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24.10.2004 03:00
 
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Karlsruher in Nicaragua [0]

Puerto Cabezas/Karlsruhe pes -
Die Kinder in Puerto Cabezas lernen zwischen Kokospalmen
(Foto: Sebastian Erb)
"Wir sind die besten", sagt die Direktorin des Colegio Moravo. Das heißt aber noch lang nicht, dass ihre Schule so ausgestattet wäre wie eine in Deutschland.
Statt in Deutschland Zivildienst zu leisten, ging ich, Sebastian Erb, nach Übersee, um für die Gemeinschaft tätig zu sein. Im Rahmen des "Freiwilligen Friedensdienstes" der Evangelischen Landeskirche in Baden lebe und arbeite ich für ein Jahr in Puerto Cabezas/Bilwi an der Karibikküste Nicaraguas. Während dieser Zeit berichte ich für ka-news über Land und Leute und sende auch meine ganz persönlichen Eindrücke nach Karlsruhe.

Neun weiterführende Schulen gibt es in Puerto Cabezas, fast alle in kirchlicher Trägerschaft. Die "Segundaria" dauert fünf Jahre und baut auf sechs Jahren Grundschule auf. Für die Direktorin des "Colegio Moravo Juan Amos" ist es keine Frage, welche Schule die Nase vorn hat. Daisy Perryman zögert nur kurz: "Eigentlich sollte man es ja nicht so sagen, aber wir sind die besten." Nicht nur in der Stadt, sondern auch im ganzen Land könnten sie gut mithalten. Voller Stolz zeigt sie eine Auszeichnung, die der Kultusminister vor einiger Zeit der Schule verliehen hat. Persönlich ist er gekommen und sogar das Fernsehen hat darüber berichtet.

Direktorin Perryman: "Wir sind die besten" (Foto: Sebastian Erb)
Es ist ein Teil meiner Arbeit an der Schule, gegründet 1969, zu unterrichten. Im Moment bringe ich Anfängern etwas Französisch bei."Es ist gut, wenn die Schüler zusätzlich etwas lernen, ihren Horizont erweitern", begründet die Direktorin den Wunsch, dass ich als Französischlehrer an der Schule mitarbeiten möge. Es war nicht unbedingt das, was ich erwartet hatte, aber warum nicht.

Zerfledderte Bücher und ein alter Globus

Die Schule liegt am Stadtrand, gleich neben dem Friedhof. Rundherum Brachland, ein paar Kokospalmen. Im hufeisenförmigen Bau sind ein Dutzend Klassenzimmer untergebracht, direkt vom Hof aus zugänglich. Lediglich ein Dach vor den Räumen schützt etwas vor der Witterung. In der Aula plättert an den Metallstühlen die Farbe ab. Wenn es trocken ist, liegt Staub in der Luft, der sich bis in die hintersten Winkel festsetzt. Bei Regen wird der Sand im Schulhof zu Matsch und die Regentropfen prasseln so stark auf das Wellblechdach, dass im Klassenzimmer die Verständigung schwierig wird. Wenn dann noch der Strom ausfällt, ist es kaum noch möglich zu unterrichten.

Aber auch bei heiterem Sonnenschein gibt es Probleme. "Es gibt nicht so viele Möglichkeiten, zu arbeiten", sagt Daisy Perryman. Vor allem bei den Naturwissenschaften fehle es an der nötigen Ausstattung. Im Fach Chemie zum Beispiel könnten kaum Experimente durchgeführt werden. Stattdessen ist Theorie an der Tagesordnung. Doch auch die Ausstattung mit Büchern ist alles andere als berauschend. Gleich neben der Aula ist die Bibliothek. Ein kleiner Raum, einige Tische, einer fällt fast auseinander. Die meisten Bücher haben schon etliche Jahre auf dem Buckel. Der Globus zeigt eine Welt, wie sie zu Zeiten des Kalten Krieges aktuell war. Trotz aller Einschränkungen ist die Direktorin überzeugt, dass die Schule ihren Schülern wichtige Kenntnisse vermittelt: "Wir tun unser bestes dafür."

Unten Blau, oben weiß

Die Schuluniform in den Nationalfarben gehört dazu (Foto: Sebastian Erb)
Dennoch: Mir scheint, dass es hier mit dem Unterricht ein bisschen lockerer genommen wird als in Deutschland.Wenn zwei Tage lang Nicaraguas Unabhängigkeit gefeiert wird, fällt der Unterricht gleich für eine Woche aus. Stattdessen wird fleißig marschieren und trommeln geübt.

Blaue Hosen, weißes Hemd und Krawatte tragen die Jungs. Die Mädchen eine weiße Bluse, einen blauen Rock und blaue Strümpfe. Die Schuluniform in den Nationalfarben gehört zum Schulalltag dazu. Sie soll alle gleich machen, soziale Unterschiede aus der Schule heraushalten, wie Daisy Perryman erklärt.

Neben Geld vom Staat finanziert sich die Schule hauptsächlich über Schulgeld. Umgerechnet knapp zehn Euro muss jeder Schüler pro Monat bezahlen, eine Summe, die sich nicht jede Familie für all ihre Kinder leisten kann.

"Der Lehrerberuf ist so undankbar"

Gelehrt wird im Schichtbetrieb. Ein Teil der rund 500 Schüler kommt am Vormittag, ein Teil am Nachmittag und ein Teil nur samstags. Mancher Pädagogen ist so ganz schön im Stress. Um das recht niedrige Gehalt aufzustocken, unterrichten einige Lehrer vormittags, nachmittags und je nachdem auch noch abends an verschiedenen Schulen. Zwischen Lehrern und Schülern herrscht eine freundliche, fast freundschaftliche Atmosphäre. Das liegt vielleicht daran, dass viele der Lehrer recht jung sind.

Die Direktorin gehört zu den älteren Semestern.Daisy Perryman stammt aus Bluefields, der Hauptstadt der südlichen Autonomieregion Nicaraguas. Sie gehört der kreolischen Volksgruppe an, spricht eine Art karibisches Englisch als Muttersprache, inzwischen aber sind ihr viele Begriffe im Spanischen geläufiger. Seit 44 Jahren ist sie Lehrerin und hat nicht nur gute Erfahrungen mit ihrem Beruf gemacht: "Der Lehrerberuf ist so undankbar, all die Liebe und Aufmerksamkeit, die man schenkt und oft nicht zurückbekommt."

Auch hier bringen Schüler das Handy mit in die Schule

Es gebe aber auch Lichtblicke. Manchmal trifft sie nach Jahren einen ehemaligen Schüler, der es weit gebracht hat, der nun Anwalt ist oder Arzt. Da freut sie sich dann und es tröstet sie ein wenig darüber hinweg, dass viele ihrer Schüler keine allzu gute Perspektive für ihre Zukunft haben. Arbeit gibt es wenig in Nicaragua und das gilt ganz besonders für die Atlantikküste. Selbst wer nach der Schule seine Ausbildung an der Universität fortsetzt, muss sich später oft mit schlecht bezahlten Jobs durchschlagen, wenn er überhaupt Arbeit findet.

Die meisten Bücher in der Bibliothek haben schon viele Jahre auf dem Buckel (Foto: Sebastian Erb)
In vielem unterscheidet sich die Schule hier nicht von einer in Deutschland. Die Schüler bringen ihr Handy mit in die Schule, haben keine Lust auf Hausaufgaben und spielen nach dem Unterricht gern Fußball. Ein Unterschied ist aber, dass viel mehr zwischen den einzelnen Schülern verglichen wird.

Das aktuelle Schuljahr geht noch bis Ende November, dann werden die Zeugnisse ausgeteilt und auch Ranglisten aufgestellt, wer in welchem Fach der beste ist. Diese Schüler dürfen dann ihre Schule bei landesweiten Wettbewerben vertreten. Ab Dezember gibt es dann ersteinmal über zwei Monate Ferien. Für die Direktorin Daisy Perryman sind es nun die letzten Monate an der Schule. Wenn sie darüber spricht, liegt Wehmut in ihrer Stimme.

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