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Leipzig (dpa) Bayern-Block bringt Löw ins EM-Gleichgewicht

Eine Glanznummer war es nicht. Die EM-Generalprobe aber hat für den Bundestrainer einige wichtige Fragen beantwortet. Nun geht es in den Vorbereitungsendspurt. Nach dem Besuch der Holocaust-Gedenkstätte in Auschwitz will Joachim Löw ganz auf Portugal umschalten.

Rückenwind
Der Sieg im letzten Test vor der EM stärkt wieder das Selbstbewusstsein der deutschen Spieler. Foto: Jan Woitas | Bild: Foto: dpa

Der Bundestrainer schickte sein EM-Personal mit einigen Hausaufgaben in die letzten freien Tage vor dem Ernstfall. Der Chef konnte auf dem kurzen Flug von Leipzig zur Holocaust-Gedenkstätte Auschwitz, die eine kleine DFB-Delegation am Freitag besucht, schon seine Gedanken Richtung Turnierstart am 9. Juni ordnen. «Ich bin weder in Sorge noch kann ich mich völlig zurücklehnen», sagte der Bundestrainer zum Status quo. Abwehrmann Per Mertesacker formulierte: «Wir haben ein gutes Potenzial. Wir brauchen Zeit, um als Mannschaft zu funktionieren. Das Turnier wird der Prüfstein werden.»

Die 2:0-Generalprobe gegen Israel hat trotz wenig Glanz und viel Qual Bundestrainer Löw ins persönliche Gleichgewicht gebracht. «Ich kann viele Dinge einordnen», erklärte Löw nach einer Partie, die ihm wertvolle Erkenntnisse lieferte, obwohl sein Team vor 43 241 Zuschauern bei Schmuddelwetter in der Leipziger Arena nicht wirklich gefordert worden war. Seine EM-Startelf steht praktisch. Nur um den Gesundheits- und Fitnesszustand von Vize-Kapitän Bastian Schweinsteiger gibt es für Löw noch größere Ungewissheit. Unabhängig davon spürten Spieler und Trainer einen Hauch Rückenwind.

«Die Spieler sollen jetzt zwei Tage durchschnaufen. Aber das ist individuell, alle sind mit Trainingsplänen ausgestattet», berichtete Teammanager Oliver Bierhoff, der wie Löw, Verbandspräsident Wolfgang Niersbach, Kapitän Philipp Lahm, Lukas Podolski und Miroslav Klose eine Woche vor EM-Beginn im Gastgeberland Polen die Opfer des nationalsozialistischen Terrors ehrte. «Das ist für mich unheimlich wichtig», sagte der gebürtige Pole Klose zum emotionalen Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau.

DFB-Präsident Niersbach ist auch vom sportlichen Erfolg der EM-Mission überzeugt. «Wir werden dann eine erfolgreiche EM spielen, wenn Ihr Euch als verschworene Einheit präsentiert», sagte der neue Verbandschef in einer Ansprache zur Mannschaft kurz vor Mitternacht im Leipziger Teamhotel. Für Löw war am wichtigsten, dass die Verlierer-Bayern, wie die acht Münchner EM-Spieler nach einem knapp verlorenen Champions-League-Finale sowie deutlicheren Niederlagen im Pokalfinale und in der Meisterschaft öffentlich bezeichnet wurden, «wieder in der Spur» sind. «Das war sicherlich gut. Man hat ihnen schon zuvor angemerkt, das sie wieder Freude in der Nationalmannschaft haben», betonte der DFB-Chefcoach.

Nach Israel ist klar: Löw wird wie in der souveränen Qualifikation auch bei der EM ganz auf die internationale Qualität der Bayern-Stars setzen; die Meisterspieler aus Dortmund bleiben nur Ersatzlösungen. Kapitän Lahm wird das Turnier wohl auf der linken Seite beginnen, Marcel Schmelzer muss auf die Bank. Mats Hummels bleibt zunächst nur die Rolle des Herausforderers zum Innenverteidiger-Duo Mertesacker und Holger Badstuber. «Es war wichtig, nach fünf Gegentoren wieder zu Null zu spielen», wies Lahm auf defensive Verbesserungen hin, obwohl das Spiel gegen Israel keine EM-Probe für die Abwehr war.

«Man ist nicht völlig zufrieden, aber auch nicht in Sorge», fasste Löw eine «zerstückelte» Vorbereitung zusammen, die lange nicht nach seinen Vorstellungen lief. Der Chef der deutschen EM-Mission setzt ganz auf die Erfahrung der vorangegangenen Turniere. Auch da hatte zunächst nur wenig auf die erfrischenden und erfolgreichen WM- und EM-Auftritte hingedeutet. «Ich weiß, dass es in der Vorbereitung auch eine Handbremse gibt, die dann gelöst wird», erklärte Löw mit Hinweis auf Fortschritte gegenüber dem irritierenden 3:5 gegen die Schweiz.

«Es war ordentlich, die ganze Abwehr war in diesem Maße nicht ganz so gefordert, war aber auch nicht so offen. Das Mittelfeld war strukturierter in der Defensive», analysierte der Freiburger. Gomez' 1:0 (40.) und das 2:0 durch den wieder starken Joker André Schürrle acht Minuten vor dem Ende sorgten für allgemeine Beruhigung im deutschen Lager, auch wenn ein Stück Ungewissheit bleibt. Der sich steigernde Lukas Podolski unterstrich: «Wir arbeiten auf Portugal hin. Ich habe schon mal gesagt: Da muss der Rasen brennen.»

Das größte Fragezeichen heißt Schweinsteiger. Der Bayern-Profi soll nach der Anreise der Nationalmannschaft ins EM-Quartier nach Polen an diesem Montag ins Teamtraining einsteigen. «Schweinsteiger war jetzt das erste Mal wieder schmerzfrei», berichtete Löw noch in Leipzig. Als Entwarnung aber kann das nach Schweinsteigers Saison der Leiden noch nicht gewertet werden. Auch alle anderen Spieler wurden am Freitag von der medizinischen Abteilung noch einmal intensiv durchgecheckt, wie Bierhoff verriet. Denn eines machte Löw klar: Pflegefälle will er nicht in den EM-Ernstfall schicken.

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