zeit durch die Präsidentenzeit zu ersetzen, meinen andere. Für einen älteren Mann, der kein Spanisch spricht, reicht ein einziges Wort, um zu beschreiben, wie er die neue Zeit findet. Mit tonloser Stimme haucht er das Wort auf Miskito: Schlecht. Die neue Zeit ist schlecht, schon aus Prinzip. Ein anderer bringt seine Politikverdrossenheit zum Ausdruck: "Der Präsident macht einfach so, was er will. Der soll sich mal um sinnvollere Dinge kümmern."

Überhaupt: Es sei sowieso nicht bewiesen, dass Energie gespart werde, heißt es immer wieder. Das ist es in der Tat noch nicht. Dafür war die bisherige Zeitspanne nach der Umstellung auch noch viel zu kurz und außerdem: Viele Menschen haben die Zeitumstellung noch gar nicht mitgemacht oder sind vom fahrenden Zug wieder abgesprungen. Immer wieder gehen Gerüchte um, die alte Zeit werde bald offiziell wieder eingeführt. Die lokalen Radiostationen mischen bei deren Verbreitung eifrig mit. Und was im Radio kommt, das glauben die Leute.

Durcheinander im Uhrenwald

Einige Schulen haben eigenständig eine Entscheidung getroffen. Dort wird wieder nach der alten Zeit gelernt. Denn früh morgens ist es noch zu dunkel für die Schulkinder, so das Argument. Auch wenn es auch nach der neuen Zeit schon vor sechs Uhr morgens hell ist und da sowieso noch kaum jemand unterwegs ist.

Verschiebung des Sonnenaufgangs: Gegen die Zeit der Natur?
(Foto: Sebastian Erb)
Was jetzt in der Stadt herrscht, lässt sich als ziemliches Durcheinander bezeichnen. Die einen leben und arbeiten nach der alten Zeit, die anderen nach der neuen. Die eine Uhr zeigt die Zeit, wie sie immer schon war, die andere die "hora bolaña". Nur die Uhrzeit zu übermitteln, das reicht nicht mehr. Eine Angabe muss hinzugefügt werden: alte oder neue Zeit? Unter Umständen lässt sich vielleicht noch ein Vorteil herausholen: Mit der alten Zeit anfangen zu arbeiten und mit der neuen aufhören...? All diese Probleme wiederum sind eine Bestätigung für die Neuzeitkritiker, die schon immer gewusst haben, dass diese Kunstzeit nichts taugt. Da eine offizielle Rücknahme der Reform nicht zu erwarten ist, müssen sie sich allerdings mit ihr arrangieren. Oder sie leben einfach in einer zeitlichen Parallelgesellschaft weiter.

Die Gewinner bei der ganzen Sache sind diejenigen, die auf Uhren sowieso keinen Wert legen. Diejenigen, die sie sich sowieso nicht nach so etwas Abstraktem wie der Uhrzeit richten, Zeitumstellung hin oder her. Sie sagen einfach "por la mañana" oder "por la tarde", am Vormittag oder am Nachmittag. Es kann so einfach sein.

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