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12.05.2009 13:49
 
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Werner Kersting: Vorsitzender von Stoffwechsel [0]

Bild:ka-news

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- Es ist über zwanzig Jahre her, dass Werner Kersting zum ersten Mal Kontakt zu Burkina Faso hatte. Der Eindruck damals war so stark, dass er sich bis heute für das Land einsetzt - unter anderem mit dem Karlsruher Verein Stoffwechsel, den er Anfang 2008 mitbegründet hat.
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Werner Kersting hat viel zu tun, am Freitag ist Stoffwechsel an einer Diskussionsveranstaltung im Rahmen der UN-Milleniumskampagne beteiligt und vor kurzem fand erst "Das große Lesen" statt, das ebenfalls von Stoffwechsel begleitet wurde. Kersting ist seit 15 Jahren Lehrer an der privaten Carlo-Schmid-Schule, doch schon viel länger hängt sein Herz an Afrika. Der gebürtige Hesse ist in Kassel aufgewachsen und studierte in Frankfurt, wo er auch seiner zukünftigen Frau begegnete, die aus Frankreich stammt. "Wir waren in Frankfurt damals politisch sehr engagiert", erzählt Kersting, "der Vietnam-Krieg hat uns natürlich alle beschäftigt."

Als Kersting 1978 ein Jugendhaus in Ettlingen übernahm, entstand über die Partnerschaft zwischen Ettlingen und der französischen Stadt Epernay die Verbindung nach Burkina Faso. "Die burkinische Stadt Fada N'Gourma ist wiederum die Partnerstadt von Epernay und über diese Verbindung war ich auf einem Work-Camp in Burkina Faso", so Kersting rückblickend. "Ich habe Afrika als etwas erlebt, das als Ursprung in uns allen vorhanden ist, etwa wie ein 'archaischer Moment', der allerdings in unserer Gesellschaft oft vom Wohlstand überdeckt wird." Die damals geknüpften Kontakte und Freundschaften hat sich Kersting bis heute erhalten, er besuchte das afrikanischen Land häufig und hatte im Gegenzug Gäste in Karlsruhe.

Auch seine Familie ist in das Thema Afrika involviert, sein Sohn, der zur Zeit in Mainz promoviert, engagiert sich für Partnerschaften zu Ruanda und seine Tochter war ebenfalls in Afrika."Der Kontakt mit den Menschen in Afrika ist sehr wichtig" erklärt der engagierte Lehrer, "das ist viel besser, als einfach 'Geld in den Rücken zu schenken', was viele Hilfsorganisationen machen." Denn dadurch werde die Entwicklung im Land nicht befördert, doch genau diese Entwicklung von innen heraus sei die einzige Möglichkeit für das Land, wirklich etwas zu verändern. "Zu einfache Antworten helfen leider oft nur scheinbar", so Kersting über ein allgemeines Problem der Entwicklungshilfe.

Natürlich seien auch die Spenden wichtig, beispielsweise sammle Stoffwechsel gerade für die Einrichtung einer Bibliothek in Burkina Faso. Darüber hinaus bietet Stoffwechsel die Teilnahme an Fahrten nach Afrika an. Bei Reisen mit Jugendlichen hat Kersting die Erfahrung gemacht, dass diese wesentlich emotionaler reagieren als Ältere: "Wenn es an die Rückkehr nach Deutschland ging, waren viele der Jugendlichen sehr traurig und haben geweint."  Seiner Meinung nach empfinden sie die Herzlichkeit und Wärme der Menschen in Afrika stärker.

Trotz Korruption und Gewalt in Afrika, glaubt Kersting speziell an Burkina Faso. "Das Land hat eine sehr lebendige Zivilgesellschaft", erzählt er, "als zum Beispiel ein Journalist ermordet wurde, haben Hunderttausende in Ouagadougou demonstriert." Besonders aufgeregt hat den Arika-Kenner die Äußerung von Peer Steinbrück, der kürzlich die burkinische Stadt mit Steueroasen in der Schweiz verglich. So etwas rührt seiner Meinung nach daher, dass Afrika immer noch als etwas Exotisches, Fremdes gesehen wird. "Würde man den Kontinent besser kennen, würde so etwas nicht passieren", bedauert Kersting.

Beschreiben Sie sich mit drei Worten
Vielfalt statt Einfalt

Was ist Ihre größte Stärke?
Skepsis

Was ist Ihre größte Schwäche?
Mangelndes diplomatisches Geschick

Was war als Kind oder Jugendlicher Ihr Traumberuf? Haben Sie damals jemals daran gedacht, das zu werden, was Sie heute sind?
Nein, weder gewünscht noch erwartet hatte ich eine (späte) Existenz als Lehrer. Als Schüler aufsässig und unausstehlich gegenüber Lehrerpersönlichkeiten, die durch Krieg und Nationalsozialismus geprägt waren. Hiervon zeitlich und persönlich inzwischen distanziert, lerne ich gern mit jungen Leuten.

Was würden Sie im Leben gerne noch erreichen?
Gelassenheit

Was nervt Ihren Partner am meisten an Ihnen?
Unaufmerksamkeit

Auf welchen Gegenstand möchten Sie im Leben nicht verzichten?
Mein Fahrrad habe ich nunmehr seit vielen Jahren. Es ist in mein wichtigstes Transportmittel in Karlsruhe und unverwechselbar. Es geht aber um mehr als den Gegenstand. Er steht für Erinnerung an Wege und Bewegung, auf die ich als Ex-Marathoni nicht verzichten möchte.

Wen würden Sie gerne auf den Mond schießen?
Alle Bürokraten, denen die Form über den Inhalt geht: "Wenn alle einstimmig singen, ist der Text ohne Bedeutung." (Stanislaw Lem)

Welcher Mensch beeindruckt Sie?
Der Karlsruher Bürgermeister Jäger als Dezernent für kulturelle und personale Sicherheit. Er hat die Aufgabe angenommen, Gegensätze zu vereinigen: die Quadratur des Kreises.

Welche Musik und welcher Film haben Sie am meisten beeindruckt?
Musik: Cesaria Evora (Sängerin Kapverden) mit dem Titel "Carneval de Sao Vicente"
Film: Bamako von Abderrahmane Sissako, Mali

Welches Buch haben Sie als letztes gelesen?
W.G. Sebald: Austerlitz

Sie werden als Tier geboren. Als welches?
Als Würm'che auf'm Türm'che

Sie tauschen einen Tag mit einer Person des anderen Geschlechts - wer wäre das?
Meine Tochter Jenny-Claire, denn sie hat die Power, die mir inzwischen verloren gegangen ist

Was finden Sie an Karlsruhe reizvoll?
Schlossplatz, wegen der Möglichkeit bei schönem Wetter immer angenehme Gesellschaft zum Boule-Spiel zu finden

Was würden Sie an Karlsruhe ändern, wenn Sie Oberbürgermeister wären?
Einen mindestens dreiwöchentlichen Workshop mit der gesamten Verwaltung zum Thema: "Leitbild 21.Jahrhundert: Von Herrschaftspraktiken aufgeklärter Monarchie zu zivilgesellschaftlichen Kooperationsformen" durchführen

Welches sind die markantesten Karlsruher / deutschen Köpfe?
Godfried Adoube…"Fußballgott" und Peter Sloterdijk ….der sein Leben ändert.

Sie leben in einem anderen Land. Welcher Grund könnte Sie dazu bewegen beziehungsweise davon abhalten, nach Deutschland einzuwandern?
Nach Deutschland würde ich als Bürger des Südens einwandern wegen Armut, Bürgerkrieg und Perspektivlosigkeit. Das Mittelmeer ist zum neuen Eisernen Vorhang geworden, so dass meine Einwanderung nur unter höchsten Risiken stattfinden könnte.

Es geht um das Glück der Republik. Welche Person, Gruppierung oder Idee sollte mehr Einfluss gewinnen?
"Glück der Republik", gibt es so etwas? Ich teile die Auffassung von Nelson Mandela, der meint, dass eine Nation nicht danach beurteilt werden soll, wie sie ihre höchsten Bürger behandelt, sondern ihre niedrigsten.

Wie und wo möchten Sie sterben?
Mir fehlt es hier an Erfahrung.

Kommen Sie in den Himmel oder in die Hölle?
Nie: entweder – oder! Immer: sowohl als auch!

(tan)

Mehr zu: Profil "Werner Kersting"



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