16  

Unsensibel und entrückt – warum half niemand dem Trainer?

Das war vorauszusehen. Als Trainer Edmund Becker den Publikumsliebling und Aktivposten des KSC-Spiels, Godfried Aduobe, auswechselte, provozierte er im Stadion den kollektiven Volkszorn. Dabei hatte der Ghanaer bereits unter der Woche aufgrund muskulärer Probleme nicht trainieren können und hätte ihm nun wegen der im Spiel auftretenden Beschwerden eine längere Auszeit gedroht.

Die Zuschauer, die dies nicht wissen konnten oder wollten, forderten vehement „Becker raus!“ – ja, selbst nach dem Ausgleichstreffer Giovanni Federicos hatten sich manche noch nicht beruhigt. Und sicher, wenn man um die Verletzung Aduobes nicht wusste, so hätte die Wechselentscheidung des Trainers tatsächlich keinerlei Sinn ergeben. Um so mehr hätte man auf Seiten der Verantwortlichen allerdings wissen müssen, dass das Publikum angesichts der momentanen Stimmung genau so und nicht anders reagieren würde.

Umsichtig wäre es daher gewesen, wenn man Stadionsprecher Martin Wacker vorher kurz Bescheid gegeben hätte, er solle die Auswechslung mit der Floskel "für den verletzten Godfried Aduobe kommt nun..." flankieren. Und eine Anzeigetafel kann man gewiss auch gerne einmal für eine solche Zusatzinformation verwenden. Ebenso hätte aber auch Aduobe mit Gesten zeigen können, dass er verletzungsbedingt gehen muss. Alles soweit nicht ungewöhnlich und ein im Fußball seit Jahrzehnten gebräuchlicher Usus. Weshalb man also Becker derart ins offene Messer laufen und zum Ziel des Unmuts werden ließ, ist ein Rätsel und mag als Beispiel dafür dienen, wie unsensibel und entrückt man sich auf Seiten des KSC zur Zeit präsentiert.

Dorthin, wo der Pfeffer wächst

Man muss zwar nicht auf jede Kritik oder Strömung außerhalb des Vereins reagieren – doch um sie wissen ist schiere Notwendigkeit. Zumal in einer Phase, in der sich die Verantwortlichen in der Geschäftsstelle als auch auf und neben dem Platz mit zunehmender Kritik konfrontiert sehen. Diese Kritik ist nicht einheitlich. Besonders gilt dies für die unverhohlenen Forderungen nach Trainer- und Managerentlassungen. Gleich zu Beginn des Spieles gegen die TSG Hoffenheim waren im Fan-Block erneut große Transparente zu sehen, auf denen man Becker, Manager Rolf Dohmen und den Vorstand dorthin wünschte, wo gemeinhin der Pfeffer wächst.

Dass sich die Fans, und im besonderen die Ultras, inzwischen derart offensiv äußern, ist zwar ungewöhnlich, aber legitim. Ob Art und Inhalt zutreffend und für den Verein das Beste sind? Nun ja, darüber lässt sich, wie über nahezu alles im Fußball, trefflich streiten und diskutieren. So auch gestern im Stadion. Als die Plakate zu sehen waren, kam aus der vis á vis gelegenen Kurve, dem Block A1, die lautstarke Erwiderung "Ultras raus". Bereits die Schweigeaktion der Ultras in den ersten zehn Minuten des Heimspiels gegen Borussia Mönchengladbach war von vielen anderen Zuschauern, gerade auch der benachbarten Blöcke, mit Pfiffen und Unverständnis quittiert worden.

Bestandteil des Systems

Letztlich wird tatsächlich entscheidend sein, wie der KSC diese Saison abschließen und die kommende Spielzeit, egal in welcher Liga, konzeptionell angehen wird. Diese Leistungsbilanz wird ein unmissverständliches Zeugnis ausstellen, an dem die Entscheidungsträger gemessen werden können. Noch ist der Klassenerhalt möglich, da sowohl Mönchengladbach als auch Cottbus nicht in der Lage zu sein scheinen, sich entscheidend zu stabilisieren.

Für Rolf Dohmen und den noch immer entschlossen wirkenden Edmund Becker bedeutete dies, es allen Skeptikern doch noch gezeigt zu haben. Dieser Erfolg ist den beiden Sympathikern zwar unbedingt zu wünschen, doch erscheint selbst in diesem Falle ein "Weiter so!" nach den Erregungen dieses Frühjahrs ausgeschlossen. Denn die Pfiffe vom Samstagnachmittag belegen, dass das Vertrauen in die Entscheidungen der Macher erschöpft ist.

Der Autor ist Herausgeber und Chefredakteur von "Auf, Ihr Helden! Magazin für Fußballzeitgeschichten" (www.heldenmagazin.de). Dreisigackers KSC-Kolumne "Nachspielzeit" erscheint wöchentlich bei ka-news.de.

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Unsere Sonderthemen
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert